Ich freue mich schon auf den Abend. Endlich allein. Nicht allein bei jemandem, nicht allein unter fremden Distanzierten, die sich die Nächsten nennen, sondern einfach allein, auf meiner eigenen Parzelle. In meinem Schrank." Eine junge Frau zieht in den ausrangierten Schrank ihrer Schwester, den sie in einem Prager Hinterhof aufstellt. Sie will den Rückzug antreten – ihre Ruhe und Einsamkeit mit sich selbst.
"Man braucht jede Menge Raffinesse und stoische Geduld, um wirklich von niemandem gesehen zu werden": Die junge Protagonistin im Roman "Im Schrank" von Tereza Semotamová muss sich in unbeobachteten Momenten durch Kellerfenster zwängen und schmiert die Schrankscharniere, damit niemand ihre Ein- und Ausstiege hört. Niemandem erzählt sie von ihrem Unterschlupf. Mit dem Schrank schafft sie sich ihren eigenen, kleinen Fluchtort.
Die tschechische Autorin und Übersetzerin selbst hat noch nie in einem Schrank geschlafen. Aber sie hat es sich vorgestellt – zunächst manchmal im Ikeamarkt, dann für ihr Romandebüt. "Aber in dem Buch geht es eigentlich mehr um das ambivalente Schrankgefühl und nicht wirklich um die technische Durchführung", sagt Semotamová.
Der Duft im Schrank
In Filmen verbergen sich oft Geliebte in den Schränken, wenn die Eheleute heimkehren. Kinder verstecken sich im Schrank, wenn sie Angst vor dem Monster unterm Bett haben. Wenn jemand Quatsch redet, hat er "nicht mehr alle Tassen im Schrank". Im Schrank bewahren wir Unterwäsche und Festkleider, alltägliche Klamotten und weit hinten finden sich oft alte Stücke, die seit Jahren nicht mehr getragen worden sind. Vor Kindern verstecken die Erwachsenen dort Geschenke. Der Schrank beherbergt Erinnerungen und unliebsame Wahrheiten. Ein so massives, schweres, unhandliches Möbelstück versetzt man nicht so einfach. Man braucht Hilfe, Transporter und viel Kraft. Darum steht mit einem Kleiderschrank viel Verbindlichkeit, Sesshaftigkeit und Erwachsensein im Raum.  Der Schrank ist der engste Kern des Privatlebens. Wohnungen kann man sich mit Fremden teilen, mit Bekannten auch Zimmer. Aber den Schrank – den teilt und verbindet man doch höchstens mit engsten Vertrauten.
Und ein Schrank riecht. Bei der Mutter nach frischem Waschmittelparfüm, bei der Großmutter vielleicht nach Lavendelpölsterchen gegen Motten. Oder nach altem, selten gelüftetem Holz. Wir verbinden ihn oft mit Personen, den konkreten Schrankbesitzern. Und andersherum: "Für mich haben Schränke einen komischen Duft", beschreibt Semotamová ihre Vorstellung. "Ich denke, jeder von uns kennt den Geruch der Mutter, und wie ihre Kleidung duftet. Das ist für mich ein Schrank."
Leben im Schrank
In der nur fünfseitigen Erzählung "Der Schrank" von der polnischen Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk zieht sogar ein Ehepaar gemeinsam in den Schrank. "Darin war Platz für die ganze Welt". Eine Welt, die Unterschiede wie Alter, Geschlecht, Beruf aufhebt. Erst die Frau, dann auch ihr Mann verbringen täglich mehr und mehr Zeit im Schrank als draußen. Und dann: "Der Schrank schloss die Tür hinter uns. So wurden wir darin wohnhaft." Ein Paar hat eine eigene kleine Welt für sich gefunden.
Der Schrank steht auch für Sicherheit. Wenn sich Homosexuelle nicht öffentlich zu ihrer Orientierung bekennen wollen oder können, zum Beispiel bis heute in vielen autoritären Staaten der Welt, dann leben sie sprichwörtlich "im Schrank" – zwar geschützt, unbemerkt, verborgen, aber auch so, als wären sie gar nicht da. Das englische Wort "Coming-out" kommt genau hiervon: "Aus dem Schrank kommen" heißt, sich zu öffnen, zu offenbaren, der Gesellschaft um sich herum zu stellen. Im Schrank verbleibt man in der inneren Emigration.
Zwischen Freiheit und Ballast
In Semotamovás "Im Schrank" ist das Möbelstück nur eine "provisorische Freiheit", wie sie selbst sagt. "Und zwar hat mich meine Schwester wirklich gefragt, ob jemand aus meiner Umgebung vielleicht einen Schrank braucht. Ich lebte damals in Deutschland und hatte eine große Sehnsucht nach einem Umzug, aber es war mir alles zu umständlich: die Wohnungssuche, die Trennung. Ich war damals sehr ängstlich. Aber in meinem Kopf ging die Geschichte los – ich sah mich selbst in dem Schrank sitzen. Da könnte ich endlich mal meine Ruhe haben. Für mich war schon der Gedanke sehr, sehr tröstlich."
Semotamová zog aber in eine Mietwohnung in Prag, die zwar sonst keinerlei Möblierung besaß, aber doch eben einen Schrank. "Da musste ich damals schon lachen", erinnert sie sich heute. Der Schrank ihrer Schwester wartet darum noch immer in einem Unterstand darauf, dass er bei ihr einen Platz finden kann. Und gebraucht wird.
"Ich glaube, Schränke sind dazu da, dass wir mit ihnen und durch sie leben", versucht sich Semotamová die Existenz der unhandlichen Möbelstücke zu erklären. "Aber gleichzeitig müssen wir das Leben und die Wohnung auch mit Inhalt füllen. Wo beginnt Gemütlichkeit? Bei Möbeln oder mehr? Neue Aussichten aus dem Fenster, neue Geräusche, neue Nachbarn, neue Herausforderungen... Ein Umzug ist eine sehr emotionale Sache." Und auch dafür steht ein Schrank – für den ganz eigenen Ballast, mit dem jeder Einzelne immer wieder um- und weiterzieht. Darum kennt Semotamová auch Tokarczuks Schrank-Text nicht. Interessiert sie nicht. Soll doch jede ihren eigenen Schrank haben.
Tereza Semotamová: "Im Schrank", Voland & Quist, 288 Seiten, 22 EuroOlga Tokarczuk: "Der Schrank: Erzählungen", dtv, 128 S., derzeit nur antiquarisch verfügbar

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