Medizingeschichte: Corona und die Spanische Grippe

Patienten 1918 in einem Notfallkrankenhaus der Militärbasis Fort Riley in Kansas/USA.
dpaIn normalen Zeiten wird der Prototyp aller modernen Pandemien durchschnittlich „nur“ 600 Mal angeklickt. Das Interesse ist der Frage geschuldet, ob sich die historische Pandemie vor 100 Jahren mit Corona gleichsetzen lässt.
Die Mediziner sind sich uneinig. „Dass es so wird wie die Spanische Grippe 1918“, glaubt der Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité nicht. Sein Kollege Jeremy Farrar, Direktor des Britischen Wellcome Trust, meint dagegen, die Influenza-Pandemie nach dem Ersten Weltkrieg sei das Ausmaß, auf das man sich vorbereiten sollte.
Infolge der Spanischen Grippe starben zwischen 1918 und 1920 mindestens 25 Millionen Menschen, einige Untersuchungen gehen von 50 Millionen Toten aus. Damit forderte die Influenza mehr Todesopfer als der Erste Weltkrieg. Allein in Deutschland raffte die Grippe mehr als 400 000 Menschen dahin. Zu den prominenten Opfern gehörten der Soziologe Max Weber, der im Juni 1920 starb, und Frederik Trump, Großvater des jetzigen US-Präsidenten, der im Mai 1918 in New York starb. Wie viele Opfer Corona fordern wird, weiß niemand. Laut WHO ist nicht absehbar, wann die Pandemie ihren Höhepunkt erreicht haben wird.
Die Parallelen zwischen Spanischer Grippe und Corona sind jedoch bereits jetzt unübersehbar. Beide Krankheiten sind ein globales Phänomen. Schon die Spanische Grippe erreichte nahezu alle Ecken der Erde. Allerdings war sie ungeachtet ihres Namens und erster Vermutungen nicht in Spanien ausgebrochen, sondern in Kansas. Aufgrund des Kriegseintritts der USA gelangte das Virus im Frühjahr 1918 nach Europa, wo es sich durch die Militärbewegungen und schlechten Hygienebedingungen schnell ausbreitete. Wenige Wochen später wurden erste Fälle aus Indien, China und Neuseeland gemeldet.
Um die Pandemie einzudämmen empfahlen Mediziner frühzeitig Quarantänemaßnahmen und die Absage von öffentlichen Veranstaltungen. Im Unterschied zur Gegenwart reagierten die Politiker vor hundert Jahren jedoch viel zu spät. Und die Militärführungen dachten kurz vor Ende des Krieges nicht daran, Schiffe, auf denen das Virus ausgebrochen war, zu isolieren.
Besonders fahrlässig handelten die Behörden in Philadelphia. Ende September 1918 gestatteten sie die „Liberty Loan Parade“, an der mehr als 200 000 Menschen teilnahmen. Schon wenige Tage später waren mehr als 2500 Mitwirkende gestorben. Keine US-Metropole traf die Influenza so hart wie Philadelphia. Als Gegenbeispiel dient häufig St. Louis, eine Großstadt in Missouri, wo innerhalb von 48 Stunden nach den ersten Krankmeldungen das öffentliche Leben drastisch eingeschränkt wurde. Die Stadtregierung schloss Schulen, Kinos, Bibliotheken und Kirchen. Die Maßnahmen zahlten sich aus: Die Ausbreitung wurde verlangsamt und rettete am Ende Leben. Die maximale Sterberate war achtmal niedriger als in Philadelphia. Experten wie Politiker verwiesen in den letzten Tagen häufig auf die frühzeitigen Vorsichtsmaßnahmen in St. Louis, um klarzustellen, Fehler aus der Geschichte nicht zu wiederholen.
Zu den Gemeinsamkeiten beider Pandemien zählen auch Gerüchte über die Ausbruchsursachen: So wurden in Russland und dem Iran die „Theorie“ in Umlauf gebracht, bei Corona handle es sich „in Wahrheit“ um einen US-Angriff mit biologischen Waffen. In den USA hingegen behaupten rechte Verschwörungstheoretiker, Microsoft-Gründer Bill Gates und die Demokraten hätten die Pandemie verursacht. Auch vor hundert Jahren kursierten Gerüchte. Das bekannteste: Die Influenza sei durch Konservendosen aus Spanien importiert worden, die zuvor von den Deutschen vergiftet worden seien.
Vergleichbar sind auch die Empfehlungen an die Bevölkerung. Den Menschen wird gegenwärtig geraten, sich die Hände zu waschen, Abstand zu halten und größere Menschenansammlungen zu meiden. Vor hundert Jahren kamen auch Ratschläge hinzu, über die sich heute nur schmunzeln lässt: Eine Infizierung könne man durch häufigen Stuhlgang und den Verzicht auf enge Kleidung verhindern.
Aber es gibt auch gravierende Unterschiede. Während infolge von Corona vor allem chronisch kranke und ältere Menschen sterben, gehörten zu den Opfern der Spanischen Grippe auch viele25- bis –35-Jährige.
Ungeachtet dessen sind heutzutage die Forschung und das Gesundheitssystem weitaus besser auf die Pandemie vorbereitet als vor hundert Jahren. Unwahrscheinlich ist auch, dass das Virus wie die Spanische Grippe zwei Jahre lang in mehreren Wellen über den Erdball schwappen wird. Der Forschung muss, nein, wird es gelingen, einen Impfstoff zu entwickeln. Es sei nur eine Frage der Zeit, sagen die Experten. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.
Der Autor
Robert Rauh ist Historiker und Pädagoge. Seit 2001 arbeitet er als Lehrer für Geschichte, Politik und Deutsch in Berlin-Lichtenberg und seit 2008 als Fachseminarleiter Geschichte am 2. Schulpraktischen Seminar in Berlin-Mitte. Robert Rauh ist Autor und Herausgeber von Schulbüchern. Anfang März 2020 erschien das "Kursbuch Geschichte", das er im Cornelsen Verlag herausgegeben hat. ⇥red