Musik: Eine neue Biografie würdigt Ludwig van Beethoven

Eine neue Biografie würdigt Ludwig van Beethoven, hier als Büste im Beethoven-Museum in Wien dargestellt.
Herbert Neubauer/dpaJoseph Beuys war für die Küche zuständig. Dieter Roth schmückte das Badezimmer mit 100 kleinen Beethoven-Büsten, die er aus Schmalz und Marzipan geformt hatte, Ursula Burghardt überzog im Wohnzimmer alle Möbel mit einer Aluminium-Schicht. Damit sollte jene dicke, aus mythischer Verehrung, Legenden und Verzerrungen zusammengesetzte Patina versinnbildlicht werden, in die das Original eingekapselt und den Blicken entzogen ist.
50 Jahre später versucht der Musikwissenschaftler Matthias Henke, mit „Beethoven. Akkord der Welt“ den Komponisten aus diesem Kokon wieder herauszuschälen. Wobei der Beethoven-Spezialist sich dem Leben genauso wie dem Nachleben widmet. So untersucht er, wie sich mit und durch Beethoven die „Kulturgeschichte des Hörens“ veränderte und wie Werbung, Film und Videospiele Beethoven für sich entdecken. Dabei kommt er auf Mauricio Kagels Streifen ebenso zu sprechen wie auf Horst Seemanns Defa-Film „Tage aus einem Leben“, der 1976 uraufgeführt wurde und an dem auch der Schriftsteller Günter Kunert mitgearbeitet hatte. Seemann ließ sich nicht dazu verführen, seinen Filmhelden als Bannerträger des Fortschritts auf den Sockel zu stellen. Sein Beethoven bleibt ein kantiger Individualist.
Es ist ein großes Plus, wie Musikwissenschaftler Heinke die tradierten Urteile über Beethoven relativiert und damit ein komplexes, widersprüchliches Charakterbild entwirft. Einerseits ist Beethoven der Schöpfer solcher Werke wie der „Missa solemnis“ – ihr widmet Henke ein eigenes Kapitel. Andererseits konnte der Komponist Kritiker beleidigen mit Sätzen wie: „Was ich scheiße, ist immer noch besser, als was du schreibst.“ Einerseits konnte er die edelsten Gedanken in Musik ausdrücken, andererseits hinterging er seine Subskribenten mit betrügerischen Winkelzügen.
Er überschüttete Freunde mit einem Übermaß an Zuneigung, die abrupt in Ablehnung umschlagen konnte. Er wollte seinem halb verwaisten Neffen Karl ein neues Zuhause bieten und erstickte den jungen Mann so mit seinen Umklammerungen, dass Karl sich umzubringen versuchte. Einerseits fühlte er sich durch sein Ertauben gesellschaftlich isoliert, andererseits wusste er sich trotz seiner Behinderung den größten Genies seiner Zeit ebenbürtig. Wäre er als Militär ebenso begabt wie als Musiker, er würde Napoleon in dessen Schlachten schon besiegt haben, behauptete er.
Als er im April 1800 in Wien sein erstes Konzert als Konzertveranstalter organisierte, stellte er seine Werke neben die Mozarts und Haydns. Sein Selbstverständnis war: ihnen ebenbürtig zu sein. Mit diesem Konzert, dessen Rekonstruktion am Sonnabend in Frankfurt (Oder) nachgespielt wird, beginnt eine neue Art von Musikrezeption. Beethoven machte, schreibt Henke, die Aufführung sinfonischer Musik zu einer Massenveranstaltung jenseits höfischer Aufführungspraxis. Wobei er sich reiche Gönner und das adlige Publikum durch Subskriptionen und Widmungen warmzuhalten verstand. Nach Henke sei er der eigentliche Star des Wiener Kongresses gewesen. Dessen Teilnehmer kehrten in alle Winkel Europas zurück und wollten dort nun auch Beethoven hören.
Matthias Henke: „Beethoven. Akkord der Welt“, Hanser, 432 S., 26 Euro
Beethoven-Akademie des Staatsorchesters
Am 22. Februar, 16 Uhr, spielt das Brandenburgische Staatsorchester eine Rekonstruktion des ersten Konzertes, das Ludwig van Beethoven als Konzertveranstalter auf die Beine gestellt hat: dreieinhalb Stunden Musik. Die "Beethoven-Akademie" ist eine Hommage zu Beethovens 250. Geburtstag. Kartentel. 0335 4010120