So wie Flake geht es vielen Menschen: Der Begriff "Ostrock" ist verbrannt. Deswegen haben Lutz Kerschowski und Ulrich Burchert ihr Buch mit Songs und Bildern ganz unverfänglich "Östlich der Elbe" genannt. Ursprünglich ein Arbeitstitel, bei dem es dann geblieben ist. Wobei er eigentlich nicht ganz korrekt ist. "Natürlich lag auch westlich der Elbe noch ein großer Teil des Territoriums der DDR, in der die meisten der hier versammelten Autoren ihre Wurzeln haben", erklärt Kerschowski und verweist darauf, dass abgesehen davon die Auswahl ohnehin über die räumlichen und zeitlichen Grenzen der DDR hinausgehe. Denn viele der Songschreiber, so Kerschowski, seien immer noch "quicklebendig und produktiv, haben sich ihren speziellen Blickwinkel auf Land und Leute und das Leben bewahrt, veröffentlichen regelmäßig Alben und spielen live. Auch darum haben wir keine runde Jahreszahl als Abschluss gewählt – the beat goes on."
Die Idee, Fotos durch Songtexte zum Klingen zu bringen, kam von dem 1940 in Berlin geborenen Fotografen Ulrich Burchert, der mit seiner Pentacon six und später seiner Hasselblad über Jahrzehnte Bands wie Renft, Pankow oder Silly begleitet hat. Zustande kam der Bildband nur, weil Lutz Kerschowski (Blankenfelder Boogie Band und Rio Reiser Band) mit vielen von den Musikern gemeinsam auf der Bühne gestanden hat und die Urheber der Songs deswegen auf Lizenzgebühren für den Abdruck der Lyrics verzichtet haben. Sonst wäre das von den Herausgebern privat finanzierte Projekt nicht zu bezahlen gewesen. Was schade wäre. Enthält der Bildband doch nicht nur exzellente Schwarz-Weiß-Fotos, die den Sound dieser Zeit einfangen, sondern liefert mit seinen fast 250 Song-Texten und den Essays von Christian Kunert, Wolfgang Herzberg, Flake Lorenz, Hans-Eckhardt Wenzel, Bernd Rump und Peter Wicke zugleich auch eine lebendige Kulturgeschichte der DDR.
Waren Anfang der 1970er Jahre Liedtexte wie der von "Mokka-Milch-Eisbar" von Thomas Natschinski und seiner Gruppe (der den ursprünglichen Bandnamen "Team 4" ändern musste, weil der den zuständigen Kadern "zu Englisch" erschien) noch weitestgehend naiv und unverfänglich, so setzte schon bald eine Politisierung ein. "Irgendwann will jedermann raus aus seiner Haut/ Irgendwann denkt er dran, wenn auch nicht laut", intonierte 1973 die Klaus Renft Combo, die auch über den Alltag an der Drehmaschine ("Sonne wie ein Clown") sang oder über einen gescheiterten Fluchtversuch mit dem Lastkahn in den Westen ("Rockballade vom kleinen Otto"), der im Knast endete. 1975 handelte sich die Renft Combo auch prompt ein Auftrittsverbot ein. Kein anderer als der damalige FDJ-Vorsitzende und spätere SED-Generalsekretär Egon Krenz hatte eindringlich gefordert, "der Renft Combo ihre Grenzen" aufzuzeigen.
Danach wurden viele der Liedzeilen metaphorischer, märchenhafter, um drohende Repressalien zu vermeiden. Zwischen den Zeilen galt es zu lesen, wenn Gerhard Gundermann appellierte "Jeden Morgen haben wir die Möglichkeit/ Dass wir liegenbleiben oder gehen/ Dass wir Blinde bleiben oder sehn" (1978). Bei Pankow hieß es dann schon "Komm aus’m Arsch!/ Lauf endlich gerade". Noch deutlicher wurde die später ausgebürgerte Bettina Wegner in ihrem berühmten Lied "Kinder": "Leute ohne Rückgrat/ Haben wir schon zuviel" (1979), heißt es unmissverständlich am Ende. In vielen Texten ist eine Flucht ins Private festzustellen. Da geht es um die Fahrt mit der U-Bahn wie bei Pannach und Kunert ("U-Bahn"). Oder um Männer, die ihre Frauen verprügeln, wie bei Engerling ("Muschellied") oder Gerhard Schöne ("Hinterhoflied"). Fast könnte man meinen, diese Form von Gewalt sei die Regel gewesen, damals im "besseren Deutschland".
Kein Wunder, dass in der nächsten Generation jede Menge Überdruss herrschte. "Wenn ich stumpf geworden bin/ Vom Lauf dieser Zeit/ Wenn mich nichts mehr interessiert/ Außer meiner Bequemlichkeit/ Wenn ich zufrieden im Sessel/ Vor dem Fernseher sitz/ Und die Welt da draußen/ Ist für mich nur noch ein Witz/ Hab ich alles, alles, alles/ Alles falsch gemacht …" sang der 2008 verstorbene André Greiner-Pol 1985 mit seiner Band Freygang. Gruppen wie Possenspiel ("Wir ham die Stones kaputt gespielt") oder Reggae Play ("Ich bin ganz anders") holten ironisch aus zu Seitenhieben auf etablierte Ostrocker wie Karat, City oder die Puhdys. Und die Punkband Die Skeptiker nölte 1988 "Ich hoffe jeden Tag darauf, dass endlich was passiert".
Im Herbst 89 passierte dann endlich was. Doch mit der Wende kamen neue Enttäuschungen. "Unsere Eltern haben uns betrogen/ Die Märchen waren alle glatt gelogen", heißt es 1994 im Song "Prinzen" von Rockhaus. Und Lutz Kerschowski textete: "Vorbei vorbei, die alte Zeit/ Zeit ist Geld, der Groschen fällt/ Endlich Arbeitslosengeld … Jeder gegen jeden, wer wenn nicht wir/ Einer wird gewinnen, alle werden verlieren/ Brüderchen Schwesterchen". Engerling brachten es 1997 in "Zinker" auf den Punkt: "Wir sind nicht die Sieger, doch wir waren gut/ Fast waren wir Überflieger/ Wenn ich dran denke, packt mich die Wut". Vielen Musikern ging es nach 89 wie in dem blöden Witz: "Ostrocker sind wie die Sonne. Gehen im Osten auf und im Westen unter." Ihre Songs aber bestehen. Bücher wie das von Ulrich Burchert und Lutz Kerschwoski sorgen dafür, dass das so bleibt. Selbst, wer mit Ostrock nicht viel anfangen kann, wird aus diesem Bildband so einiges lernen.

Das Buch

Lutz Kerschowski und Andreas Meinecke (Hg.): Östlich der Elbe. Songs und Bilder 1970-2013. Mit Fotos von Ulrich Burchert. Ch. Links Verlag, 352 Seiten, 40 Euro