Maxim-Gorki-Theater
: Svenja Liesau spielt Hamlet am Gorki-Theater in Berlin

Im Maxim-Gorki-Theater agiert Shakespeares Hamlet hinter einer Videowand – eine doppelte Projektionsfläche
Von
Irene Bazinger
Berlin
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Svenja Liesau: Stirbt gleich mehrere Tode

Esra Rotthoff

Das steht nicht in Shakespeares Tragödie, wie noch manches andere nicht, das an diesem Abend im Berliner Maxim Gorki Theater zu hören ist – und zwar nicht auf der Hauptbühne, sondern in einem Container auf dem Vorplatz, der wegen Sanierungsmaßnahmen als Ausweichquartier aufgebaut ist.

Auf dem Beiblatt zur Aufführung wird ein Satz von Heiner Müller zitiert: „Wir sind bei uns nicht angekommen, solange Shakespeare unsere Stücke schreibt.“ An dieser Ambivalenz  arbeitet sich der Regisseur Christian Weise in seiner dreistündigen Inszenierung geistreich ab. All das geschieht weitgehend indirekt. Denn das verspielte Ensemble agiert meist hinter einer raumhohen, hellen, dem Publikum als Leinwand dienenden Mauer vor zwei Live-Videokameras und bewegt sich zwischen lauter gemalten Kulissen.

Ob der königliche Thronsaal von Catherine Stoyan und Aram Tafreshian als Gertrud und Claudius oder die gute Wohnstube von Falilou Seck als Staatsrat Polonius, ob ein dunkler Keller oder ein Fahrstuhl, ob eine Computertastatur oder ein Kofferradio, alles ist im grandiosen Bühnenbild von Julia Oschatz zweidimensional und handgepinselt.

Manchmal öffnet sich ein Tor in der Projektionswand, dann kommt die fabelhaft aufgekratzte Svenja Liesau als Hamlet leibhaftig auf die schmale Vorbühne heraus. „Warum steht eigentlich eine Mauer zwischen uns und dem Publikum?“, fragt irgendwann Ruth Reinecke als Geist von Hamlets ermordetem Vater. Sie erzählt aus ihrer Vergangenheit am Maxim Gorki Theater, an dem sie seit 1979 engagiert ist. Und dass damals keine Kameras nötig waren, um Hochspannung zu erzeugen. Wie das gelang? „Spiel um dein Leben“, habe der Regisseur Thomas Langhoff einem Schauspieler geraten und alle gemeint. So nimmt Christian Weise frühere Zeiten, Stile, Einflüsse in dialektischer Praxis in seine Inszenierung auf. Am Schluss wiederholt Svenja Liesau souverän ein halbes Dutzend Mal Hamlets Sterbeszene, schickt nach und nach alle weg, um sich in das Objektiv der Kamera zu verabschieden. Die wird zu unserem Auge auf Hamlet, Shakespeare und all das, was „Sein oder nicht Sein“ umfasst.

Damit ist Christian Weise eine eindrucksvoll intelligente und amüsante Interpretation geglückt, so hauptstädtisch und modern wie historisch informiert und bedacht.

Vorstellungen: 8./10.2., 3./4.3., 20 Uhr, Maxim Gorki Theater, Am Festungsgraben 2, Berlin-Mitte, Tel. 030 20221115