Museumsinsel
: Berlins größtes Grabungsgebiet liegt in Biesdorf

Die Archäologen fanden Spuren aus zehntausend Jahren Siedlungsgeschichte. Die Funde sind nun im Neuen Museum zu sehen.
Von
Inga Dreyer
Berlin
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Nicht unbedingt alltagstauglich: Die Hirschmaske aus Biesdorf  stammt aus der Zeit 9000–8000 v. Chr.,

SMB / Cl. Klein

Die Archäologin ist die Kuratorin der Sonderausstellung „Berlins größte Grabung. Forschungsareal Biesdorf“ im Neuen Museum auf der Berliner Museumsinsel. Dort wird anhand von Grabungen in Biesdorf erklärt, was Archäologinnen und Archäologen auf Baustellen machen. Berlins „größte Grabung“ erstreckt sich über eine Fläche von 20 Hektar. Weil bekannt ist, dass im Boden Reste einer langen Siedlungsgeschichte versteckt liegt, wurde zwischen 1999 und 2014 vor Neubauprojekten dokumentiert, was sich unter der Erde befindet.

10 000 Jahre Wohnen in Biesdorf

Die Funde zeigen: Wohnen am Wasser ist kein neuer Trend. 10 000 Jahre Siedlungsgeschichte konnten in Biesdorf nachgewiesen werden. Die steinzeitliche Hirschmaske ist einer der ältesten Funde. Sie wurde bereits 1953 bei Baggerarbeiten entdeckt und fand wahrscheinlich um 7000 vor Christus beim Jagen oder bei schamanischen Ritualen Verwendung, erklärt Anne Sklebitz.

Das Original thront auf einem Podest, während eine Nachbildung angefasst und anprobiert werden darf. Die Maske ist in der Mitte gespalten. Das zeigt, dass sie von Menschen bearbeitet wurde – wahrscheinlich, um ihr Gewicht zu reduzieren. Die Replik wurde im Museumsdorf Düppel per Hand mit Feuersteinwerkzeugen hergestellt, erklärt Anne Sklebitz. „Das hat mehr als 50 Stunden gedauert.“ Trotz der Bearbeitung wiegt der Kopfschmuck immer noch rund als ein Kilo und erscheint damit wenig alltagstauglich – im Gegensatz zu den Gebrauchsgegenständen, die auf dem Areal gefunden wurden. Darunter befinden sich eine Käsesieb aus dem 5. bis 1. Jahrhundert vor Christus und Haarnadeln und Fibeln, mit denen Kleider und Mäntel festgehalten wurden. Eine verzierte Nadel aus Bronze stammt aus dem 11. bis 10. Jahrhundert vor Christus.

Viele der Funde sind durch Zufall entdeckt worden. „Diese Goldmünze wurde bei Gartenarbeiten gefunden“, erzählt die Kuratorin und deutet auf die erste Vitrine der Ausstellung. 1928 tauchte die kleine, leuchtende Goldmünze des römischen Kaisers Caracalla, die aus der Zeit von 211–217 nach Christus stammt, in Biesdorf auf. Ein Loch zeigt, dass sie als Anhänger getragen wurde.

„Dann kommen ja demnächst die Goldgräber zu uns“, sagt eine Biesdorferin, die an der Führung teilnimmt, lächelnd. Doch wie viele solcher seltenen Schätze noch im Boden liegen – oder in privaten Marzahner Schubladen – weiß niemand.

Anne Sklebitz erklärt, wie Archäologinnen und Archäologen arbeiten. Bevor gegraben wird, erfolgt eine sogenannte Prospektion. Das Gelände wird beispielsweise mit einem Metalldetektor abgegangen. Außerdem werden magnetische Widerstände im Boden gemessen, die Hinweise auf Gruben und Mauern geben.

Donnerstags und freitags von 14 bis 17 Uhr können Besucherinnen und Besucher zugucken, wie archäologische Arbeit funktioniert. Studierende der Freien Universität legen zu diesen Zeiten in der Ausstellung eisenzeitliche Urnen aus Blöcken frei, die aus dem brandenburgischen Flatow (Oberhavel) stammen.

Die Ausstellung erklärt lebendig und verständlich, wie die Datierung von Brunnen, die Analysen von Baumringen oder die Untersuchung von Pollen im Boden funktioniert. Anhand des konkreten Biesdorfer Beispiels wird deutlich, wie bei Grabungen vorgegangen wird.

Viele zieht es ans Wasser

Bei der Kuratorinnen-Führung nehmen auch Besucherinnen aus Marzahn teil, die interessiert, was bei ihnen in der Gegend los war. „Die Wuhle hat mich mein ganzes Leben lang begleitet. Deswegen finde ich das spannend“, erzählt Regine Kreißl. Wo seit tausenden von Jahren Menschen siedeln, zieht es auch heute viele Wohnungssuchende hin. Die Verdichtung in Marzahn sei enorm, sagt die Biesdorferin Dagmar Lenz.

Die großen Grabungen seien erst einmal beendet, sagt Anne Sklebitz. Immer, wenn gebaut werde, müsse aber auch der Boden untersucht werden. So wird sich zeigen, welche Schätze noch an der Wuhle schlummern.

„Berlins größte Grabung. Forschungsareal Biesdorf“: bis 19. April 2020, Museumsinsel Berlin, Neues Museum, Bodestraße, Berlin-Mitte, Mo, Di, Mi, Fr 10 – 18 Uhr, Do 10 – 20 Uhr, Sa + So 10 – 18 Uhr

Zehntausend Jahre Siedlungsgeschichte in Biesdorf

Für den Bau von neuen Häusern in Biesdorf-Habichtshorst, das zum Ost-Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf gehört, wurden in verschiedenen archäologischen Kampagnen während der Jahre 1999 bis 2014 gut 22 Hektar Fläche ausgegraben. Wo heutzutage eine neue Tankstelle, eine Schule und Einfamilienhäuser stehen, ließen sich bei den Grabungsarbeiten mehr als 10 000 Jahre Siedlungsgeschichte nachweisen. Die Funde reichen von der Steinzeit bis in die Neuzeit. Ein zentrales Thema ist dabei die Trinkwasserversorgung. Die nahe gelegene Wuhle allein reichte nicht, so dass mehr als 100 Brunnen aus verschiedenen Epochen geborgen werden konnten. ⇥red