Die französische Schriftstellerin Annie Ernaux erhält den diesjährigen Literaturnobelpreis. Das teilte die Schwedische Akademie am Donnerstag in Stockholm mit. Sie bekomme den Preis „für den Mut und die klinische Schärfe, mit der sie die Wurzeln, Entfremdungen und kollektiven Beschränkungen der persönlichen Erinnerung aufdeckt“, sagte der Ständige Sekretär der Akademie, Mats Malm, bei der Preisbekanntgabe.
„Wir haben es noch nicht geschafft, Annie Ernaux telefonisch zu erreichen“, merkte Malm an. Sie erfuhr erst kurz darauf durch einen Anruf der schwedischen Nachrichtenagentur TT von der Auszeichnung, wie die Agentur berichtete. „Nein! Wirklich?“ sagte sie nach TT-Angaben. „Ich habe heute Morgen gearbeitet und das Telefon hat die ganze Zeit geklingelt, aber ich bin nicht dran gegangen“, sagte sie demnach und ergänzte: „Ich höre es jetzt die ganze Zeit klingeln.“

Ein „Festtag für die Literatur“

Die Französin wurde vor der Preisbekanntgabe von mehreren Literaturexperten zum engen Favoritenkreis gezählt. Der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck hatte sie als seine große Favoritin auf dem Zettel gehabt. Es handle sich um einen „Festtag für die Literatur“, sagte er am Donnerstag der Deutschen Presse-Agentur. Sowohl in ästhetischer als auch in politischer Hinsicht sei die diesjährige Entscheidung „eine beglückende Wahl“.
Der Nobelpreis für Literatur gilt als die prestigeträchtigste literarische Auszeichnung der Welt. Auf der sogenannten Longlist für den Preis standen in diesem Jahr 233 Kandidaten - welche Namen darunter sind, wird alljährlich streng geheim gehalten.
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Seit über vier Jahrzehnten schreibt Annie Ernaux Bücher - Bücher über sich und ihre Herkunft. Dabei blickt sie nicht nur radikal auf ihr eigenes Leben, sondern reflektiert schnörkellos die Zeit und Gesellschaft, in die sie hineingeboren wurde. Die 82-jährige Schriftstellerin, die am Donnerstag mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet wurde, bezeichnet sich als Ethnologin ihrer selbst.

Geschichte einer „Ichwerdung“

In Deutschland wird sie von Kritikern als Meisterin des Autofiktionalen gefeiert oder sogar als weiblicher Proust, in Anspielung an ihren berühmten Landsmann Marcel Proust (1871-1922). Ihre Bücher schaffen es regelmäßig auf deutsche Bestsellerlisten. Eines ihrer jüngsten auch in Deutschland erschienenen Werke trägt den Titel „Das Ereignis“. Das fast autobiografische Buch handelt von den fast schon grausamen Versuchen der Autorin abzutreiben, in einer Zeit, in der die Abtreibung noch als unmoralisch und kriminell betrachtet wurde. Verfilmt wurde die Geschichte von Audrey Diwan, die dafür im vergangenen Jahr den Goldenen Löwen des Filmfestivals von Venedig erhielt.
Die über zwanzig Bücher der Schriftstellerin lesen sich wie ein Selbsterkundungsprojekt. Wie sie selbst sagt, versucht sie ihre persönlichen Erinnerungen im kollektiven Gedächtnis zu finden, denn für sie ist ein „Ich“ nicht ohne die anderen und ohne Geschichte denkbar. Und so gehen ihre Geschichten über ihre persönlichen Erlebnisse hinaus; sie betten sich ein in kollektive Erfahrungen, die durch gesellschaftliche Zwänge und Ereignisse die „Ichwerdung“ beschränken.

Aufgewachsen in bescheidenen Verhältnissen

Ernaux wurde 1940 in Lillebonne in der Normandie geboren und wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf. Ihr Vater verdiente den Lebensunterhalt als einfacher Arbeiter. Ihre Kindheit war geprägt vom frühen Tod ihrer älteren Schwester. Nach dem Studium der Neueren Literatur wurde sie Gymnasiallehrern.
Im Jahr 1974 erschien ihr erster Roman „Les armoires vides“ (dt. „Die leeren Schränke“). Als sie sich 1980 scheiden ließ, war sie Mutter von zwei Kindern. 1984 erschien „La Place“ (dt. „Der Platz“). Der Roman, für den sie den renommierten Renaudot-Preis erhielt, handelt von ihrem Vater und ihrem eigenen sozialen Aufstieg. In „Eine Frau“ beschwört sie die Erinnerungen an ihre Mutter herauf, in „Passion simple“ ihre Liebesbeziehung zu einem verheirateten Mann.
Zu ihren erfolgreichsten Büchern gehört „Les années“, „Die Jahre“, aus dem Jahr 2008. Das Werk ist eine Rückschau auf 60 Jahre ihres Lebens, ein Blick auf eine Frau, die sich verändert – zusammen mit der Welt.
Ihr Erzählstil ist neutral, distanziert. Sie selbst bezeichnet ihn als objektiven Stil, der die erzählten Tatsachen weder auf- noch abwertet. Als Ernaux 2019 mit dem deutsch-französischen Prix de l’Académie de Berlin ausgezeichnet wurde, lobte die Jury ihre Schriftstellerei als „hochmoderne, gewagte, meisterlich komponierte Literatur, die von Klassenkämpfen, den Zumutungen kultureller Differenz und der Emanzipation der Frauen erzählt“.

Verleihung ist am 10. Dezember

Der Literaturnobelpreis geht wie die weiteren traditionellen Nobelpreise auf das Testament des Preisstifters und Dynamit-Erfinders Alfred Nobel (1833-1896) zurück. An dessen Todestag, dem 10. Dezember, werden die Preise in Stockholm und Oslo verliehen. Dotiert sind die Auszeichnungen in diesem Jahr erneut mit zehn Millionen schwedischen Kronen pro Kategorie. Umgerechnet entspricht das knapp 920 000 Euro.
Im vergangenen Jahr war der Literaturnobelpreis an den bis dahin relativ unbekannten tansanischen Schriftsteller Abdulrazak Gurnah gegangen. Er wurde „für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten“ geehrt. Im Jahr davor hatte die amerikanische Dichterin Louise Glück den Nobelpreis erhalten - auch sie galt vorab nicht als eine der zahlreichen Favoritinnen und Favoriten.
Bereits in der ersten Wochenhälfte waren die diesjährigen Nobelpreisträger in den Kategorien Medizin, Physik und Chemie verkündet worden. Deutsche Preisträger waren nicht darunter, wohl aber der Schwede Svante Pääbo, der in Leipzig arbeitet. Er erhält den Medizinnobelpreis für seine Erkenntnisse zur menschlichen Evolution.