Es schrieb immer wieder deutsche Geschichte und enthüllt bis heute Skandale: Das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ blickt Anfang Januar auf 75 Jahre seines Bestehens zurück. Chefredakteur Steffen Klusmann erzählt im Interview, dass auch heute noch etwas von dem früheren „Männerladen“ zu spüren ist. Über den Skandal um Claas Relotius, der das Blatt mit gefälschten Artikeln vor drei Jahren in eine tiefe Krise stürzte, sagt er: „Der hätte uns versenken können.“ Und er spricht über Ex-„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt, der den „Spiegel“ in einem Interview unlängst kritisiert hatte.

Früher hatten Mächtige schon Tage vor dem Erscheinen des „Spiegels“ Angst, dass sie auf die Mütze bekommen. Und heute - 75 Jahre nach der Gründung?

Haben das sicher immer noch manche. Allerdings müssen die heute täglich damit rechnen. Wir sind inzwischen ja viel mehr als ein Wochenmagazin. Und exklusive Geschichten, die nicht bis Freitag oder Samstag halten, spielen wir natürlich vorher aus, über „spiegel.de“. Zumal wir mit der Seite eine Reichweite haben, von der wir in der alten Welt nur träumen konnten.
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Hat „Der Spiegel“ denn noch die Schlagkraft von einst?

Die Konkurrenz ist heute größer und auch härter. Das spornt uns an. Wir sind das meistzitierte Medium in Deutschland. Und mit einigen investigativen Geschichten lassen wir es immer noch ganz schön rappeln.

Das Magazin hatte vor Jahrzehnen den Ruf, das „Sturmgeschütz der Demokratie“ zu sein. Nutzen Sie den Begriff im eigenen Haus?

Den nutzen wir nicht mehr. Aber eingebrannt in die DNA hat er sich schon. „Der Spiegel“ steht dafür, dass er komplexe Zusammenhänge und große Lagen erklärt und einordnet, dass er nah dran ist und mit Emotion erzählt, dass er kritisch hinterfragt und natürlich aufdeckt.

Sind die Nachrichtenmagazine „Focus“ und „Stern“ noch Ihre Hauptkonkurrenten?

Im Kiosk liegen wir meistens noch nebeneinander, weil es sich um das gleiche Zeitschriftensegment handelt. Aber wenn wir uns in der analogen Welt heute mit anderen vergleichen, dann eher mit der „Zeit“ und der „Süddeutschen Zeitung“, da vor allem die Samstagausgabe. Und im Digitalen ist unser wichtigster Wettbewerber die „Bild“. Das sind die beiden führenden Nachrichtenplattformen in Deutschland, die News nicht nur kuratieren, sondern auch selbst setzen.

Weil Sie gerade die „Bild“ ansprechen. Ist das eigentlich eine Art Hassliebe, die die beiden Medienhäuser Axel Springer mit dem Boulevardblatt und den „Spiegel“ seit Jahrzehnten verbindet?

Ich weiß nicht, wie viel Liebe da noch drinsteckt. Dicke Freunde werden wir wahrscheinlich nicht mehr. Aber klar, wir kämpfen um die besten und relevantesten Geschichten. Da wird sich nicht viel gegönnt.

Wie steht es mit Stoffen über das eigene Haus? Der „Stern“ hat einen Podcast über seine Skandal-Veröffentlichung der gefälschten Hitlertagebücher in den 1980er Jahren produziert und derzeit läuft dazu eine Serie bei RTL+. Mir würde beim „Spiegel“ ein Thema einfallen...

Dass wir diejenigen sind, die den Fälschungsskandal um den Reporter Claas Relotius jetzt auch noch selbst zum Blockbuster machen, werden Sie nicht erleben. Das ist ja nichts, worauf man stolz ist. Wir haben den Fall so transparent wie möglich aufbereitet, und das kam bei unseren Leserinnen und Lesern auch gut an. Wenn andere das nochmal als Fiktion oder Doku in Szene setzen wollen, dann mögen sie es tun.

Ihr Haus hat den größten Skandal der eigenen Verlagsgeschichte 2018 selbst öffentlich bekanntgemacht. Relotius hatte in seinen Reportagen immer wieder gefälscht. Davor hatte er auch für andere Häuser gearbeitet. Im Interview der Schweizer Zeitschrift „Reportagen“ sagte er, dass wahrscheinlich die allerwenigsten seiner Texte korrekt gewesen seien. Wieviel Relotius-Skandal steckt dem „Spiegel“ noch in den Knochen?

Das wird uns immer in Erinnerung bleiben, wie eine Art Mahnmal. In unserer täglichen Arbeit spielt der Fall allerdings kaum noch eine Rolle. Ich glaube, dass wir daraus eine ganze Menge gelernt haben. Wir haben Prozesse umgestellt, sind bei der Verifikation noch genauer und bemühen uns in den großen Erzählungen um etwas mehr Sachlichkeit und Distanz. Früher waren die manchmal so geschrieben, dass da ein Kopfkino anging und die Leser das quasi miterlebt haben. Ich glaube, dass wir heute insgesamt wieder etwas mehr Classic Spiegel sind, modern interpretiert natürlich, was Themen- und Formatemix, Schreibe und Optik angeht. Und dieser Wandel ist selbstverständlich auch dem Big Bang Relotius geschuldet. Diese Entwicklung hat aber zugleich geholfen, den Fall ein Stück weit hinter uns zu lassen.

Der Skandal fiel in die Zeit, als Sie als Chefredakteur starteten. Manche sagen, der Verschleiß auf der Chefebene beim „Spiegel“ sei enorm. Es gab viel Wechsel in den vergangenen Jahren. Hatten Sie das im Hinterkopf, als Sie den Job annahmen?

Dass es einen an der Spitze des „Spiegel“ schnell verreißen kann, sollte man einpreisen, wenn man den Job annimmt. Sonst macht man vor lauter Angst entweder gar nix oder alles falsch. Bei Relotius hatte ich einfach Glück. Ich kam erst, als der Betrug gerade aufflog. Ich kannte zu dem Zeitpunkt weder Juan Moreno, der den Skandal aufdeckte, noch Claas Relotius. Und ich war für die Geschichten nicht verantwortlich. So konnte ich unbelastet nach vorne blicken, die Hosen runterlassen und gemeinsam mit der Redaktion die Schwächen im System anpacken. Das wäre sonst höchst wahrscheinlich anders ausgegangen.

Wie haben Sie sich gefühlt, als die Relotius-Bombe platzte?

Die ersten Tage waren die Hölle. Ich kannte die beteiligten Personen nicht richtig, war noch nicht vertraut mit der Organisation. Wir hatten als neue Chefredaktion, die zum 1.1. starten sollte, ja den Auftrag, Print und Online zu fusionieren, zwei Unternehmen mit sehr unterschiedlichen Kulturen, völlig unterschiedlicher journalistischer Ausrichtung, und ganz anderen Konditionen. Das war schon anspruchsvoll genug. Und dann kam vor Weihnachten dieser Betrugsfall ans Licht. Der hätte uns versenken können.
Ich weiß noch, wie ich zwischen Weihnachten und Neujahr mit meiner Tochter und ihren Freundinnen im Jump House war, ich saß da auf einem Holzpodest, mit meinem Laptop auf den Knien, um mich rum Dutzende kreischende Kids auf Trampolinen, und ich musste einen Beitrag an die Leserinnen und Leser verfassen, in dem ich erklärte, was da bei uns los war. Die Kollegen am Newsdesk warteten auf das Ding, weil immer mehr absurde Details hochkamen und sich die Sache zuspitzte. Was mir in dieser Situation geholfen hat, war, dass ich als Journalist bereits eine echte Krise durchgemacht habe. Ich habe mal eine Zeitung einstellen müssen, die „Financial Times Deutschland“, das war ganz anders, aber auch nicht schön.

Chefredakteure beim „Spiegel“ waren häufig bekannte Figuren in der Öffentlichkeit. Sie gehen da anders vor...

Die Rolle des Chefredakteurs kann man sehr unterschiedlich interpretieren. Es gibt Chefredakteure, die sind die Chef-Kommentatoren ihres Mediums. Dann gibt es die, die sich eher als Repräsentanten sehen, die viel draußen unterwegs sind, auf Podien und in Talkshows sitzen. Und dann gibt es die Blattmacher, die den Laden steuern, Themen mitsetzen, redigieren, Titel machen. Ich verstand mich immer vorrangig als Blattmacher. Klar moderiere ich auch Konferenzen und sitze auf Podien. Aber ich habe in unserem Berliner Büro Kolleginnen und Kollegen, die gehen gern für den „Spiegel“ in Talkshows und machen das super. Warum sollte ich mich da reindrängen.

Wie steht es um Frauenförderung beim „Spiegel“?

Wir arbeiten dran. Der „Spiegel“ war über viele Jahrzehnte ein echter Männerladen. Heute haben wir in der Redaktion eine Frauenquote von 44 Prozent bei Führungspositionen. Und das tut uns gut. Wir machen den „Spiegel“ ja nicht nur für Kerle. Wer schlaue Frauen als Leserinnen erreichen will, sollte antizipieren, was die interessiert. Und das können Frauen nun mal besser als Männer. Das Ziel ist, dass wir in der Redaktion 50 Prozent Frauen und 50 Prozent Männer beschäftigen, auch in Führungsjobs. Und wer weiß, vielleicht wird der nächste Chefredakteur des „Spiegel“ ja eine Chefredakteurin sein.

Ist etwas von diesem Männerladen noch da?

Klar. Diversität lässt sich nicht verordnen, die muss gelebt werden und das braucht Zeit.

Wann bemerkt man das?

Daran, dass die Wortbeiträge der Männer in den Konferenzen immer noch überwiegen. Aber wie gesagt: Es wird besser. Das zeigt sich auch in anderen Dingen. Es ist inzwischen völlig selbstverständlich, dass die jungen Väter bei uns in Elternzeit gehen. Und zwar nicht für zwei bis drei Monate, so wie ich alter weißer Mann das noch gemacht habe, sondern für deutlich länger.

Zurzeit läuft eine Diskussion über Machtmissbrauch in Medienhäusern. Auslöser ist der Fall um Ex-„Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt, den der Springer-Konzern von seinen Aufgaben entbunden hatte. Schon länger läuft darüber hinaus die MeToo-Debatte. Gibt es bei Ihnen im Haus Machtmissbrauch?

Ich hoffe nicht, mir sind keine Fälle bekannt. Als die MeToo-Debatte vor ein paar Jahren aufkam, gab es hier im Haus eine Initiative. Die Kolleginnen und Kollegen wurden anonym befragt, ob sie Ähnliches bei uns erlebt hatten oder erleben. Da kam viel Feedback, von Frauen wie Männern. Unangemessene Witze, der Eindruck mangelnder Wertschätzung, Gerechtigkeit und Chancengleichheit wurden häufig genannt. Wir haben daraufhin Beratungsangebote bereitgestellt, wir bieten Schulungen für Führungskräfte an und haben eine Betriebsvereinbarung verhandelt. Nächstes Jahr wollen wir eine neue Befragung starten. Wer wie wir in der Berichterstattung so hart zulangt, sollte selbst über alle Zweifel erhaben sein.

Ex-„Bild“-Chefredakteur Reichelt kritisierte in einem „Zeit“-Interview, dass der „Spiegel“ eine der treibenden Kräfte gewesen sei, dass es dazu kam, dass er gehen musste. Er sagte: „Der „Spiegel“ ist für mich das perfekte Beispiel dafür, wie sich Ideologie in Redaktionen ausgebreitet hat.“

In dem „Zeit“-Interview hat Julian Reichelt ein paar Behauptungen rausgehauen, bei denen ich mich nur wundern kann, wie man das so stehen lassen konnte. Was stimmt: Julians Abgang ist auch eine Folge der „Spiegel“-Berichterstattung. Das hat allerdings nichts mit Ideologie zu tun. Er hat Dinge getan, die in seiner Position völlig unangemessen sind. Deshalb haben wir darüber berichtet. Ich hatte mit Julian immer ein professionelles Verhältnis und habe ihn als Journalisten geschätzt - auch wenn wir immer mal wieder Rangeleien hatten.

Das digitale Geschäft ist der Wachstumsmarkt für Medienhäuser. Wo geht die Reise für den „Spiegel“ hin?

Die gute Nachricht ist: Wir merken, dass typische „Spiegel“-Stoffe auch in der digitalen Welt super funktionieren. Unser Bezahlangebot, „Spiegel+“, läuft wirklich gut. Da zahlt sich aus, dass wir die Print- und Online-Redaktionen fusioniert haben. Das verleiht uns, gerade bei großen Nachrichtenlagen, eine enorme Power. Wir arbeiten nicht mehr nebeneinanderher, sondern zusammen. Interessant ist, wie sich dabei der Anspruch und die Erwartungshaltung unserer Kundschaft verändert hat. Die neuen Abonnenten wollen in der Regel kein abgeschlossenes Magazin mehr, das einmal die Woche neu erscheint, sondern eine schnell getaktete Nachrichtenplattform, die angereichert ist mit starken Analysen, Einordnungen, Rekonstruktionen und investigativen Stories - ob die aus dem aktuellen Heft sind oder aus dem davor oder nur für die Seite recherchiert wurden, ist den Leserinnen und Lesern egal. Solange die Stücke Mehrwert bieten.
Und weil moderner Journalismus heute nicht mehr nur aus Texten besteht, bauen wir unser Angebot an Podcasts und vertonten Artikeln aus. Seit neun Monaten haben wir den täglichen Podcast „Spiegel Daily“ im Programm, den wir im Auftrag von Audible produzieren, der aber auch bei uns gehört werden kann.

Gibt es einen Zwischenstand bei den Abo-Zahlen?

Wir haben uns Ende letzten Jahres vorgenommen, die Zahl der vollbezahlten Digitalabos von 100 000 auf 200 000 zu verdoppeln - in fünf Jahren. Wir haben jetzt schon Ende des dritten Quartals 140 000 erreicht. Auch insgesamt, also Print- und Digitalabos zusammengerechnet, steigt die Auflage seit letztem Jahr wieder. Das schlägt sich in diesem Geschäftsjahr auch im Umsatz nieder, der wächst in der Gruppe um satte 20 Millionen Euro. Wird ein Bombenjahr.

Das heißt, Sie verdienen bereits mehr mit digitalem Journalismus, als Sie im Gedruckten verlieren? Viele Medienhäuser arbeiten noch an diesem Wendepunkt.

Ja, derzeit gelingt es uns, das Abschmelzen von Print mit dem Digitalgeschäft mehr als wettzumachen.

Was ist die Strategie bei Bewegtbild?

Wir haben diverse neue Videoformate entwickelt, zum Beispiel Politik-Talks, die auf „spiegel.de“ gut laufen. Grundsätzlich werden Videos wichtiger auf der Seite. Künftig wollen wir aus unseren Stoffen sogar öfters mal Dokus und fiktionale Dokus machen, vielleicht auch als Serien. Wir haben oft exklusive Zugänge zu Protagonisten und exklusives Material - das muss nicht immer nur eine Titelgeschichte sein. Zudem gehört „Spiegel TV“ zu unserer Gruppe und es gibt eine Verbindung mit der Produzentenfirma UFA. Da ist einiges denkbar, das auch für die Öffentlich-Rechtlichen, RTL, Amazon Prime Video oder Netflix interessant sein könnte.

Wie blicken Sie auf das Ausland?

Wir sind ein deutsches Medium und dadurch in der Reichweite natürlich limitiert. Bevor wir den „Spiegel“ in anderen Sprachen auflegen, gibt es noch genug zu tun. Nächstes Jahr feiern wir 75. Geburtstag, da haben wir uns einiges vorgenommen. Wir wollen ein kleines, feines Nachrichtenteam gründen, das wieder mehr Agendasetting betreibt; wir wollen die Investigation stärken; wir haben ein halbes Dutzend Exzellenz-Workshops ins Leben gerufen, die Ideen liefern wollen, wie wir bei unserem Angebot nochmal eins drauflegen können; und wir wollen uns intensiver um unsere Abonnentinnen und Abonnenten kümmern, denn die sind unser wichtigstes Gut.
Und wenn wir all das hingekriegt haben, können wir drüber nachdenken, in welchen Ländern „Spiegel“-Journalismus vielleicht auch noch funktionieren könnte. So wie in Österreich, wo wir mit unserer Berichterstattung über die Ibiza-Affäre die Regierung gesprengt haben. Dort haben wir inzwischen personell aufgestockt und eine Kooperation mit der Wiener Tageszeitung „Standard“ gestartet. Jetzt haben wir einen sehr erfolgreichen Podcast und Newsletter im Programm und mischen bei den Affären in Wien ordentlich mit.

Zur Person:

Steffen Klusmann ist seit Anfang 2019 und damit seit rund drei Jahren „Spiegel“-Chefredakteur. Der 55-Jährige wechselte damals innerhalb der Spiegel-Verlagsgruppe vom „Manager Magazin“, das er seit November 2013 als Chefredakteur leitete. Davor war er einige Monate stellvertretender Chefredakteur des „Stern“ des Verlagshauses Gruner + Jahr. Zu seinen früheren beruflichen Stationen zählte mit Unterbrechung seit 1999 seine Tätigkeit bei der „Financial Times Deutschland“. 2004 wurde er dort Chefredakteur. 2012 wurde die Zeitung (Gruner + Jahr) eingestellt. Klusmann studierte Volkswirtschaftslehre in Mainz, Glasgow und Hamburg. Er wurde in Karlsruhe geboren.