Marillion in Berlin
: Doppelkonzert im Tempodrom – funktioniert der Progrock noch?

1988 spielten sie ein legendäres Konzert in Berlin Weissensee. Nun lädt Marillion Fans aus ganz Europa ins Tempodrom zur „Convention“. Mit Berlin verbindet sie auch sonst eine besondere Geschichte.
Von
Gunnar Leue
Berlin
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Kommen zur Convention nach Berlin: die Band Marillion mit Sänger Steve Hogarth (M, undatierte Aufnahme)

picture alliance/dpa/networking Media / Anne-Marie Forker Photography

Fantum hat bekanntlich viele Seiten, auch kommerzielle. Eine besondere und zumindest im Musikgruppenbereich nicht so häufige war am Wochenende im Berliner Tempodrom zu erleben. Die britische Band Marillion hatte zum Marillion Weekend geladen, das erste Mal in Deutschland. Zuvor gab es die schon in anderen Ländern.

Bei dem Veranstaltungsformat handelt es sich um ein Wochenende mit zwei Konzerten, eines am Freitag und eines am Sonnabend. Das Ganze nennt sich auch Convention, was der eine oder andere Star Trek-Anhänger vielleicht aus seiner Fanwelt kennt. Bei den Star Trek-Conventions laufen einige Besucher gern mal zum Beispiel als Spok verkleidet durch die Eventloction. So war es am Freitagabend im Tempodrom nicht. Dort sah man nur ganz normal in Kleid, Jeans und T-Shirt gewandete Menschen höheren Alters diverser europäischer Mundart, die allerdings durch teilweise absonderliches Kaufverhalten auffielen.

Fans aus ganz Europa kaufen unnötige Merchandise-Artikel

Sie bildeten eine lange Schlange am Merchstand, wo es ein buntes Angebot an unnötigen Waren des täglichen Bedarfs gab: Gelbe Marillion-Quietschentchen und kleine Marillion-Plüschbärchen, dazu Notizbücher, jedes „mit ‚Worten der Weisheit‘ der Band“. Am Nebentisch verkaufte zudem freundliche Mitglieder des Marillion-Fanklubs zugunsten von Charityprojekten von anderen Fans gespendete Artikel wie gehäkelte Herzchen. Hoffentlich kam für die gute Sache einiges rein.

Zerwürfnis 1985 in Berlin

Auf jeden Fall machte das Ambiente deutlich, dieser Abend ist keiner wie so viele im Tempodrom. Das galt auch für die Band selbst. Berlin, das ist für Marillion eine Art Zeitenwendeort in eigener Sache. Wobei es ja nur noch ein Bandmitglied gibt, das das Davor und Danach der gruppeninternen Wende erlebt hat. Gitarrist Steve Rothery war 1985 dabei, als die Band gar nicht so weit entfernt vom Platz, wo heute das Tempodrom steht, ein fundamentales Zerwürfnis ereilte. Im Hansa-Studio nahmen sie ihr drittes Album „Misplaced Childhood“ auf, unter anderem mit dem zum Überhit aufsteigenden Song „Kayleigh“. Der gefiel auch vielen Hörern, die mit dem Wort Neo-Prog gar nichts anfangen konnten und denen auch wurscht war, dass die Bescheidwisser Marillion als Genesis-Klone verhöhnten.

Der Zoff in der Gruppe, ausgelöst durch die berühmt-berüchtigten „musikalischen Differenzen“, führt letztlich dazu, dass der charismatische Sänger Fish sie 1988 verließ – kurz nachdem die Band in Berlin-Weißensee, im legendären Rocksommer der DDR, ein Megakonzert vor rund 100.000 Leuten gegeben hatte. Der Autor dieser Zeilen erinnert sich gut.

Mitschnitt des Weissensee-Konzerts auf YouTube

Nicht wenige sahen das Ende der Band gekommen, aber Fish wurde durch Steve Hogarth ersetzt und das bescherte Marillion nach einer längeren Phase der Unauffälligkeit in den Neunzigern doch ein munteres Fortleben. Die Stimmung ist denn auch schon top bei Konzertbeginn, der zugegeben etwas düster gerät: Blick auf die Erde samt Spruch „Save us from ourselves“, rette uns vor uns selbst. So kann man das mit der Menschheit natürlich sehen. Die Musik ist dann nicht ganz so apokalyptisch. Nicht bei „Be Hard On Yourself“ und nicht bei „Murder Machines“, das doch als sehr eingängiger Rock ohne verschlungene Finesse daherkommt. Bei „Map Of World“ wird sogar eifrig mitgeklatscht, was ja eigentlich nicht die klassische Übung von Nerds ist.

Steve Hogarth ist der Star auf der Bühne

Zum Standing-Ovations-Applaus schwillt das Klatschen dann an, als der einzige Ur-Marillion Steve Rothery an der Gitarre vorgestellt wird. Er war eben auch schon bei der Entstehung von „Warm Wet Circles“ 1987 dabei, der älteste Song an diesem Abend. Ein paar sind noch aus den Neunzigern, unter anderem „Afraid Of Sunlight“, bei dem Sängern Steve Hogarth seine voluminöse und doch irgendwie getragene Stimme über dem Keyboardteppich ausbreitet. Er ist der unumstrittene Herrscher auf der Bühne, seine Präsenz überstrahlt alle seine Bandkollegen. Als Letztes singt er – „für eure Stadt“ – den Song „Berlin“ vom Album „Seasons End“. Klar, wenn man so ein Lied im Repertoire hat, muss es hier natürlich den Abend beschließen. Mit Saxofonpart, im Progrock, geht auch.

Der Song „Berlin“ auf YouTube

2. Konzert: Sonnabend (24.6.), 19.30 Uhr, im Tempodrom. Es gibt noch Restkarten für 69,50 Euro bei Eventim.