Leipziger Buchmesse: Was Direktorin Astrid Böhmisch 2025 plant

Astrid Böhmisch, Direktion der Leipziger Buchmesse, steht im Messehaus in Leipzig. Im März 2024 hat die erste Buchmesse unter der Leitung der Germanistin und Anglistin nach dem Abschied des langjährigen Direktors Oliver Zille stattgefunden.
Hendrik Schmidt/dpaEin neuer Zeitabschnitt beginnt für die Leipziger Buchmesse: 2023 hat der langjährige Leiter Oliver Zille unvermittelt und vorzeitig seinen Rückzug vom Posten des Direktors der Frühjahrsschau des Buchhandels angekündigt. Als seine Nachfolgerin nahmen der Börsenverein des deutschen Buchhandels und die Leipziger Messe die bislang vor allem im Marketing tätige Astrid Böhmisch unter Vertrag. In ihrem ersten Buchmessejahr in diesem März hat die Germanistin und Anglistin noch weitgehend die Programmplanungen von Oliver Zille übernommen.
Im nächsten Jahr – die Leipziger Buchmesse soll vom 27. bis 30. März 2025 stattfinden – wird sie eigene Akzente setzen. Im Telefonat erklärt Astrid Böhmisch, was ihre Vorstellungen von der Publikumsmesse sind, wie sich der Buchmarkt entwickelt – und was sie selbst zuletzt gelesen hat.
Frau Böhmisch, Sie haben die Geschäfte erst drei Monate vor Beginn der diesjährigen Buchmesse aufgenommen. Wie ist die erste Buchmesse für Sie persönlich gelaufen?
Astrid Böhmisch: Ich bin auf ein galoppierendes Pferd aufgestiegen. So eine große Messe hat zum Teil sehr lange Vorläufe. Glücklicherweise hat das Team hier unglaublich gut zusammenarbeitet, zum Teil schon jahrzehntelang. Vor dem Start konnte ich relativ wenige operative Entscheidungen treffen. Es war wichtig, das durchzuziehen, und dem Team das Gefühl zu geben: Wir gehen jetzt gemeinsam voran. Und das ist gelungen. Für alles, was die weiteren Planungen für die Zukunft betrifft, gibt uns die Messeauswertung jetzt ein solides Fundament.

Astrid Böhmisch, Direktorin der Leipziger Buchmesse, steht im März 2024 vor einer Treppe mit dem Logo der Leipziger Buchmesse.
Hendrik Schmidt/dpaWo wollen Sie gezielt Akzente setzen?
Es gibt verschiedene Bereiche, die ich während meiner ersten Messe eruiert habe. Dieser erste Durchlauf war essenziell für mich. Sie wissen, andere Manager bekommen ihre ersten 100 Tage für Ihre Übersicht und Einarbeitung - die hatte ich gar nicht. Für mich lag eine Priorität darin, die wichtigsten Partner zu treffen, die wichtigsten Aussteller, und zu beobachten, was funktioniert und was nicht. Mit diesen Eindrücken ging es in die interne Auswertung, und nun beschäftigen wir uns thematisch, strategisch und organisatorisch mit der Ausrichtung für die kommende Buchmesse.
Bei einer Messe kann es nicht darum gehen, ein Konzept über etwas zu stülpen, sondern eine Messe lebt von den Themen und Schwerpunkten, die im Markt sind, die im Gespräch sind und die auch in den Programmen reflektiert werden. Ich habe für mich Themenfelder ausgemacht, die als wichtige gesellschaftliche Diskurse auf der Buchmesse noch nicht genug reflektiert werden. Hier werden sich vermutlich auch Inhalte herauskristallisieren, die in den Verlagsprogrammen ein bisschen auf der Herdplatte simmern, als Fazit einer inhaltlichen gesellschaftlichen Entdeckung.
Haben Sie im Vorfeld den Kontakt zu Oliver Zille gesucht und sich mit ihm ausgetauscht?
Ich bin so spät in den Prozess hineingekommen, das war zu dem Zeitpunkt überhaupt nicht die Fragestellung. Es wird sich sicher mal ergeben, aber der Fokus zum Zeitpunkt meines Starts lag auf anderen Fragen.
Zur Person
● Astrid Böhmisch hat Germanistik und Anglistik studiert.
● Der Schwerpunkt ihrer Expertise liegt aber nicht in der Literaturwissenschaft, sondern im Bereich des Buch-Marketings.
● Ihre berufliche Laufbahn begann Böhmisch in der Filmbranche.
● Ab 2006 war sie für das Marketing der Produktionsfirma Senator Entertainment tätig.
● Von 2016 bis 2020 war sie für das Marketing des Piper Verlages sowie aller Imprints des Verlagshauses mit Sitz in München verantwortlich.
● Daraufhin war sie General Manager bei der Bookwire GmbH und betreute dabei das digitale Buchgeschäft zahlreicher Verlagskunden.
● Zuletzt war sie in Berlin als Beraterin für diverse Medienunternehmen tätig.
In diesem Jahr war die Aufmerksamkeit von Seiten der Politik sehr hoch – viele politische Amtsträger haben die Messe besucht, um Buchkultur, Debattenkultur und Demokratie hervorzuheben. Sehen Sie eine Aufgabe für die Zukunft darin, diese Seite der Buchmesse zu stärken?
Wir als Organisation haben ein Selbstverständnis, eine Plattform für einen offenen gesellschaftlichen Dialog zu sein. Und wir spüren am Zuspruch der Besucherinnen und Besucher, dass viele für Formate wie das „Forum Offene Gesellschaft“ auf die Leipziger Buchmesse gehen, vor allem auch jüngere Menschen.
Möglicherweise auch, um zu lernen, wie ein offener, respektvoller Dialog funktioniert, der vielleicht im digitalen Raum gar nicht mehr funktionieren kann, weil sofort eine Empörungswelle droht. Viele unserer Gäste haben bei Befragungen angegeben, dass sie mit dem Ziel herkommen, neue und andere Haltungen kennenzulernen. Da ist es für uns natürlich schön, dass uns die Politik auch diesen Stellenwert beimisst. Es ist eine Anerkennung für unsere Arbeit.
Wie umgehen mit Extremisten, die sich auf der Buchmesse präsentieren wollen?
Die Leipziger Buchmesse ist eine Plattform für den friedlichen, konstruktiven Austausch. Meinungsfreiheit und Toleranz sind dafür eine wichtige Grundlage. Eine klare Grenze besteht für uns dort, wo Meinung zu Desinformation und Hetze wird und die Würde anderer Menschen verletzt. Auffällige Verlage, die sich für die Buchmesse anmelden wollen, werden von uns überprüft – allerdings sind die rechtlichen Hürden für einen Ausschluss sehr hoch. Wir dulden keinerlei strafrechtlich relevanten Äußerungen, Schriften oder Handlungen. Diese werden zur Anzeige gebracht und haben ein Hausverbot zur Folge.
Es ist erstaunlich, wie viele sehr junge Besucher auf die Messe kommen. Die meisten von ihnen werden angezogen von der Manga-Comic-Con und tauchen in Fantasy-Welten ein. Andere junge Leute interessieren sich für New-Adult-, Romance- und Romantasy-Romane. Was wollen Sie unternehmen, um diesen großen Zielgruppen in Zukunft noch neue Angebote zu machen?
Unsere Ausgangsposition ist eine ideale, denn unter dem Dach der Buchmesse findet das aktuelle Lesegeschehen ja statt. Wenn wir davon ausgehen, dass aktuell unglaublich viel Dynamik in dem Bereich Romance/Romantasy/New Adult herrscht, und dass die Manga-Szene eine unglaublich offene, inklusive Jugendbewegung ist, dann liegt es nahe, dass diese Jugendlichen auch den Ausflug in andere Welten der Literatur machen.
Wir bauen ihnen insofern eine Brücke, als dass wir die Schwelle zu diesen Welten, die für viele wie eine ganz strenge Club-Tür ist, ein Stück weit aufmachen. Im Grunde genommen bieten wir für die ganze Branche die Möglichkeit, Zugang zu diesen Leserinnen und Lesern mit ganz anderen Lesethemen zu finden, zum Beispiel mit der sogenannten anspruchsvollen Literatur oder mit Sachbüchern.
Sehen Sie umgekehrt die Gefahr, dass die etablierten Literaturverlage bald nur noch ein randständiges Dasein fristen?
Das sehe ich überhaupt nicht. Die Verlage arbeiten sehr intensiv daran, auch neues Lesepublikum zu gewinnen. Sie folgen ja ebenfalls dem Markt. Eine ganz junge Zielgruppe, die von der Romance- und New-Adult-Schiene kommt, nimmt mit Mitte, Ende 20 dann gerne auch mal andere literarische Themen zur Hand. Und mir ist insbesondere an den Ständen der großen Literaturverlage aufgefallen, wie trubelig es da zuging und wie viele junge Leute sich dort auch eingefunden haben. Und man hat den Verlagsmitarbeitern angemerkt, wie sehr sie diesen Dialog schätzen.
In den zurückliegenden Jahren ist die Leipziger Buchmesse vor allem dadurch aufgefallen, dass es sie gar nicht gab – bzw. dass während der Corona-Pandemie nicht versucht wurde, alternative Messekonzepte zu entwickeln. In den zwei Durchläufen seither ist aber schon an den Besucherzahlen deutlich geworden, dass man sich um die Leipziger Buchmesse vielleicht doch keine Sorgen machen muss. Kann es in Zukunft darum gehen, noch weiter zu wachsen?
Ich möchte gar nicht immer höher, schneller, weiter. Maßgeblich ist für mich der große Zuspruch unserer Besucherinnen und Besucher. Leute schätzen die Begegnung und die Beschäftigung mit Themen an einem bestimmten Ort. Für die gesamte Branche ist es essentiell, dass es sowohl im Frühjahr als auch im Herbst einen zentralen Termin gibt, an dem auch medial der Fokus auf das Thema Buch gelegt wird. Das Arbeiten für die Zukunft ist nicht Arbeiten in Richtung Superlative, sondern vielmehr ein Arbeiten dafür, für alle Interessenten möglichst präsent zu sein.
Sie sprechen die traditionelle Saisonalisierung im Buchmarkt an: Auf der Frühjahrsmesse werden die Bücher für den Strandurlaub im Sommer angepriesen, und auf der Herbstmesse wird das Weihnachtsgeschäft eingeläutet. Ist dieses Denken in zwei Jahresprogrammen durch die Digitalisierung nicht obsolet geworden?
Das Digitale hat natürlich immer eine Synchronizität zur Folge, eine Gleichzeitigkeit der Verwertungswege, wie auch beim Streaming. Die Tatsache, dass ich gar kein gemeinsames Seherlebnis mehr schaffen kann, ist im Filmbereich natürlich auch eine Folge des Streamings. So etwas wie den „Talk of the town“ zu bestimmten Filmen habe ich gar nicht mehr.
Daher ist es umso wichtiger und auch ein Wunsch des Publikums, ein Ereignis zu erschaffen, an dem ich Gleichzeitigkeit habe. Ein Energiefeld, ein Kulminationspunkt, wo sich etwas entladen und der die nötige Aufmerksamkeit generieren kann. Das Digitale bietet natürlich unglaublich viele Möglichkeiten. Aber man versendet sich auch relativ schnell ins Einerlei. Daher brauchen wir eine Choreographie, eine Inszenierung und auch eine Emotionalisierung. Ich glaube, das eine kann ohne das andere nicht so gut funktionieren.
Was haben Sie selbst zuletzt gelesen?
Ich habe den Belletristik-Gewinner des diesjährigen Preises der Leipziger Buchmesse von Barbi Markovic gelesen, „Minihorror“. Ein großartiges Buch.
Der Internetauftritt der Leipziger Buchmesse: www.leipziger-buchmesse.de


