Literatur
: Rüdiger Safranski porträtiert Hölderlin

Rüdiger Safranski hat eine Biografie geschrieben über den vor 250 Jahren geborenen Dichter Friedrich Hölderlin.
Von
Jürgen Kanold
Ulm
Jetzt in der App anhören

Doppelgeburtstag: Rüdiger Safranski, der am 1. Januar 75 wird, präsentiert sein Buch zu Hölderlins 250. Geburtstag.

Patrick Seeger

Nicht nur Beethoven

Das Beethoven-Jahr wird 2020 vieles übertönen. Vor 250 Jahren ist aber ebenso, am 20. März 1770 in Lauffen am Neckar, Friedrich Hölderlin geboren (und in Stuttgart der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel). Unter den Neuerscheinungen zum Hölderlin-Jahr findet sich fast zwangsläufig auch eine Hölderlin-Biografie Safranskis. Denn der bald 75-Jährige schrieb schon über Goethe und Schiller, und auch ein Buch über den Idealismus und die „Romantik“, die er als „eine deutsche Affäre“ bezeichnete.

So musste Safranski bei Hölderlin landen. Der verehrte seinen Landsmann Schiller über alles und sollte nach dem Theologiestudium in Tübingen die typische württembergische Pfarrerskarriere einschlagen, wurde aber nicht zuletzt vom Ich-Kult des Philosophen Johann Gottlob Fichte aus der vorbestimmten Bahn geworfen.

Zu Lebzeiten war Hölderlin ein Geheimtipp gewesen, damit ein Autor des Nachruhms, weiß Safranski: "Das gehört zu seiner Tragödie.“ Dann wurde er populär, und im Nationalsozialismus ist er ideologisch missbraucht worden, wenngleich etwa das opferselige Gedicht „Der Tod fürs Vaterland“ ein Kampflied für die Republik sei – Hölderlin, der Revolutionär. In unserer Zeit aber werde er, so Safranski, im breiten Publikum kaum mehr gelesen. Doch weil er zu bedeutsam sei für das Vergessen, werde er zum Anlass eines Schaulaufens. „Die Rätselfigur Hölderlin stachelt bis heute die Literaturwissenschaft zu Höchstleistungen an.“

Safranski ist mit dabei. Er hat die Biografie eines Einzelgängers geschrieben, der keinen Halt im Leben fand. Hölderlin, für den die Antike eine Religion war, der über die großen Themen Freiheit, Unsterblichkeit, Weltenharmonie, Menschheit, über die Götter und die Schönheit auf Erden seine Gedichte schrieb und seinen Roman „Hyperion" – Hölderlin ist für Safranski „ein Priester der Poesie“.

Die Freunde im Stift

Das erläutert er ausführlich, direkt interpretierend am Text. Seine Leserinnen und Leser wissen das: Mit dem ausschmückenden Nacherzählen von Lebensläufen hält sich der Autor nicht auf. Auch nicht mit mutmaßlichen Bettszenen, mit Details zu Hölderlins existenzieller Liebe zu Susette Gontard, seiner Diotima. Er zitiert Briefe, berichtet die biografischen Fakten prägnant und sofort analysierend. Wer’s genau wissen will, schaut in der Zeittafel am Ende des Buches nach. Safranski untersucht lieber das philosophische Denken Hölderlins, der ja schließlich mit Hegel und Schelling im Tübinger Stift eine Wohngemeinschaft bildete.

Wie hält es Safranski mit Hölderlins Wahnsinn? Er spekuliert nicht, stellt keine neue These auf. In den Jahren 1801/1802 begann Hölderlins Lebenskatastrophe: Die rätselhafte Winterreise nach Bordeaux, wo er eine Hofmeisterstelle antreten sollte, ist ein Wendepunkt. Nach einem Aufenthalt im Autenriethschen Klinikum lebte Hölderlin von 1807 bis zu seinem Tod 1843 in Tübingen, zur Pflege bei der Familie Zimmer, im heute so genannten Hölderlinturm am Neckar: gebrochen, schwermütig, schizophren.

Oder war er gar nicht verrückt? Der Germanist Pierre Bertaux führte in den 1970er Jahren mit einer spektakulären These aus, dass der als Republikaner denunzierte, einen Hochverratsprozess befürchtende Hölderlin sich vielmehr als geisteskrank ausgegeben habe, um nicht eingesperrt zu werden, und dass er sich, in der Seele tief verletzt, in ein inneres Asyl zurückgezogen habe.

Nein, sagt Safranski, eine solche Maskierung und Inszenierung sei wohl kaum über die ganze zweite Lebenshälfte, 36 Jahre lang, durchzuhalten. Safranski möchte Hölderlin nicht mythisieren, sondern uns sein Werk nahebringen. Das gelingt.

Rüdiger Safranski: „Hölderlin. Komm. ins Offene, Freund!“, Hanser, 336 S., 28 Euro.

Auch der Biograf hat Geburtstag

Rüdiger Safranski hat vielbeachtete Biografien geschrieben und er widmet sich als Philosoph den Fragen der Zeit. Am Neujahrstag feiert Safranski, der aus Rottweil stammt und in Badenweiler südlich von Freiburg lebt, seinen 75. Geburtstag. "Ich verstehe mich als Übersetzer, als literarischer Brückenbauer von der Geschichte in die Gegenwart", sagt er. "Ich schreibe und arbeite so lange, wie es meine Kräfte zulassen." Seine Bücher seien beinahe so lesenswert wie die Werke der Autoren, mit denen sie sich befassen, urteilte Marcel Reich-Ranicki. Safranski setzte sich mit den Philosophen Arthur Schopenhauer, Martin Heidegger und Friedrich Nietzsche auseinander. Und er widmete sich publikumswirksam den Dichterfürsten der deutschen Klassik: Friedrich Schiller und Johann Wolfgang von Goethe. ⇥dpa