Nach 100 Jahren: Die Industriefotografin Marianne Strobl wird wiederentdeckt

Sattelweg-Tunnel, Wocheinerbahn, 1906
Photoinstitut Bonartes, WienOhne Ausbildung legte sie los
Die Sachfotografie war zu jener Zeit im Aufwind. Wie die Hauptstadt der k.u.k. Monarchie modernisiert wurde und durch den Zustrom vom Land in die Breite wuchs, wie neue Wohnanlagen aus der Erde schossen, Abwasserkanäle gegraben und Viadukte für die Bahn gebaut wurden, sollte in Fotografien festgehalten und der Nachwelt überliefert werden. Für diese Aufgabe anstatt für retuschierte Familienporträts, wie sie damals in Mode waren, konnte sich die neu dazu gekommene Elevin offenbar schnell begeistern – ohne langwierige Ausbildung.
Der Erfolg gab ihr Recht. Schon 1894 meldete sie ihr eigenes Fotogewerbe an und erhielt prompt einen lukrativen Auftrag. „Typen der Landfuhrwerke der Österr.-Ung. Monarchie“ lautete die von der „Internationalen Ausstellung für Volksernährung, Armenverpflegung, Rettungswesen und Verkehrsmittel“ bestellte Serie. 95 Albuminabzüge füllten am Ende das bestellte Mappenwerk. Der serielle Charakter dieser in gleicher Weise aufgenommenen Fotos (gleicher Abstand, gleiche Lichtverhältnisse) erinnert an die Industrie-Artefakte, die Bernd und Hilla Becher in den Siebzigern des vergangenen Jahrhunderts geduldig ablichteten. Hier die werkstattneuen Fuhrwerke und Kutschen, die auf dem Land wie in der Stadt vermutlich noch lange in Gebrauch gewesen sind, bis Traktoren und Autos sie verdrängten, dort die außer Betrieb gesetzten Fördertürme, Hochöfen und Lagerhallen, kurz vor dem Abriss. Das macht den Unterschied.
Fast ein Dutzend Fotografien verschiedenster „Landfuhrwerke“ füllt derzeit eine Wand des Verborgenen Museums in Charlottenburg, doch man wird nicht müde, die Schlichtheit dieser Arbeiten zu bewundern. Es ist nichts Überflüssiges dabei, keine Nebensache, die ablenken würde.
Die folgenden Aufträge waren fotografisch schwieriger. Worauf sollte sich Marianne Strobl konzentrieren, wenn sie die Kamera in eine Baugrube für die Wiener Kanalisation richtete oder die Baustelle für das neue Kriegsministerium, einen Tunnelbau für die Bahn dokumentieren sollte? Oder wenn sie, immer mit einer Holzkamera, einem Stativ und den beschichteten Glasplatten, die Fotografen damals benutzten, beschwert, Höhlenforschern in schmale Felsengänge folgte?
Künstlerische Fotografie lag weniger in ihrer Absicht. Es genügte ihr, wenn sie als eine der Ersten mit dem Blitzlicht arbeitete. Jedes einzelne Foto war ein Ereignis, für das man gern der Bitte nachkam, sich nicht zu bewegen. Man sieht Arbeiter mit Schürze und Schaufel, die Ingenieure oder Bauherren tragen Anzug und halten die Hand in der Tasche. Wie anstrengend die Arbeit war, sieht man nicht.
Sechzig zeitgenössische Abzüge hat das Verborgene Museum vom Photoinstitut Bonares aus Wien übernommen. Die schwarzweißen, zum Teil ausgeblichenen Originalreproduktionen beeindrucken als Dokumente der Zeit. Es wird gebaut, verschönt, modernisiert. Der Mensch bleibt klein. Respektvoll drückt sich das Reinigungspersonal eines Hotels im Flur an die Seite, um den Blick auf die Empfangsräume im Hintergrund freizugeben.
Von der „Irrenanstalt“ in Triest, das damals zu Österreich gehörte, wird die gepflegte Außenanlage gezeigt, vom neuen „Männerheim“ in Wien die sauberen Schlaf- und Waschräume, die vielen Menschen Platz boten. Patienten und Heimbewohner sind ausgelassen. Man ahnt auch so die Tristesse, die unter den Weggesperrten und Ärmsten der Armen geherrscht haben mag. Die Anlage des Männerheims galt als mustergültig, sonst wäre die Fotodokumentation von Marianne Strobl nicht 1913 in zwei Ausstellungen zum modernen Städtebau auch in Berlin und Leipzig gezeigt worden. Leider findet der Besucher gerade diese Bilder nur im Katalog, obwohl sie doch wesentlich mehr über den Zustand der Gesellschaft sagen als die Blicke in Baugruben.
Bald unterbrach der Ausbruch des Ersten Weltkrieges Bautätigkeit und Modernisierung. Männerheime dürfte man noch lange gebraucht haben. Mitten im Krieg, im Februar 1917, ist Marianne Strobl im frühen Alter von zweiundfünfzig Jahren in Wien gestorben. Ihr Name geriet in Vergessenheit, nicht ihr Werk.
Das Verborgene Museum. Dokumentation der Kunst von Frauen, Schlüterstr. 70, Berlin-Charlottenburg, Do/Fr 15-19 Uhr, Sa/So 12-16 Uhr, bis 8. März 2020
Ein Haus für Künstlerinnen
Das Verborgene Museum in Berlin wurde 1986 in Berlin mit der Zielsetzung gegründet, Lebenswerk und Lebensgeschichte von Künstlerinnen bekannt zu machen, die aus den unterschiedlichsten Gründen in Vergessenheit geraten sind. Das etwas versteckt in der Schlüterstraße in Charlottenburg gelegene Haus hat so bedeutende Fotografinnen wie Marianne Breslauer, Lotte Jacobi oder Inge Morath geehrt. ⇥red