Literatur
: Neu erschienen: Bov Bjergs „Serpentinen“

Mit „Auerhaus“ landete Bov Bjerg einen auch verfilmten Bestseller. In seinem neuen Roman "Serpentinen“ erzählt er nun eine düstere Familiengeschichte.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
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  • Rauchen gemeinsam: Luna Wedler als Vera und Damian Hardung als Höppner in einer Szene des Films "Auerhaus". Der Film kam am 5. Dezember 2019 in die deutschen Kinos.

    Rauchen gemeinsam: Luna Wedler als Vera und Damian Hardung als Höppner in einer Szene des Films "Auerhaus". Der Film kam am 5. Dezember 2019 in die deutschen Kinos.

    Tom Trambow
  • Auf der Buchmesse: Bov Bjerg.

    Auf der Buchmesse: Bov Bjerg.

    Jens Kalaene
  • Bov Bjerg: "Serpentinen", Claassen, 272 S., 22 Euro

    Bov Bjerg: "Serpentinen", Claassen, 272 S., 22 Euro

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Bov Bjerg ist ein Pseudonym, das nach Skandinavien klingt, dem Reich der psychologischen Krimis. Geboren wurde Bov Bjerg 1965 aber als Rolf Böttcher – im schwäbischen Heiningen. Er besuchte in Göppingen das Gymnasium, studierte unter anderem in Leipzig am Deutschen Literatur–institut. 1984 — lange, bevor Schwaben als Gentrifizierer beschimpft wurden — verschlug es ihn nach Berlin.

Bundeswehrflüchtlinge in Berlin

Denn in den 1980–er Jahren konnten Westdeutsche  der Bundeswehr entgehen, wenn sie nach der Schule nach West–Berlin zogen — wo dann oft der halbe männliche Jahrgang einer Kleinstadt landete. In Berlin gründete Bjerg mehrere Lesebühnen, unter anderem die heute noch aktive „Reformbühne Heim &Welt“, und gewann als Satiriker den Deutschen Kleinkunstpreis.

Frieder — den kennen die Leser. In seinem Roman „Auerhaus“, der 2016 über Nacht zum Bestseller avancierte, als das „Literarische Quartett“ hymnisch urteilte, schreibt Bjerg lakonisch, schlau und berührend von einer Schüler–WG. Die Freunde versuchen den lebensmüden Frieder zu retten, sie haben aber auch ziemlich viel mit sich selbst zu tun, mit ihrer eigenen Sinnsuche. 2019 wurde der Roman auch verfilmt.

Höppner heißt der Ich–Erzähler in „Auerhaus“. Der Name taucht jetzt wieder auf — der 50–jährige Vater, auch ein Ich–Erzähler, füllt in einem Gasthof den Meldeschein aus. „Serpentinen“ aber ist keine Fortsetzungsgeschichte, und auch nicht lustig. „Um was geht es?“: das ist der erste Satz des Buches. Und die Frage eines ganzen Lebens.

Einen Roman lang versucht der Erzähler sie zu beantworten. Als er sieben Jahre alt war, hatte er mitansehen müssen, wie sein Vater sich nach mehreren gescheiterten Selbstmordversuchen schließlich erhängte — ein Familienfluch. „Urgroßvater. Großvater. Vater. Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft.“ Der Erzähler fühlt eine große Schuld: „Ich hatte nicht aufgepasst.“ War er nicht gut genug gewesen für den Vater? Es sind geradezu atemlos hingeschriebene Gedanken, Erkenntnisse, Hilferufe.

Dieser Höppner hat Angst, er steckt in einer tiefen Depression; ein Getriebener, der an seine „Auslöschung“ denkt. Er versucht davonzulaufen und kehrt in die Heimat zurück, als müsste er noch einmal an den Schauplätzen der Kindheit alles durchmachen, um sich zu befreien. Vor allem: Er hat seinen Sohn dabei, der jetzt ungefähr in dem Alter ist, als er seinen Vater verlor — wiederholt sich das Schicksal? Kann er seinen Sohn mehr lieben als sein Vater ihn? Gibt es eine Erlösung?

In „Auerhaus“ verarbeitete der Schriftsteller viel Biografisches. Der Suizid ist ein großes Thema Bov Bjergs, der mit Frau und drei Kindern in Berlin wohnt. Auch sein Vater hatte sich umgebracht, als der Sohn sieben Jahre alt war — in einem Interview mit dem „Stern“ spricht Bjerg davon, weist aber deutlich darauf hin, dass es sich bei „Serpentinen“ nun mal um einen Roman, um Fiktion handelt. Die Arbeit am Roman habe sich aber angefühlt, als schriebe er zwei Jahre lang einen „Albtraum“ auf. Im Roman meldet sich immer wieder „DIE GROSSE BRILLE“,  die mit dem Erzähler spricht — geradezu eine Psychoanalytikerin.

Natürlich ist es ein Roman: Der Ich–Erzähler hat in Berlin Karriere als Soziologe gemacht; er ist ein erfolgreicher Wissenschaftler. Der Leser, der sich bei der Lektüre geradezu um den Schriftsteller sorgt, sollte das Buch nicht abklopfen auf autobiografischen Gehalt. Aber es liest sich authentisch. Mitreißend. Und mit schwäbischem Lokalkolorit.

Tunnel sind auch keine Lösung

Bjerg kann dabei in wenigen Sätzen die ganze Zivilisation erklären: „Ich schnitzte aus Mammutzähnen Figuren von Löwenmenschen und kopflosen Frauen mit exorbitanten Brüsten, dann erfand ich das Rad, rodete den Wald und hob Entwässerungskanäle aus, mauerte Äquadukte, asphaltierte Autobahnen und verlegte Schienen, veranstaltete einen Weltkrieg, einen Völkermord und ein Wirtschaftswunder. „

Bjerg lässt seinen Protagonisten wüten gegen die neuen alten Nazis — und gegen die Zerstörer der Natur. Was ist das Gegenteil von Straßen mit Serpentinen? "DIE GROSSE ABKÜRZUNG“, Brücke und Tunnel der Neubaustrecke der Bahn zwischen Stuttgart und Ulm, ein Bauprojekt, das im Ländle für Protest sorgte. Das Leben aber, weiß der Erzähler, ist komplizierter, und die paar Minuten Zeitersparnis bedeuten nichts für einen, der nicht fertig wird mit der Vergangenheit.