Literatur in Eisenhüttenstadt
: Schriftsteller Jakob Hein bekommt Stahlpreis für DDR-Romane

Er veröffentlicht ein Buch nach dem anderen - und arbeitet als Arzt: Der Berliner Jakob Hein scheint nie zu schlafen. Heute bekommt er in Eisenhüttenstadt den Stahl-Literaturpreis.
Von
Welf Grombacher
Eisenhüttenstadt
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Spagat zwischen Praxis, Schreibtisch, Kinderzimmer und Lesebühne: Der Berliner Jakob Hein ist wahrlich vielfältig unterwegs.

Susanne Schleyer

Mit Erfolg! Der Sohnemann erlernte lieber einen „ordentlichen“ Beruf, studierte Medizin und wurde Psychiater. Heute liegen die „gescheiterten Existenzen“ bei ihm auf der Couch. Schreiben kann er nur in der Freizeit (von Rezepten mal abgesehen), am Wochenende und im Urlaub. Die Bewertungen auf dem Ärzteportal Jameda sind ihm allemal wichtiger als die von Literaturkritikern.

Trotzdem hat er schon mehr als ein gutes Dutzend Bücher veröffentlicht. Wie er es schafft, die Belastung als Arzt, Autor und Familienvater zu bewältigen? „Es gibt kein Geheimrezept“, sagt er. „Ich werde das immer wieder gefragt und würde selbst gerne die Antwort wissen. Es hat bei mir, glaube ich, damit zu tun, dass ich all die Dinge, die ich im Leben machen darf, gerne mache, dass ich mich nicht zu etwas zwingen muss.“

Heute Abend erhält Jakob Hein den mit 10 000 Euro dotierten Stahl-Literaturpreis der Stahlstiftung Eisenhüttenstadt. 2004 hatte Wladimir Kaminer ("Russendisko") die Auszeichnung als erster erhalten. Und mit Kaminer im Kaffee Burger fing auch für Jakob Hein alles an.

Jeden Abend nach der Tagesschau trafen sich dort in der Berliner Torstraße die Freunde der Reformbühne Heim & Welt und lasen bei Zigaretten und Bier ihre neuesten Texte vor. Kaminer fand als erster einen Buchverlag. Bald folgten Ahne und der 1971 in Leipzig geborene Jakob Hein. Sein Debüt „Mein erstes T-Shirt“ (2001) versammelt diese auf Pointe geschriebene Lesebühnen-Texte. Kurz sind sie, aber gelebt. Sie führen zurück in eine Pubertät in der DDR und erzählen vom sozialistischen Absurdistan und von real existierenden Pickeln.

Schreiend komische Kurzprosa wie auch noch in „Antrag auf ständige Ausreise“ (2007), in dem Jakob Hein keine Erlebnisberichte mehr zum Besten gibt, sondern den großen Mythen der DDR nachspürt. Etwa dem des 1971 beim Aufbau des Karl-Marx-Kopfes in Chemnitz vom „Nischel“ erschlagenen Arbeiters, der am Morgen noch eine halbe Flasche Goldbrand und mehrere Halbliter Bier gefrühstückt hatte.

Aber Jakob Hein beherrscht nicht nur die Kurzform. Die Mischung aus existentieller Trauer und naiver Ironie, mit der er in „Vielleicht ist es sogar schön“ (2004) über den frühen Tod seiner Mutter schrieb, der Filmregisseurin Christiane Hein, sucht ihresgleichen.

Und mit „Herr Jensen steigt aus“ (2006) lieferte er nicht nur den Roman zum Umschulungs-Wahnsinn der Nachwendezeit, sondern zugleich ein herzerfrischendes Schelmenstück. Vielleicht sein bestes Buch. Nur zu gerne erinnert man sich an diesen sonderlichen Herrn Jensen, der als Postbote arbeitslos geworden ist, auf dem Amt einem Kellner über den Weg läuft, den die Behörde in eine Weiterbildung zum Postboten schickt, während Herr Jensen selbst eine Umschulung zum Kellner machen soll.

Als Schelmenroman lässt sich auch der Roman „Kaltes Wasser“ (2016) bezeichnen, aus dem Jakob Hein heute Abend in Eisenhüttenstadt lesen wird. Zuletzt allerdings überraschte er mit seinem historischen Roman „Die Orient-Mission des Leutnant Stern“ (2018), in dem er erzählt, wie eine als Zirkustruppe getarnte Expedition während des Ersten Weltkrieges am Bosporus den Dschihad organisieren soll. Jakob Heins Bücher zeichnen sich durch ihren subtilen Humor und einen ganz eigenen Ton aus, der sich völlig von dem seines Vaters unterscheidet. Probleme, weil beide schreiben, gibt es übrigens keine. Tipps aber, was die neuesten Texte angeht, geben beide einander auch nicht. „Was soll man schon sagen zum Buch des Vaters?“ Vielleicht kommen sie deswegen so gut klar, weil Jakob Hein sich nicht mit seinem berühmten Vater messen muss. Er ist ja nicht hauptberuflich Schriftsteller, sondern hat einen „richtigen“ Beruf.

Die Verleihung des Preises heute um 19 Uhr (IPS-Technologiezentrum Eisenhüttenstadt, Werkstraße 9) ist öffentlich, der Eintritt frei. Jakob Hein wird aus seinem Roman „Kaltes Wasser“ lesen, erschienen bei Galiani Berlin.

Stahl-Literaturpreis

Die Stahlstiftung Eisenhüttenstadt wurde 2004 von der ArcelorMittal Eisenhüttenstadt GmbH gegründet und fördert Projekte aus Kunst und Kultur, Wissenschaft und Bildung. Seit 2005 vergibt die Stiftung den mit 10 000 Euro dotierten Stahl-Literaturpreis. Bisherige Preisträger waren unter anderem Wladimir Kaminer, Walter Kempowski, Kerstin Hensel, Jenny Erpenbeck, Clemens Meyer, Kathrin Schmidt, Günter de Bruyn, Richard Schröder, Thea Dorn und Juli Zeh. ⇥red