Kunst
: Festival Rohkunstbau in Lieberose

Zeitgenössische Kunst in einem halbverfallenen Schloss - eine aufregende Kombination.
Von
Inga Dreyer
Lieberose
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Im Schloss zu Besuch: Die Arbeiten "Usagi Greeting" (vorne, patinierte Bronze) und "Doppelfigur in Blau" (Öl auf Jute) von Leiko Ikemura

© Jan Brockhaus

Bereits 2017 und 2018 war das Festival, das seit 25 Jahren zeitgenössische Kunst aufs Land bringt, in dem gelben, wehmütig vor sich hin bröckelnden Schloss am Rande des Spreewaldes zu Gast. 2019 fiel das Festival aus. Trotz etlicher Widrigkeiten ist es 2020 geglückt. Am zweiten Eröffnungswochenende ist die Ausstellung gut besucht – so gut es eben geht. Die Zahl der Besucher ist limitiert, alle tragen Mundschutz. Tickets können vorher online für ein einstündiges Zeitfenster gebucht werden, was für die Zahl an Werken – darunter auch längere Video-­Arbeiten – knapp ­bemessen ist.

Da ist beispielsweise der Film „The Swap“ (Das Tauschgeschäft) von Julian Rosefeldt, in dem sich düster dreinblickende Gangster auf einem Parkplatz zwischen Containern treffen, um einen Koffer zu übergeben. Aus diesem Unterfangen entwickelt sich eine Choreografie – mit unbeweglichen Mienen führen sie einen stummen, absurd wirkenden Gesellschaftstanz auf.

Weiter führt der Weg über Holzbretter durch das unsanierte Schloss. Verschiedene Generationen von Tapeten lösen sich von den Wänden, DDR-Stühle stehen in den Gängen. Unter einer von Engeln bewohnten, opulent gestalteten Decke zeigt Bettina Pousstchi nüchterne Objekte. Ihre verbogenen, metallenen Baumschutzbügel wirken an diesem Ort wie Grüße aus einer fremden, merkwürdig sachlichen Zeit. Arbeiten der deutsch-­iranischen Künstlerin, die für ihre Interventionen im öffentlichen Raum bekannt ist, sind derzeit auch in der Berlinischen Galerie zu sehen.

Wegen Corona wenig Zeit für die Planung

An diesem Nachmittag sind die Kopien mit Werkbeschreibungen ausgegangen – auch deshalb wird Heike Fuhlbrügge sehnsüchtig erwartet. Als Kuratorin hat sie in diesem Jahr ihren Vorgänger Mark Gisbourne abgelöst. Sie hatte wenig Zeit, denn erst sechs Wochen vor der Eröffnung war klar: Rohkunstbau findet statt. Erst fehlte das Geld, dann kam Corona. Die Kuratorin, dem Stau entronnen, schneit schließlich herein und beginnt Zettel mit Werk- und Künstlernamen aufzuhängen.

Normalerweise setzen sich die Künstler mit dem konkreten Ort auseinander. In diesem Jubiläums- und Corona-Jahr aber ist einiges ein bisschen anders. Die Kuratorin sprach einige der 200 Künstler an, die bereits bei Rohkunstbau-Ausstellungen vertreten waren – und nun bereits fertige Werke präsentieren. „Darunter sind viele, die beim ersten Mal noch gar nicht so bekannt waren wie heute.“ Zu sehen sind unter anderem Arbeiten von  José Noguero, Karin Sander, Thomas Scheibitz, Ayşe Erkmen, Christiane Möbus und Bjørn Melhus.

Thomas Rentmeister zeigt im Obergeschoss ein nacktes Metallbett ohne Matratze. In einem Nebenraum steht ein Doppelstockbett, drapiert mit Kuscheltieren und Pappkartons. Der Künstler habe diese Szenerie so in einem verlassenen Flüchtlingsheim vorgefunden und sie originalgetreu nachgestellt, erzählt Heike Fuhlbrügge, während sie weiter Zettel klebt.

Im nächsten Raum ein kurzer Schreck: Unter den eigenen Füßen befindet sich plötzlich das Werk, ein gewebter Teppich. Verstohlener Blick zur Kuratorin. Alles in Ordnung. „Ich habe ihn so hingelegt, dass man rüberlaufen muss“, erklärt sie. Der Künstler Michael Sailstorfer wollte das so. Sein Teppich besteht aus Fetzen unterschiedlicher Polizeiuniformen. Indem Besucher darauf treten, berührt das Objekt die aktuelle Debatte um Macht, Ohnmacht und Gewalt – von und gegenüber Polizisten.

Während hier die Brutalität im Zentrum steht, findet sich die Zärtlichkeit an vielen anderen Stellen wieder – beispielsweise im Film „Steamboat Dionysius“ von Olga Chernycheva, der eine Fahrt auf einem russischen Ausflugsdampfer zeigt. Die Mitfahrenden singen und tanzen zu Schlagermusik an Deck, fahren in den Sonnenuntergang und liegen sich dabei in den Armen – ein ungewohnter und irgendwie tröstlicher Anblick in diesen Tagen.

Infos: bis 20.9.; Sa/So 12-18 Uhr Schloss Lieberose, Schlosshof 3, Lieberose; ­Tickets über www.rohkunstbau.net

Kunst am unwahrscheinlichen Ort

Das Festival Rohkunstbau bringt seit 1994 zeitgenössische Kunst aufs Land. In Lieberose ist es zum dritten Mal zu Gast; andere Stationen waren unter anderem das Wasserschloss Groß Leuthen oder das Schloss Sacrow. 2019 fiel das Festival aus, denn der damalige Träger, die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg, hatte sich zurückgezogen. Dadurch sei auch die Förderung der Kulturstiftung des Bundes ausgefallen, teilte der Verein der Freunde des Rohkunstbau mit, der inzwischen die Trägerschaft übernommen hat.⇥id