Literatur
: Schreiben in der Corona-Krise

Seit ihrem Jugendroman „Weggesperrt“ gilt sie als Expertin für die feinfühlige Aufarbeitung von DDR-Unrecht. Jetzt legt die in Potsdam lebende Autorin gleich drei neue Bücher vor.
Von
Antje Scherer
Frankfurt (Oder)/Potsdam
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  • Spezialistin für die literarische Bewältigung von Problemen: die Autorin Grit Poppe.

    Spezialistin für die literarische Bewältigung von Problemen: die Autorin Grit Poppe.

    Christoph Soeder/dpa
  • Grit Poppe: "Angstfresser", Mitteldeutscher Verlag, 352 Seiten, 20 Euro

    Grit Poppe: "Angstfresser", Mitteldeutscher Verlag, 352 Seiten, 20 Euro

    Verlag
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Der Blutegel ist Teil einer Therapie gegen Kyras Panikattacken – und die heimliche Hauptfigur im Roman „Angstfresser“. Erst etwas angeekelt, dann zunehmend fasziniert, erlebt man mit, wie sich die labile junge Frau mit ihrem Hirudo – so der wissenschaftliche Name dieser Spezies – arrangiert und unter seinem Einfluss verändert. Erst erlebt sie krasse Halluzinationen, dann weichen ihre Ängste allmählich – und je fetter der Parasit wird, desto stärker wird sie.

Blutegel nutzt die Medizin seit Jahrtausenden gegen unterschiedliche Beschwerden. Heutzutage gelten die kleinen Würmer als ziemlich alternative Methode, die etwa bei Thrombosen eingesetzt wird. Und auch wenn sie sogar gegen psychische Leiden helfen sollen: einen Angstfresser gibt es in der Realität so nicht.

Klar, dass eine blutsaugende Figur an Vampire denken lässt. Die beschäftigen Autorin Grit Poppe schon länger. „Es sind komplizierte Wesen“, sagt sie, „das finde ich interessant.“ Die Frage nach der eigenen Identität stelle sich für ein Wesen ohne Schatten und ohne Spiegelbild permanent. Das ist auch für Monty, den Blut verabscheuenden Helden ihres Kinderbuches „Monty Vampir“ (2012) ein Thema. Es passt gut, dass auch in diesem heiteren Buch eine Identitätsproblematik mitläuft.

Poppe ist quasi Spezialistin für das literarische Bewältigen von Problemen. Und für Aufarbeitung, speziell für DDR-Geschichte – ihr preisgekrönter Jugendroman „Weggesperrt“ über den Jugendwerkhof Torgau (2009) ist ein Bestseller und in einigen Bundesländern Schullektüre. Auch in „Angstfresser“, das geschickt zwischen Zeitebenen springt, spielt die DDR eine Rolle. Kryra – das wird erst allmählich klar – war als 15-Jährige in eine Republikflucht verstrickt, die eine Odyssee durch DDR-Heime (darunter das Durchgangsheim Bad Freienwalde) nach sich zog, und ist schwer traumatisiert.

Ins Buch sind eigene Erfahrungen der 56-Jährigen eingeflossen. So hat sich die Tochter des Bürgerrechtlers Gerd Poppe etwa in der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“ engagiert.  "Wir bekamen Räume im Lindenhotel (ein ehemaliger Stasi-Knast), und ich traf auf Menschen, die dort in Haft gesessen hatten“, erzählt sie. Auch das Thema Angst begleitet sie seit längerem. Anfang 20 hat sie selbst Angstzustände erlebt ("das hat mich ziemlich aus der Bahn geworfen"). Und seit der Veröffentlichung ihrer DDR-Jugendbücher (auch: „Abgehauen“, „Schuld") hat sie regelmäßig Kontakt mit Opfern staatlicher Willkür, die ihr Trauma oft lebenslang mit sich herumtrügen. Sich dem Geschehenen zu stellen, spiele – so ihre Beobachtung – ebenso eine große Rolle bei der Verarbeitung wie die öffentliche Anerkennung der Schuld. Und: Die Bewältigung von Angst kann auch, zumindest im Roman, gewaltige Kräfte freisetzen.

Dort gehören die surrealen Beschreibungen von Kyras Halluzinationen zu den eindrücklichsten Passagen ("Ein Rudel Menschen mit Wolfsköpfen steht an der Kasse an. Sie drehen sich alle gleichzeitig nach mir um ... Ich gehe zurück bis zu den Cornflakesschachteln. Die Wolfsmenschen machen jetzt Turnübungen. Sie hüpfen im Hampelmanntakt, alle gleichzeitig.")  Hat Grit Poppe denn nicht Lust, einfach mal nur zu spinnen, ganz ohne Schwere – oder vielleicht eine romantische Liebesgeschichte zu schreiben? „Dafür wäre ich nicht die Richtige“, sagt sie und lacht. Herumspinnen allerdings, das mache ihr durchaus Spaß, und für Kinder schreibe sie ja auch reine Fantasy. Die heftigen Geschichten, denen sie sich sonst schreibend stellt, „das sind alles Themen, die mich selber interessieren.“

Für sie persönlich kam die Corona-Vollbremsung des Kulturbetriebs zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt. Neben „Angstfresser“ hat sie gerade zwei weitere Bücher veröffentlicht, „Alice Littlebird“ (Peter Hammer) und „Wilma Wunderhuhn“ (Carlsen), beide für Kinder. Eigentlich standen jetzt Lesungen an – und auch etwas Feiern und Aufatmen. „Feiern fällt aus“, sagt sie nüchtern. Stattdessen sitzt sie am nächsten Werk,  – einem Jugendbuch über junge IMs, das unter anderem in Eberswalde spielt, und im Herbst erscheint. Gerade die Absage von Lesungen sei bitter, „davon leben wir Autoren ja zum großen Teil“.

In „Alice Littlebird“ geht es übrigens erneut um das Thema Umerziehung – dieses Mal in Kanada. Entstanden ist es während ihrer Zeit als Stadtschreiberin in Rheinsberg. Ortsansässigen mag besonders ein Geräusch vertraut in den Ohren klingen: „Die vielen Wildgänse dort spielen eine große Rolle im Buch.“