Mehr als rote Nasen: Festival Osthafen holt internationales Theaterspiel nach Frankfurt (Oder)
Nicht nur die „Bärliner“ sind entzückt. Panda-Dame Meng Meng hat vor wenigen Tagen im Berliner Zoo Zwillinge zur Welt gebracht. Zwei winzige, nahezu haarlose, noch unbenannte und blinde Jungtiere. Läuft ihre Entwicklung planmäßig, könnten die Mini-Bären sich im November erstmals der Öffentlichkeit präsentieren. Ob sie sich dann auch umarmen werden?
Zwei Pandas sind bald auch in Frankfurt (Oder) zu Gast. Keine echten, sondern in Gestalt zweier Schauspieler. Aber sie werden sich umarmen, und das gewiss nicht nur einmal. Michele Beltrami und Paola Cannizzaro vom Teatro Telaio im norditalienischen Brescia verwandeln sich in ihrem Stück „Hugs“ (Umarmungen) in zwei Pandas, die nicht wissen, wie sie ihre gegenseitige Zuneigung zum Ausdruck bringen können. Also besuchen sie eine Schule, in der sie lernen, ihre Gefühle zu äußern – durch Umarmungen. Denn mit der einfachen Geste des In-die-Arme-Nehmens vermögen wir vieles mitzuteilen: Wir können Mut schöpfen, wenn wir Angst haben, wir können einen Sieg feiern, wir können Freude über eine Begegnung empfinden und das Hoffen auf ein Wiedersehen damit verbinden.
Puppenspiel für Kinder wie Erwachsene
„Hugs“, ein ebenso amüsantes wie berührendes clowneskes Spiel ohne Worte, ist beim internationalen Festival Osthafen (19.–22. September) des Frankfurter Theaters des Lachens zu sehen. Auch die achte Auflage der vier Tage für Puppen-, Schauspiel- und Objekttheater bietet neben Bühneninszenierungen einen Puppenbau-Workshop, eine Ausstellung sowie Livemusik, diesmal mit der russischen Klezmer-Kombo Dobranotch und der Berliner Brassband Fanfaroni.
Mit dem diesjährige Motto „Circus des Lebens“ möchte das Festival die „Ambivalenz, das Auf und Ab des Lebens“ reflektieren, erläutert Theaterchef Torsten Gesser. Es gehe beispielsweise um Emotionen vom Glücklichsein – Stichwort: Umarmung – bis zur Traurigkeit, vergleichbar mit dem Spiel des Clowns zwischen herzerwärmendem Lachen und melancholischem Schmerz.
Zugleich verweise das Motto auf die gemeinsame Wurzel von Zirkus und Puppenspiel – das Wandertheater. „Wir wollen schauen, wo beide zusammentreffen“, sagt Gesser. Das zeige sich etwa im Gebrauch solcher Mittel wie Masken, Puppen und Objekten bis zur roten – oder wie im Fall von „Hugs“ schwarzen – Nase. Und, das möchte der studierte Puppenspieler einmal mehr unterstreichen: „Wir müssen raus aus dem Stigma, Puppenspiel sei nur etwas für Kinder.“
Internationale Produktionen setzen auf Bilder
All diese Facetten widerspiegelt das Festivalprogramm. Da finden sich mythologische Figuren, Märchen und Poesie, Kabarett und Tanz, Clowneskes und Akrobatik. Kinder werden ebenso angesprochen wie Erwachsene. Und trotz der Internationalität der Inszenierungen brauche niemand Sprachbarrieren zu befürchten, betont Gesser: „Die ausländischen Produktionen kommen ohne oder mit nur wenigen Worten aus. Sie setzen primär auf Informationen durch Bilder.“
Um provoziertes Chaos geht es in „Trickster – fang mich, wenn du kannst“. Die Performance der Stuttgarter Theatergruppe Dekoltas Handwerk über die Sehnsucht nach Verwandlung und die Lust an der Manipulation lässt sogenannte Trickster auftreten, Figuren in Tier-, Halbgötter- oder Geistergestalt, die durch Schwindel und Betrug das göttliche Universum durcheinanderwirbeln.
Theodor Storms Märchen „Der kleine Häwelmann“ führt das Theater Handgemenge als Schattenspiel auf. Was geschieht, wenn Licht und Schatten eine Welt aus Hell und Dunkel erschaffen, zeigt das Potsdamer T-Werk in „Das kleine Licht bin ich“. In „Stühlchen Himmelblau“ erzählen Die Pyromantiker – zwei Theater-Clowns – über die Verwirrungen und Stolpersteine zwischen Kindheit und Erwachsensein.
Spartenübergreifend agiert die Kompanie Raum 305. In ihrem Stück „Wir wollen nie nie nie“ verschmelzen Luftakrobatik, Puppenspiel, Physical Theatre und Tanz. Zwei scheinbar Unzertrennliche (Trapezkünstler Moritz Haase, Puppenspieler Jarnoth) entwickeln sich mehr und mehr zu eigenständige Individuen, als sich in diesen eh schon konfliktreichen Prozess eine dritte Person drängt – eine Puppe.
Fragen der Verwundbarkeit, Identität und Diskriminierung behandelt die englisch-polnische Koproduktion „Dreams Die Hard“. Sie beruht auf den Tagebuchaufzeichungen einer Frau in den Jahren 1944/45. Aus Tschechien kommt die Inszenierung „Kar“, die Musik, Schauspiel, Kabarett und bewegte Objekte miteinander kombiniert: Bei einem Leichenschmaus wird die Fantasie der Trauergäste lebendig, bis diese zu Charakteren aus Lew Tolstois Roman „Anna Karenina“ werden.
Surrealistisch, unheimlich rasant und urkomisch wird es mit den Schauspielern von Trukitrek aus Spanien. In „Jukebox“ präsentieren sie ein musikalisches Kabarett mit Kaukautzkyfiguren. Dabei bildet der Kopf des Mimen den Kopf der Puppe, was zu grotesken Proportionen führt.
Festival Osthafen VIII, 19.–22.9., Theater des Lachens und weitere Aufführungsorte, Frankfurt (Oder) und Słubice, Kartentel. 0335 6801695, Programm unter www.theaterdeslachens.de

