Musikfest 2020 Berlin
: Ein Aufschieben des Musikfestes ist keine Alternative

Kurator Winrich Hopp im Gespräch über das Musikfest 2020, das angesichts der Coronakrise mit vielen Einschränkungen stattfindet.
Von
Boris Kruse
Berlin
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Verbreitet Zuversicht: Der promovierte Musikwissenschaftler Winrich Hopp leitet seit 2006 im Auftrag der Berliner Festspiele das Musikfest.

Christoph Neumann

Herr Hopp, wie ist die Stimmung nach den vergangenen Monaten?

Im März, nachdem der Stecker gezogen worden ist, ist man zunächst in einen tiefen Schacht der Ratlosigkeit gefallen. Und irgendwann hat man dann gemerkt: Da muss man wieder raus.

Und wie sind Sie mit dem Musikfest wieder herausgekommen?

Man lebt natürlich nicht allein, auch wenn wir jetzt alle Distanz halten müssen. Aber man hat sich sehr schnell zusammengefunden und die Lage beurteilt. Bald war klar, dass dicht gefüllte Bühnen mit 100 wohl nicht mehr gehen werden. Man hat relativ früh auch schon mit Sorgen auf das Auditorium geblickt – wie viele Leute da wohl sitzen können. Nun gibt es ja allmählich Lockerungen. Für das Festival heißt das, dass die großen Orchester-Gastspiele nicht stattfinden können. Das liegt aber auch daran, dass die Tourneen erodiert sind.

Wir haben ja nicht nur die Frage, wie man jetzt Konzerte veranstalten kann. Sondern noch viel mehr das Problem, wie wir eigentlich proben können. Denn die eigentliche künstlerische Arbeit findet ja vor dem Konzert statt. Allmählich ordnet sich das alles wieder, und man weiß jetzt: Es geht weiter. Aber es ist immer noch ein großer Mangel da.

Ein Anspruch des Musikfestes war es immer, die größten Orchester der Welt nach Berlin zu holen. Welchen Trost bieten Sie allen Besuchern, die besonders diese Seite schätzen?

Es ist ja mehr als das. Es geht um die Verbindung der tollen Orchester, die wir in Berlin haben, mit den Gastorchestern. Das macht den Charme des Festivals aus. Viele dieser großen Apparate fehlen in diesem Jahr, aber die Berliner Orchester gehen an den Start, mit modifiziertem Programm. Und ich bin stolz darauf, dass die großen Ensembles der zeitgenössischen Musik dabei sind, zum Beispiel das Ensemble Modern. Damit können wir wirklich ein Statement für die zeitgenössische Musik setzen, denn dies ist ein Teil des Musiklebens, der jetzt stark unter Druck geraten ist. Da müssen wir etwas tun. Deshalb bin ich froh, dass wir den Rebecca-Saunders-Schwerpunkt retten konnten.

Das Festival beinhaltet Uraufführungen von Werken bekannter Komponisten wie Georges Aperghis, Enno Poppe und eben Rebecca Saunders. Heißt es nicht, Perlen vor die Säue zu werfen, diese Werke jetzt vor wenigen Besuchern aufzuführen?

Es sind tatsächlich Perlen. Aber die Musikerinnen und Musiker präsentieren sie für Mitmenschen, die so musikbegeistert sind wie sie selbst. Beim ursprünglichen Programm sind wir natürlich von anderen Kapazitäten ausgegangen. Nun gibt es die nicht mehr, aber das heißt ja nicht, dass man deswegen das Projekt absagt, die Künstler auslädt und das Publikum nach Hause schickt.

Das Problem in einer Krise ist: Mangel führt zu Ausgrenzung und Exklusivität. Deshalb haben wir beschlossen, die Konzerte jetzt in der Digital Concert Hall der Philharmoniker zu übertragen und die Aufzeichnungen dann am Folgetag auf der Streaming-Plattform der Berliner Festspiele für 72 Stunden zum Nachhören und -sehen anzubieten.

War die Pandemie also auch ein Innovationsbeschleuniger?

Der ganze Online-Bereich ist ein lang gehegter Traum von mir. Der braucht aber finanzielle Mittel. Ich finde es wichtig, mit unseren Angeboten auch Menschen anzusprechen, die gar nicht kommen können, weil die Reisekosten zu teuer sind.

In diesem Jahr gab es einfach durch Corona eine große Offenheit aller finanziell helfenden Institutionen, Mittel dafür aufzurufen oder umzuwidmen. Ob das im nächsten Jahr auch noch so ist, das werden wir mal sehen. Die digitale Welt ist eine enorm teure Welt. Da hängen auch Rechtefragen dran – das ist komplex.

Eine grundlegende Frage wird ja noch eine Weile lang bestehen bleiben: durchziehen oder aufschieben?

Manches sieht beim Musikfest vergleichsweise einfach aus, weil wir punktuell arbeiten. Die Frage „durchziehen oder aufschieben“ ist eigentlich gar keine Handlungsalternative. Denn was durch das Aufschieben bewirkt wird, ist, dass wir in der Zukunft riesige Wolkenkratzer an Projekten auftürmen, die alle nicht mehr realisiert werden können. Man muss jetzt eine Auswahl treffen unter der Maßgabe, was realistisch ist. Wer weiß, unter welchen Bedingungen wir 2021 veranstalten werden.

Wenn man von „durchziehen“ spricht, dann heißt das zurzeit auf jeden Fall: abgespeckt. Das kann zum Beispiel heißen, dass Auftragswerke auf kleinere Besetzungen umgearbeitet werden. Dann ist es aber natürlich ein anderes Stück. Solche Fragen kann man nur gemeinsam lösen.

Viele Beethoven-Würdigungen anlässlich seines 250. Geburtstages müssen entfallen. Ist es sinnvoll, das in den kommenden Jahren nachzuholen, oder wird dann die Aufmerksamkeit nicht erlahmt sein?

Ich glaube, dass man Beethoven jetzt zelebrieren muss – mit den Möglichkeiten, die da sind. Die Verschiebung der BTHVN-Initiative aber macht auf jeden Fall Sinn, denn da sind ja zahlreiche und große Projekte entwickelt worden. Diese Projekte werden auch dann ihre Aktualität haben, wenn sie später laufen.

Was berührt Sie persönlich an dem Beethoven-Interpreten Igor Levit?

Für mich ist das die jüngste Stimme unter den großen Beethoven-Interpreten. Er nähert sich mit Energie und Leidenschaft diesen Achttausendern. Er bringt eine Literatur in die Öffentlichkeit, die maßstäblich ist und bei der es Sinn macht, sich heute damit auseinanderzusetzen. Das klassische Repertoire lebt davon, dass es von jüngeren Interpreten aufgenommen wird. Und da gehört er zu den bedeutendsten Stimmen.

Musikfest ab heute bis 23.9., Programm:

Rumpfprogramm und reduzierte Besucherzahl

Eigentlich finden im großen Saal der Berliner Philharmonie am Kulturforum bis zu 2400 Besucher Platz, je nach Bestuhlung und Orchester. Wegen der Pandemie dürfen gemäß den geltenden Regeln bis Ende August nur 450 Besucher den Konzerten beiwohnen, ab 1. September sind es ungefähr 630. Einige Konzerte werden wiederholt, um möglichst viele Gäste teilhaben zu lassen. Andere zugkräftige Programme entfallen. So etwa das Gastspiel vom Gewandhausorchester Leipzig unter Andris Nelsons und die ursprüngliche Eröffnung mit dem Concertgebouw-Orchester unter François-Xavier Roth.⇥bkr