Manche Worte sind eindeutig Kampfbegriffe – ob ich Mohrenkopf oder Schaumkuss sage, verrät im Jahre 2020 ziemlich eindeutig, wo ich politisch stehe. Bei heikleren Begriffen hilft klärend der Griff zum Duden. Leider hat es das neue Modewort Cancel Culture noch nicht in den gelben Wälzer geschafft – bis dahin muss man sich selbst behelfen: Der aus den USA importierte Ausdruck beschreibt, dass prominente Personen oder Institutionen boykottiert werden. Der Begriff wird für unterschiedliche Handlungen benutzt: das Blocken eines Twitter-Accounts im Netz, die Entfernung von Denkmälern oder die Absage einer geplanten Veranstaltung. Grund ist immer, dass den Ge-„Cancelten“ beleidigende oder diskriminierende Aussagen oder Handlungen vorgeworfen werden.

Debatte um J.K. Rowling

Zuletzt betraf das zum Beispiel „Harry Potter“-Autorin J.K. Rowling – sie war für Äußerungen über Transfrauen angegriffen worden, woraufhin namhafte Schauspieler sich von ihr distanzierten und Verlagsmitarbeiter ankündigten, die Arbeit an einem neuen Kinderbuch Rowlings zu boykottieren. In den Fokus einer breiten Öffentlichkeit rückte „Cancel Culture“ im Juli durch einen offenen Brief Rowlings und anderer bekannter Autoren wie Margaret Atwood und Daniel Kehlmann. Darin beklagen die Unterzeichner eine „massive Einschränkung“ der öffentlichen Meinungsdebatte. Seitdem wird in den Feuilletons heftig diskutiert.

Enormer Grad an Aufgeregtheit

Aber – Schritt zurück – ist das Ganze wirklich ein neues Phänomen? Jein. Tatsächlich werden seit einigen Jahren überfällige Debatten nachgeholt – unter erschwerten Umständen, weil durch die sozialen Netzwerke immer blitzschnell und auf der internationalen Bühne. Gar nicht neu: dass aggressiv gegen andersartige Meinungen protestiert wird. Wirklich aktuell ist vor allem der Grad der (medialen) Aufgeregtheit darüber. Extrem unhilfreich scheint in diesem ganzen Prozess vor allem der Ausdruck „Cancel Culture“ selbst – ein Kampfbegriff, der die Debatte anheizt. Fällt er, macht es das noch schwerer, aus den eigenen Blasen raus zu kommen und (wieder) in eine inhaltliche Diskussion einzusteigen.

Tut Not: Diskussion über Inhalte

Die große Aufgeregtheit („Darf-ich-noch-Harry-Potter-lesen?“) lenkt dabei von wichtigen Fragen ab: Etwa, ob man eine historisch umstrittene Statue stürzen sollte oder besser eine Plakette anbringt, die den Hintergrund kritisch einordnet. Darüber kann und muss man intensiv diskutieren – was leider viel länger dauert, als einen Tweet pro oder contra abzusetzen.