Literatur: Neues Kinderbuchmuseum im Havelland
Nur eine von vielen Überraschungen, die ein brandneues Kinderbuchmuseum bietet, das gerade im Havelland auf Schloss Kleßen eröffnet wurde. Es ermöglicht einen Überblick über rund 300 Jahre Bilderbuchgeschichte. Die Sammlung stammt von Schlossherr Hans-Jürgen Thiedig, der 1 000 Kinderbücher von der Aufklärung bis in die Gegenwart sein Eigen nennt – nur ein Bruchteil kann gezeigt werden.
Sowohl das mit den Überraschungen wie mit dem Überblick klappt allerdings nur, wenn man ausreichend Muße für das schmucke Häuschen im Schulweg mitbringt, das winzig wirkt, aber jede Menge zu bieten hat. Alles ist gut erklärt und eingeordnet, aber mit viel Text – man muss sich schon die Mühe machen, das alles durchzulesen und anzusehen. Audioguides, Bildschirme, Info-Häppchen, so was gibt‘s nicht.
Neben einigen echten Raritäten – das älteste Buch stammt aus dem Jahr 1712 – ganz unterschiedlichen Fibeln, beweglichen "Zieh-Büchern“ aus dem 19. Jahrhundert, anspruchsvollen Jugendstil-Büchern und vielen anderen Schätzen widmet sich eine Sonderausstellung im Rahmen des Kulturland-Themenjahres „Krieg und Frieden“ der Stunde Null in Deutschland. Unter dem Titel „Wie im Bilderbuch?“ werden ausgewählte Kinderbücher der Nachkriegszeit aus Ost und West vorgestellt.
Die Ausgangsfrage der Macher war: Deckt sich die Realität direkt nach dem Krieg mit den Inhalten der damaligen Bücher? Klare Antwort: Nein. „Die Diskrepanz könnte größer gar nicht sein“, so die Erkenntnis von Kuratorin Birgit Jochens. Kinder spielten in Ruinen, Essen war knapp – in den Bilderbüchern aber war die Welt in Ordnung. „Es gab eigentlich nur zwei Sorten Bücher für Kinder: heile Welt oder neu aufgelegte Klassiker“, sagt sie.
Anscheinend traf das die Gefühlslage: Für den Realitäts-Check wurden Zeitzeugen aus der Region befragt. So sagt etwa Christa Schwarzer, geboren 1948 in Berlin-Lichterfelde: „Meine Geschwister und ich hatten eine Kindheit wie im Bilderbuch“. Mit dieser für uns heute eher überraschenden Haltung ist sie nicht alleine; fast alle Befragten schildern ihre Kindheit ähnlich. In der Schau ist nur Platz für kurze Statements, die kompletten Interviews kann man in einem Begleitband nachlesen.
Mit der Frage, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte, beschäftigt sich im Kinderbuch während des Kriegs und unmittelbar danach eigentlich nur Lisa Tetzner mit der Serie "Die Kinder aus Nr. 67“, die größtenteils aus dem Exil veröffentlicht wurde. Eine freche Heldin wie Pippi Langstrumpf – 1945 wurde in Schweden der erste Band gedruckt – sucht man hierzulande noch vergebens. Leuchtende Ausnahmen, formal wie inhaltlich, bleiben in Deutschland noch eine ganze Weile der Verleger Arthur Felguth (West-Berlin, ab 1946) und der Kinderbuchverlag (Ost-Berlin, ab 1949), die in der Schau breit gewürdigt werden. Erst gegen Ende der 50er-Jahre finden verdrängte Inhalte und das Alltagsleben verstärkt Eingang in die Kinderliteratur.
In Deutschland gab es bislang nur ein Bilderbuchmuseum im rheinischen Troisdorf. Die Kollegen dort hätten ihnen beratend zur Seite gestanden, erzählt die Kuratorin. Schön, das Brandenburg jetzt auch eines hat – es lohnt einen Ausflug.
Kinderbuchmuseum, Schulweg 2, Kleßen-Görne, Mi-So 11-17 Uhr; www.kinderbuchmuseum-havelland.de; nebenan ist ein Spielzeugmuseum.


