Literatur
: Roman von Peter Wawerzinek: Liebestölpel

Peter Wawerzinek sucht erneut das Glück und legt den dritten Band seiner Vogel-Reihe vor.
Von
Antje Scherer
Berlin
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Sie ist die große Liebe des Ich-Erzählers, erst eine Art Schwester im Kinderheim, in dem beide  aufwachsen, dann kameradschaftliche Freundin, Boxpartnerin, erster Schwarm. Die beiden teilen nicht nur Teddybär Kalle, sondern auch die Sehnsucht nach Geborgenheit.

Aber Lucretia, die zäh und furchtlos ist und so oft abhaut, dass sich im Heim keiner mehr Sorgen macht, wenn sie weg ist, ist in einem Herbst dann plötzlich mit einem älteren Fleischergesellen zusammen. Sodass der Erzähler sich gezwungen sieht, doch auch andere Mädchen in Betracht zu ziehen. Ein Liebesreigen beginnt, erst mit Inga, mit Marina, Isa und irgendwann mit Eris, die er heiratet und mit der er Kinder bekommt. Aber immer wieder funkt ihm Lucretia dazwischen, die er seine „lebenslange Lebensliebeslast“ nennt.

Erzählt wird in „Liebestölpel“ von der Suche eines in Herzensdingen schlecht Ausgestatteten nach der „großen, fetten, alles übertreffenden Liebe“. Und parallel von allem, was ihm zwischendurch passiert (Ausreiseantrag, Studienabbruch, Fließband-Job, vier Geburten) und was er versucht, als Pflaster auf sein Loch im Inneren zu drücken, – Zigaretten, Reisen, Bücher, Schreiben und (meist schlechter) Sex.

Wie schon früher verwandelt der in Berlin lebende Autor Peter Wawerzinek (Jahrgang 1954) in „Liebestölpel“ sein eigenes Leben in eine Geschichte; was daran wahr und was dazu erfunden ist, bleibt diffus. Ist ja auch egal. Fans werden Etliches aus seinem erfolgreichen Roman  „Rabenliebe“ wiederfinden. Für den bekam er 2010 den Bachmann-Preis – absolut zurecht. Der sprachmächtige Roman über sein dramatisches Schicksal – als Kleinkind von der Mutter in der Wohnung in Rostock unversorgt zurückgelassen, was ihn und seine Schwester fast das Leben gekostet hätte – wühlte auf. Es folgte „Schlucksprecht“ (2014) über eine Zeit der Alkoholexzesse und seine Therapie.

Jetzt also der dritte Streich der Vogel-Reihe. Wieder stehen Sehnsucht, Verletzungen, Suchbewegungen im Zentrum. „Wir bleiben, was die Fähigkeit zur Liebe angeht, abgemagert“, schreibt der Erzähler über sich und Lucretia. Als angeknackste Menschen tun einem sowohl Wawerzinek wie  seine Romanfigur in der Seele leid – ob aber dieses Abarbeiten am eigenen Trauma literarisch ein weiteres Mal zündet? Stellenweise gibt es starke Bilder und farbige Beschreibungen, aber keine Story, und die gut 300 Seiten Nabelschau werden einem doch arg lang. Am Ende ist es, ähnlich wie bei seinem Bruder im Geiste, dem Norweger Karl Ove Knausgård, der in seinem autobiografischen Mammutwerk gefühlt jeden Gang aufs Klo dokumentiert, wahrscheinlich Geschmackssache, ob man dem Mitleben und Mitleiden verfällt – oder nicht.

Peter Wawerzinek: "Liebestölpel“, Galiani, 304 Seiten, 20 Euro