Musik: Franz Lehár zum 150. Geburtstag

Weltstar: der Komponist Franz Lehár, fotografiert von Carl Pietzner 1910. Das Bild wurde als Postkarte vertrieben.
annees 1910-19 via www.imago-images.deEinem solchen „symbolischen Typus“ des Opportunisten entsprach auch der ungarische Operettenkomponist Franz Lehár. Anlässlich seines 150. Geburtstages sollte man daher nicht nur seiner musikalischen Verdienste gedenken. Lehár hat auch stets dafür Sorge getragen, unbehelligt in Nazideutschland leben zu können. Den meisten seiner oftmals jüdischen Kollegen aus dem Operettenfach war dies nicht vergönnt: Den Glücklichen gelang die Flucht ins Exil, die meisten aber verloren ihr Leben in den Vernichtungslagern der Nazis. Geholfen hat Lehár keinem von ihnen.
Mit der Operette hatte die Kulturpolitik der Nationalsozialisten ein zentrales Problem: Nahezu alle Komponisten und Librettisten, selbst die Theaterdirektoren von Operettenbühnen waren jüdisch. Der Reichsdramaturg Rainer Schlösser stellte 1934 in einem Schreiben an Reichsminister Joseph Goebbels fest: „Bei Machtübernahme war die Lage auf dem Operettenmarkt so, dass 80 Prozent der Produktion sowohl musikalisch wie textlich jüdischen Ursprungs war. 10 Prozent war den Komponisten nach arischen, den Librettisten nach aber ebenfalls jüdischen Ursprungs. Die rein arischen Werke endlich dürften 10 Prozent nicht überstiegen haben.“
Auch der in Wien lebende Lehár, obgleich er nicht jüdischer Herkunft war, geriet früh ins Visier der Dienststelle für Kulturpolitik des NS-Chefideologen Alfred Rosenberg, dem sogenannten Amt Rosenberg. In einem Schreiben vom November 1934 heißt es: „Franz Lehár ist für die Kulturpolitik des Dritten Reiches ein strittiges Problem ... Mit seinen jüdischen Mitarbeitern und (dem Operntenor – d.Red) Richard Tauber dazu bewegt sich Lehár in Wien ausschließlich in jüdischen Kreisen. … Die von Léhar vertonten Texte entbehren, von Juden geliefert, jeglichen deutschen Empfindens. … Er hat sich außerhalb des Kreises der Mitarbeiter an der Kulturpolitik des Dritten Reiches gestellt.“ Hinzukam, dass Lehárs Ehefrau Jüdin war.
Dennoch konnte der Komponist auch nach dem „Anschluss“ Österreichs 1938 unbehelligt von den Nazis in Wien leben. Und auch seine Operetten – wenn auch zum Teil in ihren Libretti „arisiert“ – wurden gespielt. Goebbels persönlich hatte die Anfeindungen aus dem Amt Rosenberg unterbunden. Grund dafür war vor allem Hitlers Begeisterung für die Operette „Die lustige Witwe“, deren Wiener Premiere er 1905 persönlich beigewohnt hatte. Seitdem gehörte Lehár zu Hitlers Lieblingskomponisten. Der jüdische Librettist der Operette, Fritz Löhner-Breda, profitierte hingegen nicht von der Begeisterung des Führers – er wurde 1938 in Wien festgenommen und vier Jahre später im KZ Auschwitz ermordet. Lehár sagte später, er habe vom Schicksal seines Freundes nichts gewusst.
Lehár verstand es geschickt, die Sympathie Hitlers auszunutzen. Auf einer Jahrestagung der Reichskulturkammer 1936 in der Berliner Philharmonie kam es sogar zu einem persönlichen Zusammentreffen der beiden. Hitler war nach der Aussage seines Lieblingsarchitekten Albert Speer „noch Tage danach beglückt über dieses bedeutungsvolle Zusammentreffen“. 1939 und 1940 erhielt Lehár aus Hitlers Hand Auszeichnungen, darunter die Goethe-Medaille. Die jüdische Frau des Komponisten wurde zur „Ehrenarierin“ erklärt, was sie vor Verfolgung schützte. Lehár revanchierte sich: Er ließ die Textfassungen seiner Werke widerspruchslos „arisieren“, zu Geburtstagen und Neujahr schickte er regelmäßig ehrerbietig abgefasste Grußkarten an die NS-Größen. An seinem 49. Geburtstag am 20. April 1938 erhielt Hitler vom Komponisten ein in rotes Maroquin-Leder gebundenes Bändchen zur Erinnerung an die 50. Aufführung der „Lustigen Witwe“ am 17. Februar 1906. Darin eingelegt war ein von Lehár signierte Manuskript seines Walzers „Lippen schweigen, ’s flüstern Geigen, hab mich lieb“. 1941 dirigierte er für die Wehrmacht ein Propagandakonzert im besetzten Paris.
Von 1943 an verschlechterte sich jedoch der Gesundheitszustand des 73-Jährigen. Häufiger hielt er sich in Zürich zur ärztlichen Behandlung auf – und zur Sicherung seines Privatvermögens, wie aus dem Lehár-Dossier der Züricher Fremdenpolizei hervorgeht. Die hatte einen heute im Berner Bundesarchiv einsehbaren Aktenvorgang angelegt, als Lehár und seine Ehefrau nach Kriegsende um eine Übersiedlung in die Schweiz ersuchten. „Er hat Wien verlassen, sein Haus ist von Soldaten der russischen Armee total ausgeplündert worden, und er wäre bettelarm, wenn er nicht schon früher in der Schweiz vorsorglich etwas auf die Seite getan hätte“, heißt es in einem Bericht der Fremdenpolizei über ein Gespräch mit Lehár am 13. September 1946. „Diese ‚Vorsorge’ hat nach seinen Angaben einen ungefähren Wert von fast dreiviertel Millionen Franken.“ Hinzu kämen zukünftige Einnahmen, da der Komponist beabsichtige, von der Schweiz aus seine Autorenrechte im Ausland einzuklagen, wo viele seiner Stücke aufgeführt werden, ohne dass er dafür Geld erhalte.
Die Fremdenpolizei und andere Schweizer Behörden befürworteten das Gesuch. „Lehár gehört zu den Großen. Es hat der Stadt Zürich noch nie geschadet, wenn sie sich weltoffen gezeigt hat“, heißt es in einer Stellungnahme der Fremdenpolizei. Die Konzertdirektion M. Kantorowitz, die den Komponisten in der Schweiz vertrat, versicherte schriftlich, dass „die politische Einstellung von Franz Lehár stets eine einwandfreie war“.
Genau das aber zogen Kommentatoren Schweizer Zeitungen in Zweifel, als das Begehren des Operettenkomponisten, in die Schweiz zu übersiedeln, bekannt wurde. In Zürich sei man nicht neugierig, einen Mann, „der mit hohen und höchsten Naziwürdenträgern auf bestem Fuß gestanden … (und) mit den Nazis lächelnd und vergnügt Geschäfte gemacht hat“, aufzunehmen, schrieb das Israelitische Wochenblatt am 31. Januar 1947. Die Schweizer Behörden zeigten sich von der öffentlichen Diskussion unbeeindruckt und ließen den Komponisten und seine Frau in Zürich leben. Erst 1948, wenige Monate vor seinem Tod, kehrte er in sein Haus im österreichischen Bad Ischl zurück. Dort starb Franz Lehár am 24. Oktober 1948.
Es gibt den Mitschnitt eines Radiointerviews, das ein Salzburger Sender mit dem Komponisten nach Kriegsende führte. Darin verliert Lehár schluchzend die Fassung, als er von seinen zahlreichen jüdischen Kollegen sprechen will. Und doch beharrt er darauf, nur ein unpolitischer Künstler gewesen zu sein, dem es um nichts als sein Werk gegangen sei. Auch da kommt einem Manns „Mephisto“ in den Sinn: „Was wollen die Menschen von mir?“, ruft der Held in der Schlussszene des Romans. „Ich bin doch nur ein ganz gewöhnlicher Schauspieler!“