Sie haben sich ganz offensichtlich gefunden. Vor Jahren, auf der Buchmesse, habe sie sich ein Herz gefasst und sei zum Nachbarstand gegangen, erzählt die Illustratorin Kat Menschik. Sie sei so ein großer Fan seiner Bücher, habe sie dem Krimiautor Volker Kutscher gestanden – ob man nicht gemeinsam etwas machen wolle. Bei Volker Kutscher hat sie damit offene Türen eingerannt: Er liebe und verehre ihr Werk, gestand er ihr. Und sei bereit zur Zusammenarbeit.
Aus dieser Initialbegegnung sind zwei schmale Bücher entstanden, „Moabit“ und „Mitte“, ein drittes ist in Planung. Inzwischen sind sie gemeinsam auf Lesereise, planen weitere Publikationen. Bei der Preisverleihung des Stahl-Literaturpreises in Eisenhüttenstadt war am Donnerstag Abend deutlich spürbar, wie fruchtbar die Zusammenarbeit zwischen Autor und Illustratorin ist.
Volker Kutscher (2. v.l.) und Kat Menschik (Mitte) erhalten den Stahl-Literaturpreis
Volker Kutscher (2. v.l.) und Kat Menschik (Mitte) erhalten den Stahl-Literaturpreis
© Foto: Christina Tilmann

Charlotte Ritters wahres Gesicht

Sie hat, für das Cover von „Moabit“, Charlotte „Charly“ Ritter ein Gesicht gegeben, lange bevor Liv Lisa Fries in der TV-Serie „Babylon Berlin“ das Bild von Charly dauerhaft prägte: „Das ist Charly, wie ich sie mir vorstelle“, bestätigt Volker Kutscher in Eisenhüttenstadt im Gespräch. Er wiederum, historisch gut recherchierend, konnte sie korrigieren, wenn sie für ein Bild des Tanzlokals Moka Efti in der Zeit verrutscht war, und die zweite Location in Tiergarten gewählt hatte.

Eisenhüttenstadt

So wurde die Preisverleihung, moderiert von Galiani-Verleger Wolfgang Hörner, zur Lehrstunde über kreative Zusammenarbeit. Wie stark Kat Menschik Einfluss auf das Ergebnis nahm, wird deutlich, wenn sie erzählt, dass es ihr wichtig war, nicht Kommissar Gereon Rath, sondern Charlotte Ritter ins Zentrum zu stellen – und dass sie darauf bestand, keine Hakenkreuze zeichnen zu wollen. Die Episode, die „Moabit“ in kunstvoll verschachtelter Dreier-Perspektive erzählt, spielt im Jahr 1927 und erzählt die Vorgeschichte der Gereon-Rath-Reihe. „Mitte“ berichtet in Form eines Briefromans von Charlys Ziehsohn Friedrich Thormann.
Die kleinen Galiani-Leinen-Bände sind Kunstwerke für sich – und ein Statement in Zeiten der Papierknappheit. Das massive Preis-Skulptur aus Stahl, die den beiden verliehen wurden, ist ebenfalls ein Kunstwerk, gestaltet von Auszubildenden im Stahlwerk. Für Volker Kutscher hat das noch eine persönliche Note. Sein Vater arbeitete als Hammerschmied, erzählt er bei der Preisverleihung sichtbar berührt, nun sei er schwer krank. Und bestimmt stolz, seinen Sohn mit einem solchen Preis ausgezeichnet zu wissen.

Der Stahl-Literaturpreis

Die Stahlstiftung Eisenhüttenstadt wurde 2004 von der ArcelorMittal Eisenhüttenstadt GmbH gegründet. Sie widmet sich vornehmlich der Förderung von Projekten aus Kunst und Kultur, Wissenschaft und Bildung. Seit 2005 vergibt die Stahlstiftung den mit 10.000 Euro dotierten Stahl-Literaturpreis. Bisherige Preisträger waren Wladimir Kaminer, Walter Kempowski, Kerstin Hensel, Jenny Erpenbeck, Clemens Meyer, Thomas von Steinaecker, Kathrin Schmidt, Günter de Bruyn, Nadja Küchenmeister, Birk Meinhardt, Richard Schröder, Thea Dorn, Juli Zeh, Rosemarie Tietze und Jakob Hein.