Kunst
: Frankfurter Künstler Michael Voll - Den Pfeilen der Gedanken folgend

Michael Voll kam als Stadtplaner nach Frankfurt – und war schon damals auch und vor allem Künstler. Auch in seinen Bildern baut er Räume für Assoziationen. Porträt eines Unabhängigen.
Von
Silvia Fichtner
Frankfurt (Oder)
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  • Plättchen, die sich zu Pagoden stapeln: der Frankfurter Michael Voll in seinem Atelier

    Plättchen, die sich zu Pagoden stapeln: der Frankfurter Michael Voll in seinem Atelier

    Silvia Fichtner
  • Michael Voll: Landschaft mit großem Bauwerk, 1987

    Michael Voll: Landschaft mit großem Bauwerk, 1987

    Michael Voll
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Der Schweizer Schriftsteller, von seinen Zeitgenossen Hermann Hesse, Franz Kafka, Max Brod, Robert Musil, Walter Benjamin, Kurt Tucholsky, Christian Morgenstern zutiefst bewundert, schrieb gleichsam ums Überleben, denn es glückte ihm nicht, sich den Konventionen und Erwartungen der Gesellschaft „anzuschmiegen“.

So jedenfalls gesteht er durch einen seiner Protagonisten, denen er generell gerne seine eigenen Ansichten in den Mund legte und auf diese Weise den Verhältnissen entgegenhielt. Michael Voll scheint sein Bruder im Geiste und nutzt dieses Arbeitsprinzip auf neuer Ebene.

Geboren in Ostberlin, darauf legt er Wert, der Vater Architekt, die Mutter Buchhalterin, später Hausfrau, kennt er das Leben in zwei Gesellschaftssystemen. Im Sozialismus macht er Abitur, damals noch mit Berufsausbildung als Betonbauer. Ein Architekturstudium liegt nahe – in Weimar,  dem Hort des Bauhauses, an der Hochschule für Architektur und Bauwesen. Mittendrin schwenkt er um, von der Architektur in die Stadtplanung.

Dann lockt die Stadt Frankfurt Städteplaner an die Oder. Mit der in Aussicht gestellten Wohnung klappt es nicht so reibungslos wie erhofft, über die konfliktreiche Suche nach Parametern für modernes Wohnen im Sozialismus schrieb Brigitte Reimann in ihren Roman „Franziska Linkerhand“, der 1974 heiß diskutiert wurde. Doch für die Verbindung von Wohnen/Leben in künstlerisch gestaltetem Umfeld hatte die DDR Sinn, wenn auch nicht immer genug Geld.

Sieben Jahre arbeitet Voll im Büro für Städtebau Frankfurt und zeigt sich nebenbei als Künstler. Zur Wende ist er bereits seit elf Jahren freischaffender Zeichner und Maler. Um über maue Zeiten zu kommen, arbeitet er  gelegentlich in seinem ursprünglichen Beruf. Überschwang kannte/wollte er nie. Ballast macht abhängig. Bis heute wohnt er im DDR-Plattenbau, ausgerüstet mit dem, was er für notwendig hält.

Die rätselhafte Ästhetik seiner Zeichnung und Malerei ist –  wie bei Walsers Literatur – auf den ersten Blick unverfänglich. Assoziationen stehen dem Betrachter frei. Darin hatte man in der DDR  Übung. Bilder von Michael Voll haben es gar in die DDR-Kunstausstellungen geschafft: „Stadt total“ und „Landschaft mit großem Bauwerk“. Ersteres sei „gleich in den Westen“ verkauft worden, das zweite erwarb das Museum Junge Kunst Frankfurt (Oder), heute Brandenburgisches Landesmuseum für Moderne Kunst.

Dieser Tage begegnet man diesem Bild in der aktuellen Ausstellung des Museums in der Frankfurter Rathaushalle. „Urbane Kommentare“ heißt die Schau und Volls Kommentar ist wie stets eine Verführung zum Gedankenspiel.

Hinter der faszinierenden Akkuratesse seiner Ausführung liegt ein weites assoziatives Terrain. Häufig verzichtet der Künstler auf Bildtitel, gibt sie allenfalls verknappt dazu. „Ich mag keine Zweckbestimmung, die Gesellschaft zwingt uns, in allem einen Sinn zu sehen, bestimmt uns, nützlich zu sein, einen Zweck zu verfolgen. So war es und so ist es. Ich kann nur frei sein, frei arbeiten, wenn ich impulsiv, instinktiv bleibe. Habe ich eine Bildidee, mache ich mir nur Stress, weil sie am Ende nie so wird wie ich sie mir gedacht hatte.“

Die Linien, die Feinheit, Präzision der Darstellungen, die Formungen lassen unterschwellig noch den Architekten, den Städteplaner erahnen, haben ihn allerdings längst auch hinter sich gelassen. Die Gedanken des Betrachters nehmen allemal Fahrt zu anderen Ufern auf. Die farbenfrohen Plättchen, die sich mutig zu Pagoden stapeln, leuchten weithin – als Dach der Welt. Doch es kommt schon ins Rutschen, die Farben bluten hinein ins Einheitsgrau. Tibet – so nennt Voll dieses Aycrylbild.

Tibet, eine alte Kultur, eine mühevoll behauptete Autonomie, die erschüttert wird. Freiheit in Bedrängnis, Unabhängigkeit in Fesseln. Dieses Bild hing bis vor kurzem in einer Ausstellung in der Frankfurter Marienkirche, der die Kuratorin Anke Zeisler den bezeichnenden Titel  „Was du nicht siehst“ gegeben hatte. Der zweite Teil der Bilderschau ist noch bis Jahresende in der Sparkasse Märkisch-Oderland in Strausberg zu sehen. Auch dort ist Michael Voll präsent – mit dem Bild „Das Jahr“, einem  Kalendarium, das jeden Tag als Horizont ausweist. Die Farbmischungen, die Voll in Minischrift daneben geschrieben hat, helfen, sich die geheimnisumwitterten Tages-Horizonte zu deuten.

Michael Volls Geheimnisse verstecken sich in handlichen Kritzel-Büchlein, wie er sie nennt. Schon seit er als Städteplaner nach Frankfurt kam, als noch Paul Klee, Wassily Kandinsky, Hilma af Klint seine Seele bevölkerten, sind ihm die Büchlein Lebenspartner. 13 sind bisher gefüllt mit Gedankensplittern, Stimmungsbildern, grafischen Psychogrammen. Noch nicht von „der Leine gelassen“. Pfeile schwirren über die Buchseiten. Suchen sie kraftvoll ein Ziel? Aber was geschieht, wenn sie kreisen, wirbeln, die Richtung wechseln? Sich der Masse entziehen? Welche Ordnung, welche Macht gerät da durcheinander? Kein Funktionieren mehr. Doch sind das zwingend Irrwege? Ornamentale Gebilde flirren zu Schleiern, Kringel finden sich zu ungewissen Gefügen, mystische Landschaften, ambivalente Häuser wachsen auf dem Papier. Was wird daraus, wenn Voll die Skizzen in Bilder transkribiert?

Er ist nicht allein, weil er allein in seiner Neubauwohnung lebt. Es gehört wohl zu der Erkenntnis seines Daseins: „Herrlich ist des Einsamen Freiheit“. So liest man bei Robert Walser, der lange Spaziergänge liebte und auf einem solchen im Winter starb, im Schnee, entdeckt erst nach einer Weile von einem Hundchen und herumstromernden Kindern. Man hört Voll laut lachen bei dem Gedanken. So ganz ohne Bindung zur Familie und zu Freunden ist er ja nun doch nicht. Und: „Ich zeichne, ich male, um zu überleben!"  In der Kiste mit den Büchlein rumort es vernehmbar.

Bilder von Michael Voll sind gegenwärtig zu sehen in „Urbane Kommentare“, bis 30.8., Rathaushalle, Marktplatz 1, Frankfurt, Di-So 11-17 Uhr; „Was du nicht siehst“, bis 11.12.,  Sparkasse Märkisch-Oderland, Große Straße 2/3, Mo/Fr 8.30-15.30, Di/Do 8.30-18.30, Mi 8.30-13 Uhr; „Struktur im Chaos“, bis 4.9., Verein Kunstregen, Trafo 1: Regenmanteler Str. 34, Falkenhagen, Trafo 2: Wiegehäuschen, Maxim-Gorki-Str., Dolgelin