Margot Friedländer
: Was sie uns hinterlassen hat – ein Abend im Berliner Ensemble

Zeitzeugin Margot Friedländer starb im Alter von 103 Jahren. Im Berliner Ensemble erinnern Michel Friedman, Igor Levit und viele Freunde an sie.
Von
Christina Tilmann
Berlin
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"Seid Menschen" - Hommage an Margot Friedländer mit dem Kinder- und Jugendchor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, geleitet von Isidoro Abramowicz

"Seid Menschen" - Hommage an Margot Friedländer mit dem Kinder- und Jugendchor der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, geleitet von Isidoro Abramowicz

Moritz Haase
  • Gedenkfeier für Margot Friedländer im Berliner Ensemble, Motto: „Seid Menschen“.
  • Musiker wie Sophie Hunger und Igor Levit gestalten den Abend mit emotionalen Beiträgen.
  • Michel Friedman warnt vor wachsenden antisemitischen Strömungen und dem Erstarken der AfD.
  • Schauspieler Matthias Brandt liest aus Haffners „Geschichte eines Deutschen“ über das Wegsehen 1933.
  • Friedländer kritisierte vor ihrem Tod die Schwäche der Demokratie und mahnte zum Handeln.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

„Seid Menschen“. Der Appell, den die im Mai mit 103 Jahren verstorbene Zeitzeugin Margot Friedländer mantraartig wiederholt hatte, steht als Motto über der Gedenkfeier, die das Berliner Ensemble ihr zwei Monate nach ihrem Tod ausrichtet. Er ist auch Leitmotiv in einem Song, den die Musikerin Sophie Hunger extra für diesen Abend geschrieben hat und zur Gitarre aufführt.

Es sind die Künstler, die Freunde, die sich am Samstag Abend am Schiffbauerdamm einfinden, zu einer „Celebration“, wie der ehemalige Intendant der Komischen Oper, Barrie Kosky, es nennt. Keine Trauerfeier, keine staatstragenden Reden – die gab es schon am Mittwoch in der Berliner Philharmonie, mit einer Gedenkstunde mit allerhand Politprominenz aus Bund und Land, und mit einer Rede von Bundespräsident Frank-Walther Steinmeier.

Abschied mit Musik - auch Anne-Sophie Mutter macht mit

Im Berliner Ensemble spricht die Musik, zusammengestellt von Igor Levit: Guy Braunstein spielt Brahms G-Dur-Sonate, Anne-Sophie Mutter Mozarts e-Moll-Sonate und Levit Werke von Schubert und Chopin.

Das passt zu Margot Friedländer, die in ihren letzten Jahren in Berlin das Kulturangebot der Stadt mit Begeisterung ausgekostet hat – sie sei in allen seinen Premieren an der Komischen Oper gewesen, erzählt Barrie Kosky, und auch im Berliner Ensemble war sie gern gesehener Gast, so Hausherr Oliver Reese.

Doch bei aller gesellschaftlichen Umarmung, die diese kleine große, zur Freundschaft so unendlich begabte Frau in ihren letzten Lebensjahren erfahren hat, findet Michel Friedman als Mitorganisator des Abends auch sehr kritische Töne. Er spricht über die Kinder des Kinder-und Jugendchors Kol Zion der Jüdischen Gemeinde, die nur unter Polizeibewachung in die Schule gehen, und dass auch Margot ein Kind in Berlin gewesen sei. „Der Hass ist hungrig, und er wird nicht satt“.

„So hat es damals auch angefangen“

Und er spricht darüber, wie die Zeitzeugin, die so vielen deutschen Kindern ihre Geschichte erzählt habe, sich in den letzten Monaten ihres Lebens verändert habe: „In den letzten Monaten sprach sie anders, aber wir hörten nicht genau zu“. Dass sie besorgt sei, weil die Demokratie sich als schwach erweise, habe sie immer wieder gesagt, angesichts zunehmender antisemitischer Strömungen in Deutschland und dem Erstarken der AfD, und: „So hat es damals auch angefangen“. Und er schließt: „Wenn wir Margot die Ehre erweisen wollen, müssen wir etwas tun, dürfen wir nicht wegsehen.“

"Wir haben ihr nicht genau zugehört": Michel Friedman erinnert daran, dass Margot Friedländer in ihren letzten Monaten zunehmend besorgt auf Deutschland blickte.

"Wir haben ihr nicht genau zugehört": Michel Friedman erinnert daran, dass Margot Friedländer in ihren letzten Monaten zunehmend besorgt auf Deutschland blickte.

Moritz Haase

Und dann liest der Schauspieler Matthias Brandt eine Passage aus Sebastian Haffners „Geschichte eines Deutschen“, die Schilderung jenes 31. März 1933, dem Tag, bevor der Judenboykott von Geschäften, Praxen und Gerichten begann. Haffner schildert, wie er als Referendar am Kammergericht den Tag erlebt, und, wie alle anderen, so tut, als sei nichts – bis die SA die jüdischen Richter und Rechtsanwälte aus dem Gericht holt. „Ein Tag wie jeder andere“, ist die bittere, selbstkritische Bilanz des Textes. Ein Tag, an dem das Wegsehen als Alltag begann.