Musik: Oboe im missionarischen Einsatz

Mit 90 Jahren noch am Pult: Ennio Morricone dirigierte seine Filmmusiken in der Mercedes-Benz-Arena.
dpa/Christoph SoederEs gibt Filmmusiken, die schwänzeln nur so als Geräusch ums optische Geschehen und sind aus dem Ohr, ehe der Abspann durchgerauscht ist. Und dann gibt es Filmmusiken, die wachsen über die Filme, die sie ausmalen helfen, hinaus. Die Wiener Schrammelmusik aus „Der dritte Mann“ gehört unbedingt dazu, der Soundtrack der „Reifeprüfung“ und das heitere Klaviergetüpfel, das „Die fabelhafte Welt der Amelie“ umspielt.
Tja, und dann gibt es noch Ennio Morricone. 500 Filmmusiken hat er geschrieben. Seine Kompositionen haben Streifen wie „Spiel mir das Lied vom Tod“ und „The Mission“ unsterblich gemacht. Über das im 18. Jahrhundert spielende Drama, in dem ein Jesuiten–Pater im südamerikanischen Dschungel eine Missionsstation baut, wo die Indios ihm ihre Herzen öffnen, weil er sie mit seiner Oboe verzaubert, würde heute kaum jemand reden – wenn nicht diese Musik wäre. Das Oboen–Motiv, die zerbrechlichen, kristallenen Klänge, die die Wasserfälle im Urwald beschreiben, und dieser hymnische, von epischem Orchestersound begleitete Chorgesang, der im Film akustisch die Pforte zum Paradies einen Spalt öffnet, bevor sich um die Mission die Welt unheilvoll verdunkelt.
Diese Musik hatte sich Ennio Morricone als Finale aufgehoben, als er am Montagabend in der Berliner Mercedes Benz Arena das einzige Deutschlandkonzert seiner Abschiedstournee gab. Es ist also das letzte Mal gewesen, diesen Komponisten hierzulande vor einem Orchester sitzen zu sehen. Morricone, der vor zwei Monaten 90 Jahre alt und 2007 mit dem Oscar für sein Lebenswerk geehrt wurde, dirigiert nicht mehr im Stehen.
Aber kraftvoll führt er noch immer den riesigen Klangapparat, mit dem er unterwegs ist: ein Sinfonieorchester, aufgerüstet mit Klavier, Harfe, E– und akustischer Gitarre und ausuferndem Schlagwerkarsenal mit rockigem Schlagzeug, um richtig Dampf zu machen. Hinter den Musikern nahm ein 75–köpfiger Chor Aufstellung. Außerdem garnierten die Sopranistin Susanna Raci und die Fado–Sängerin Dolce Ponte als Stimmakrobatinnen diese Show.
Es ginge sicher auch mit weniger Aufwand, mit am Computer zusammengeschraubten Soundtracks. Aber nicht bei Morricone. Der Italiener meidet die Künstlichkeit bis heute. Seine Musik für Quentin Tarantinos „The Hateful 8“ spielte er mit dem Tschechischen Nationalen Symphonieorchester ein — mit dem er nun auch auf Tour ist. Für „The Hateful 8“ gewann Morricone 2016 seinen einzigen Oscar für den besten Soundtrack. Ein halbes Dutzend Mal war er für diesen Preis nominiert.
Er hätte ihn schon vor 50 Jahren bekommen müssen. Für seine musikalische Veredelung des Italo–Western „The Good, The Bad and The Ugly“ (Der Gute, der Böse und der Hässliche), der im Deutschen den albernen Titel „Zwei glorreiche Halunken“ bekam. Er hat mit diesem Soundtrack das Heulen der Kojoten musikalisiert, hat Jodler, Pfiffe und eine Tonflöte eingebaut. Das Album dieses Tracks stürmte damals die Charts. In Berlin rissen Ausschnitte daraus die 11 000 Zuschauer von den Plätzen. Mit dem stürmischen Stakkato der Holzbläser ist das sinfonisch eine ganz heiße Nummer. Und weil wir schon bei Italo–Western sind: Natürlich schnarrte auch das Mundharmonika–Motiv aus „Spiel mir das Lied vom Tod“ durch die Halle.
Aber dann spielte Morricone einige seiner wunderbaren Kompositionen, die weniger bekannt sind. Wie die Musik zu „Das rote Zelt“, die sich wie ein großes, samtenes Tuch über das Publikum legte. Und eine Sequenz aus dem Dreiteiler „Nostromo“, die Susanna Rigacci mit ihrer Stimme in den Himmel ob. Denn Morricone benutzt sie hier nicht, um Text zu singen, sondern als Instrument. So wie er das auch mit dem Chor von „The Mission“ macht. Als der verklungen ist, schenkte das Publikum dem Meister minutenlang stehenden Applaus — und rang ihm noch drei Zugaben ab. Das war großes Kino, dieser Abend.