So surreal, antiquiert, während des Belichtungsprozesses offenbar misslungen muten auch die anderen Bilder an: über-, unter- oder doppelt belichtet, teilweise unscharf, scheinbar laienhaft koloriert, löchrig. Das Farbfoto von der Schlafkammer des Prinzen Heinrich im Schloss Rheinsberg etwa entstellt ein bildfüllender Fleck, als ob die Aufnahme einer ätzenden Flüssigkeit ausgesetzt war. Auch die Farbaufnahme vom Porzellankabinett im Schloss Charlottenburg trägt Kleckse; unnatürlich wirkt das Orange.
Während die Schwarz-Weiß-Bilder an Kollodium-Nassplatten aus dem 19. Jahrhundert erinnern,  erwecken die Schlösser-Farbfotos den Eindruck, als stammten sie aus der Frühphase der Farbfotografie zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als Technikpioniere wie der in Potsdam geborene Chemiker Adolf Miethe oder die französischen Brüder Lumière mit diesem Verfahren experimentieren. Doch diese Aufnahmen hier sind wesentlich jünger. Es handelt sich um Polaroids aus den vergangenen 20 Jahren. Es ist ein, im Handyzeitalter, anachronistisches Medium, mit dem der Berliner Fotograf Leo Seidel arbeitet.
Der jetzt erschienene Bildband "Traumsequenzen" dokumentiert, wie Seidel, der die analoge Fotografie der digitalen bevorzugt, die Polaroidtechnik auf seine ganz eigene Weise nutzt. Dabei stehen zwei seiner Werkgruppen im Fokus. Einerseits zeigt er Berliner und brandenburgische Schlösser – von außen sowie deren prachtvollen Innenräume – in atmosphärisch dichten Aufnahmen. Andererseits sind kunstvoll arrangierte, oft symbolträchtig aufgeladene Stillleben zu sehen.
Diese Stillleben tragen mysteriöse Titel wie "Fliege nicht davon",, "Memento Mori", "Wem die Stunde schlägt", "Wir warten auf Dich" oder auch "Die Frage bleibt". Sie erzählen rätselhafte Geschichten, die die Fantasie herausfordern. Für seine Kompositionen bedient sich Seidel bei Objekten aus den Wunderkammern, den Kuriositätenkabinetten barocker Herrscher, stammen könnten, darunter Schädel, Skelette, ausgestopfte Tiere. Des Öfteren greift er zu Porzellanpuppen, nackt, beschädigt, gespenstisch ohne Augen. Und er kombiniert diese Dinge schon mal mit jüngeren Gegenständen wie einer Gasmaske oder einer Blasfolie.
Anders als die Schlösser-Fotos wirken die Stillleben vollendet komponiert, als hätte sie ein niederländischer Maler in der Blütezeit des Genres im 17. und 18. Jahrhundert geschaffen. Gerade bei den Farbbildern muss man genau hinschauen, um zu erkennen, dass es sich um ein Foto handelt.
Die Erfindung der Sofortbildkamera 1947 durch den US-Physiker Edwin Herbert Land war eine Sensation. Erstmals war es jedem Amateurfotografen möglich, die Realität spontan im Bild festzuhalten. Am Anfang bestanden Polaroids aus einem Negativ und einem Positiv und waren sepiafarben, ab 1950 schwarz-weiß. Farbe kam 1963 ins Spiel. Und 1972 schlug die Stunde des Integralfilms; man musste das Bild nur noch aus dem Apparat ziehen, einen Moment warten – schon war es fertig. Andy Warhol, Helmut Newton und David Hockney entdeckten die Technik für die Kunst. Und in mehreren Filmen von Wim Wenders, etwa in "Alice in den Städten", "Der amerikanische Freund" und "Der Stand der Dinge", haben Pola-roids eine reflexive Funktion. Doch in den 90er-Jahren begann deren Talfahrt, befördert durch die Digitalfotografie und die massenhafte Verbreitung von Handys. Heute gelten Sofortbildkameras als Retro-Trend, deren Fotos unzählige Pinnwände schmücken.
Blick durch einen Schleier
Seidel, der sich auf die Architekturfotografie, zuvorderst im märkischen Raum, spezialisiert hat, verwendet alte, abgelaufene Filme, die zugleich ein Negativ erzeugen. Dabei spielt er mit dem Zufälligen, ihn reizt das Überraschende: Beim Entwickeln belässt er einen Teil der Entwicklerpaste auf den Negativen. Auf diese Weise erhalten die Fotos eine antiquarische, verträumte, mystisch-verklärende Aura. Klar Erkennbares, Konkretes, Dokumentarisches vermengt sich mit Irritierendem, Merkwürdigem. Wie durch einen Schleier blickt Seidel auf das Interieur der preußischen Schlösser. Seine Polaroids feiern fernab jedweder Hektik den Charme des Vergangenen.
Leo Seidel: "Traumsequenzen. Pola-roidarbeiten", Edition Braus, 128 Seiten, 24,95 Euro

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