Was Wenzel mit dem "Laden" meint, ist bald erkennbar: Die Gesellschaft funktioniert nicht mehr, sie bricht auseinander. Ein Land in der Hand von Parteien und Lobbyisten, von Bürgern und Wutbürgern, von Reichsbürgern und Bürgerwehren, Fangruppen und Impfgegnern, Nazis und Naturfreunden, angetrieben von großer Wut und dummem Hass, die sich in den sozialen Medien austoben. "Unsere Hilflosigkeit gegenüber dem Zerfransen der Welt offenbart", so Wenzel, wie sehr uns das Instrumentarium der Vernunft abhanden gekommen ist. Die Vernunft, kaum noch unterscheidbar von der Unvernunft, war auch Lessings Thema. Im Jahr 1780 hatte der in Kamenz geborene Aufklärer, Generationen von Lesern bekannt durch seine "Ringparabel" aus dem "Nathan", an die Vernunft appelliert. Die Vernunft sollte eine ordnende Basis schaffen, um Mangel und Entbehrung zu überwinden.
Die Sehnsucht nach dem Vernünftigen zog den jungen Dichter Hans-Eckardt Wenzel trotz unrationeller lyrischer Ausflüge frühzeitig an. 1986 erschien beim Mitteldeutschen Verlag  sein Gedichtband  "Antrag auf Verlängerung  des Monats August". In diesem Gedicht, das dem Band  den Titel  gab, wünscht er sich, dass der August noch etwas dauern möge, dann wäre der 1. September 1939 möglicherweise nicht zum Beginn des Zweiten Weltkriegs geworden.
Seit diesen Tagen ist viel geschehen. Wenzel wurde nach dem Studium der Philosophie an der Humboldt-Universität einer der bekanntesten Poeten  des deutschen Ostens. Mehr als 40 Alben  hat er besungen, über 500 Lieder geschrieben, hat sich mit Dichtern wie Theodor Kramer  und Johannes R. Becher befasst, Kinderlieder produziert und Bücher geschrieben. Gemeinsam mit seinem Freund Steffen Mensching tourte er zu Ost-Zeiten als Clown  – mit kritischen DDR-Programmen im ganz unvernünftigen Sprach-Stil des Dadaismus. 1989 initiierte er mit anderen Musikern die Protest-Resolution, in der Künstler die DDR-Führung aufforderte, Reformen einzuleiten. Noch immer ist er auf den Bühnen des Landes als Sänger mit Band unterwegs  – von Kamenz  über Fürstenwalde und Berlin bis nach Zollbrücke im Oderbruch und weiter nach Kamp an der Ostsee, wo er mit guten Freunden eine Art Liedermacher-Woodstock gründete. Dort ist auch die Live-Doppel-CD entstanden, mit der Wenzel aktuell auf Tour ist. Am heutigen Sonnabend tritt er um 19 Uhr im Trio in der Kulturfabrik in Fürstenwalde auf.
Was hat sich geändert in 40 Jahren politischen Bühnenlebens? Hätte eine Resolution, gerichtet an die Bundesregierung, heute noch eine Chance? Und würde die bitter-satirische Clowns-Nummer mit Mensching, der heute Theaterintendant in Rudolstadt ist, nicht auch passen auf  die heutigen Verhältnisse einer unvernünftigen Gesellschaft?  Wichtig ist vielmehr, so Wenzel, dass Leute ins Konzert kommen, dass sie – ähnlich wie zu DDR-Zeiten – zusammen stehen, an denselben Stellen lachen oder traurig sind, und merken, dass sie nicht allein sind im Zweifel an der Welt. Was man bewirken könne, ist die Aufhebung von Einsamkeit. Und ein Clowns-Duo mit dadaistischer Attitüde und  einem Hauch Commedia dell’arte, dafür müsse sich in der brav durchorganisierten deutschen Theaterlandschaft erst mal  ein Ort finden. Obwohl  er gelegentlich mit Mensching noch heute Auftritte hat. "Aber die Formen  ändern sich", sagt Wenzel. Das Musikalische sei oft klüger als das Wort allein. Das liege zum Teil auch an seiner veränderten Arbeitsmethode: Seit einiger Zeit hat sich die Produktionsweise verändert. "Ich  komponiere erst und finde dann die Worte. Manchmal suche ich wochenlang nach dem richtigen Wort und weiß erst dann, in welche Richtung der Song geht".
"Halte dich von den Siegern fern" heißt es in einem Wenzel-Song. Warum fernhalten? Muss man nicht näher heran an jene, die die Welt ruinieren? Sie kritisch unter die Lupe nehmen  mit Text und frechem Lied? Mag sein, aber gemeint ist es anders:  Neue Gedanken werden nicht im Zentrum der Macht gedacht, sondern immer am Rand. Der Rand ist für Wenzel die interessantere Zone. Autonome und Selbständige leben nicht in der Mitte, weiß er. Dezentrales Denken ist für Wenzel eine politische und kulturelle Herausforderung.  Ob er den Greta-Hype einer jungen Generation begrüße?  Es sei immerhin besser als Abwarten und Nichtstun.  Sei es auch etwas vage, habe es auch Formen religiöser Verehrung.  Aber vielleicht entstehe da etwas Neues, eine weltweite Bewegung, die auf ihre Weise Veränderungen herbeiführen  könne – getragen von dem Hölderlin’schen Gedanken, der bei Gefahr auch zugleich das Rettende sieht.
Doch die Hoffnung  hat es schwer in einer Zeit, die von der Ökonomie bestimmt wird: Politik, die dem Einzelnen suggeriert, er sei schuld an seinem Versagen, an seiner Arbeitslosigkeit, an seinen Krankheiten. Der ökonomische Druck sprenge den Rest eines sozialen Zusammenhalts auf, so Wenzel. Wir würden die kriegerischen Situationen der äußeren Welt  in unseren Alltag übernehmen, in den Umgang mit Schwächeren und Andersdenkenden. Effizienz ist keine dem Menschen innewohnende moralische Kategorie.  Da ist er wieder bei Lessing. Das Bewusstsein, dass wir alle zu einer Gattung gehörten, sei erodiert. Lessing hatte es noch.
Auch andere hatten und haben es. Wenzel hat sich gemeinsam mit der Autorin und früheren Grünen-Politikerin Antje Vollmer  in einem Buch dem Regisseur Rainer Werner Fassbinder angenähert. In Briefform ist ein Blick auf die frühere Bundesrepublik entstanden, der sich Fassbinder mit zum Teil verstörenden Filmen entgegenstemmte. Noch einmal teilzuhaben an Fassbinders vielschichtigen Suche nach der Wahrheit in einem spießigen Land namens Deutschland. Wieder mit Antje Vollmer zusammen beschäftigte er sich unlängst mit dem Leben eines anderen deutschen Regisseurs: Konrad Wolf. Welch zersplittertes Leben, welch Unvernunft und zugleich welche Hoffnung prägten das Leben eines der bekanntesten  DDR-Regisseure?  Welch Vernunft waltete dort und welch Zweifel findet sich in seinem Lebenslauf? Sein Vater Friedrich Wolf war einer der populären Schriftsteller vor dem Zweiten Weltkrieg. Werke wie "Zyankali" und "Professor Mamlock"  hatten eine riesige Leserschaft. Die "Weihnachtsgans Auguste" wird noch heute in der Vorweihnachtszeit gelesen und gespielt. Das neu gebaute Theater in Stalinstadt (heute Eisenhüttenstadt) wird Anfang der 50er-Jahre nach ihm benannt.
Sein Sohn Konrad kommt als russischer Soldat zurück nach Deutschland, ist unter den Befreiern des Konzentrationslagers Sachsenhausen, wird kurzzeitig Stadtkommandant von Bernau.  In seinen frühen Filmen spürt er der Möglichkeit eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Russen und Deutschen nach –  ungewöhnlich nach diesem Weltkrieg, der etwa 27 Millionen Russen und sechs Millionen Deutschen das Leben kostete.
Der  Grundkonflikt des Buches "Konrad Wolf" ist auch der Grundkonflikt der DDR-Künstler: Wie viele Kompromisse sind machbar  und wo hören sie auf? Beim Kahlschlag-Plenum 1965 landen acht DDR-Filme im Giftschrank oder werden  verboten. Konrad Wolf, einflussreicher Filmemacher, kann es nicht verhindern. In der Biermann-Affäre 1976 –  Konrad Wolf war Akademie-Präsident der DDR – quält  er sich mit einer eigenen Meinung zur Ausbürgerung des Liedermachers und findet, innerlich zerrissen, keine klare Position.
Doch es sind nicht nur diese Widersprüche, die Wenzel  umtreiben. In seiner Doppel-CD "Lebensreise" finden sich meistens bekannte Lieder. Gemeinsam  mit seiner Band und musikalischen Gästen hat er sie live Open Air in Kamp am Oderhaff aufgenommen.  "Songs verändern sich über Jahre wie Kieselsteine", sagt Wenzel. Überflüssige Ecken werden abgeschliffen. Und manchmal führen Lieder auch ein eigenes Leben.  Was Wenzel kann, wird in diesem Album noch einmal deutlich: Melancholie ohne Weinerlichkeit, Gesellschaftskritik ohne Agitprop. Auch dass  die CD drei Weinlieder enthält, ist kein Zufall. Auf dem Eintagesfestival in Kamp ist Wein – zumeist  Grüner Veltliner und Blauer Zweigelt –  keine Mangelware. Vernünftig klingt das nicht gerade. Aber Wein und Liebe gehören für Wenzel zusammen. Da hält er’s mit Goethe: erst leben, dann dichten.
Wenzel: Album "Lebensreise" (Indigo Musik);  Antje Vollmer und Hans-Eckardt Wenzel: "Konrad Wolf"  (Die Andere Bibliothek, 468 S., 42 Euro).