Lesung
: „Bei uns Schauspielern ist die Wirklichkeit“

Sophie Rois begeistert das Publikum im Frankfurter Kleist Forum mit ihrer Lesung aus einem Roman von William Somerset Maugham.
Von
Stephanie Lubasch
Frankfurt (Oder)
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Noch eine Tasse Tee? Sophie Rois bei ihrer Lesung im Frankfurter Kleist Forum.

Michael Benk

Den ersten Applaus gibt es schon, da hat sie ihr Manuskript noch nicht einmal aufgeblättert. Sophie Rois zündet sich — mitten auf der Bühne — eine Zigarette an.

Dass das dem Publikum im gut gefüllten Frankfurter Kleist Forum offenbar gefällt, erstaunt dann wiederum die Schauspielerin. Denn ein Statement, bei allem Respekt, soll dieser in öffentlichen Räumen seit Jahren geächtete Griff zum Glimmstängel mit Sicherheit nicht sein. Es braucht ihn für die Inszenierung dieser von Clemens Schönborn eingerichteten Lesung — ebenso wie das fette Ledersofa mit seinen rustikalen Sitzkissen, den Beistelltisch mit seiner Teekanne und die entschleunigte Musik aus dem ersten Drittel des vergangenen Jahrhunderts.

„Sophie Rois macht Theater“ ist der Abend überschrieben, mit dem die 57–Jährige an diesem Sonntag an der Oder zu Gast ist, und besser als mit dieser Zeile lassen sich die kommenden anderthalb Stunden tatsächlich nicht auf den Punkt bringen. Zum einen natürlich weil „Theatre“ auch der Titel des 1937 erschienenen Romans von William Somerset Maugham (1874—1965) ist, aus dem sie liest — und der dieses Sujet aufs Schönste von den Bühnenbrettern tief hinein ins Leben zieht. Zum anderen weil das Wort „Lesung“ für das, was die Österreicherin da vor den wie hypnotisiert an ihren Lippen hängenden Zuschauern treibt, beileibe nicht ausreichend ist. Sophie Rois rezitiert nicht einfach, sie spielt diesen Text, flüstert, flirtet, jubelt und sinnt, ist arrogant und schüchtern, sehnsüchtig und herablassend, vermittelnd und hysterisch, verletzt und verletzend.

Jede der Figuren, von denen sie berichtet, bekommt so ein Gesicht, vor allem aber natürlich Julia, diese kluge, talentierte, aber auch eitle Diva, die auf der Höhe ihres Ruhmes einem 20 Jahre jüngeren Bewunderer verfällt und lange braucht, bis sie es schafft, in ihrem eigenen Leben wieder die Regie zu übernehmen. Wie sie sich spreizt und selbst gefällt, kühl analysiert und dann doch so ganz menschlich und verletzbar wird, breitet Sophie Rois mit großem Genuss aus, spannend, leidenschaftlich, ironisch — und immer auf den Punkt. Die anderen Zuschauer, der funktionale Theatersaal — vergessen: Ihre Stimme trägt einen fort, weit weg in eine alte Bibliothek auf einem südenglischen Landsitz, wo man neben ihr Platz genommen hat und selbst eine Tasse Earl Grey schlürft.

Das nämlich ist das Gefühl, das Sophie Rois aufs Schönste vermittelt: Diese Geschichte darf man mit ihr gemeinsam erleben. Trotz all der Leidenschaft, mit der sie sich diese Julia zu eigen macht, hält sie sie stets auf Abstand.  Jeder Blick von ihr, jede Geste ist immer auch ein Kommentar in Richtung Publikum — sie, die Vortragende, ist dessen Komplizin.

Was für ein tolles Stück Literatur!, denkt man am Ende über Somerset Maughams Roman, den die wenigsten wohl gelesen haben mögen, und wie wunderbar, dass diese grandiose, vielfach ausgezeichnete Schauspielerin es uns eröffnet hat. Der Tee ist alle, die Zigarette aufgeraucht, der Beifall tost. Das Spiel ist zu Ende — doch wie sagt Julia? „Die ganze Welt ist eine Bühne, und alle Männer und Frauen sind bloß Schauspieler! Aber die Illusion ist bei denen drüben; bei uns Schauspielern ist die Wirklichkeit.“