Kya aber versorgt sich selbst und wächst allein und tapfer heran; jede Muschel, jede Pflanze, jeden Vogel kennt sie. Nur Jumpin’ und seine Frau Mabel, als Schwarze in den 50er- und 60er-Jahren in den Südstaaten so ausgestoßen wie das "Marschmädchen" aus dem "Sumpfgesindel", helfen ihr. Und der Fischerjunge Tate ist ihr Schutzengel und bringt ihr das Lesen bei. Einmal schenkt er Kya auch einen Kompass. In einer bitteren, verzweifelten Stunde nimmt sie ihn und lässt die Nadel nach Norden schwingen, bis sie aufhört zu zittern: "Sie drückte sich den Kompass ans Herz. Wo sonst brauchte man einen Kompass mehr als hier?"
Delia Owens’ Bestseller "Der Gesang der Flusskrebse" feiert die Natur, es ist aber auch ein Coming-of-Age-Roman über eine Heldin, die man so schnell nicht wieder vergisst. Und eine berührende Liebesgeschichte und zudem noch ein Krimi samt einem sehr US-typischen Gerichtsdrama. Mehr geht nicht auf rund 460 Seiten. Und auch die Geschichte dieses Buches, das in den USA bis heute mehr als viereinhalb Millionen Mal verkauft wurde und seit Juli vergangenen Jahres auch in Deutschland in den Bestsellerlisten platziert ist, ist fast schon romanhaft.
Delia Owens stammt aus Georgia und lebte mehr als 20 Jahre lang in Afrika. Die Zoologin verfasste Sachbücher über Elefanten, Löwen und Hyänen in Botswana und Sambia. Dann zog sie mit ihrem Mann auf eine abgeschiedene Pferderanch nach Idaho und wollte 2009 damit beginnen, einen Roman zu schreiben: über einen Menschen abseits der Zivilisation, über Isolation, über das Überleben in der Wildnis.
Die Autorin fand keinen Agenten, keinen Verlag für ihr Projekt, sie fing dann trotzdem mit dem Schreiben an – und veröffentlichte 2018, sie war jetzt fast 70, ihr Romandebüt unter dem Titel "Where The Crawdads Sing" in New York – nur 28 000 Exemplare betrug die erste Auflage. Sechs Monate später stand das Buch auf Platz eins der Bestsellerliste der "New York Times".
Dass dann die Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin Reese Witherspoon ("Natürlich blond", "Walk The Line") öffentlich ihre große Begeisterung für den Roman kundtat, half natürlich auch: "Ich kann kaum ausdrücken, wie sehr ich dieses Buch liebe. Ich wünschte, die Geschichte würde nie enden." Eine Hollywoodverfilmung ist selbstverständlich schon geplant.
Den deutschen Buchmarkt mischte "Der Gesang der Flusskrebse" (erschienen bei Hanserblau im Münchener Carl Hanser Verlag) seit Juli 2019 ähnlich auf: langsam, aber unaufhaltsam. Wie "Altes Land" von Dörte Hansen und "Was man von hier aus sehen kann" von Mariana Leky war Delia Owens’ Roman das Lieblingsbuch der Saison der Buchhändler. Sie empfahlen es begeistert ihren (vor allem) Leserinnen.
Was bedeutet eigentlich der Titel? Ihre Mutter hatte Kya immer ermutigt, die Marsch zu erkunden: "Geh, so weit du kannst – bis dahin wo die Flusskrebse singen." Der alte Jumpin’ erklärt das so: "Das heißt bloß, weit draußen, wo die Tiere noch wild sind und sich benehmen wie die Tiere." Nichts in diesem Roman ist nur dahingesagt: Es ist eine Aufforderung, sich der Natur zu stellen und sich gleichzeitig vor der Welt in Schutz zu nehmen. Die Sehnsucht nach einem Urzustand. Aber benehmen sich auch Menschen wie Tiere?
Die Naturbilder in diesem Roman faszinieren, aber ziemlich clever ist zudem die spannende Dramaturgie: Auf der ersten Seite, im Prolog, finden zwei Jungs aus dem Dorf eine Leiche. In zwei parallelen Erzählsträngen führt Delia Owens dann die Handlung zusammen bis in die Gegenwart des Jahres 1970. Es ist die 1952 beginnende Geschichte von Kya, die damals sechs Jahre alt ist, die nicht nur den Flügelschlag eines Fischreihers hört, sondern auch, wie ihre Ma die Fliegengittertür der Hütte zuschlägt und für immer geht. Dann wiederum sind es die 1969 beginnenden Mord­ermittlungen des Sheriffs. Mehr wird nicht verraten. Nur so viel: Es ist ein wunderbarer Roman.

Am Ort der Sommerurlaube


Die Autorin Delia Owens wurde 1949 in Georgia geboren, erforschte als Zoologin in verschiedenen afrikanischen Ländern Elefanten, Löwen und Hyänen. Jetzt ist sie nach North Carolina gezogen, an den Schauplatz ihres Romandebüts "Der Gesang der Flusskrebse", wo sie als Kind mit ihren Eltern die Sommerurlaube verbrachte hatte. red