Als die letzte Note verklang und Bernard Haitink den Dirigentenstock senkte, erhob sich das Publikum im Amsterdamer Concertgebouw zu einer letzten großen Ovation für den Meister. Acht Minuten und sechs Sekunden lang dauerte der Applaus - eine Ewigkeit für die eher nüchternen Niederländer. Und es hätte noch länger gedauert, wenn Haitink selbst den Applaus nicht mit einer festen, klaren Handbewegung gestoppt hätte. Nun starb der große und geliebte Dirigent in London im Alter von 92 Jahren.

Sein letztes Konzert fand 2019 statt

Mit einer großen Verbeugung hatte sich das Amsterdamer Publikum im Juni 2019 von seinem geliebten Dirigenten verabschiedet. Mehr als 60 Jahre lang war er eng mit dem Königlichen Concertgebouw-Orchester verbunden gewesen. Seine Weltkarriere war offiziell mit dem letzten Konzert am 6. September 2019 im Schweizerischen Luzern zu Ende gegangen.
Der Abschied war ihm nicht leicht gefallen. Erst hatte er nur eine Auszeit angekündigt. Doch wenig später machte er den Spekulationen dann ein Ende: „Ich bin 90“, sagte er der Zeitung „de Volkskrant“ im Juni 2019. „Wenn ich sage, dass ich ein Sabbatical nehme, dann ist das, weil ich nicht sagen will: Ich höre auf. Ich habe keine Lust zu all den offiziellen Abschiedssachen, aber es ist eine Tatsache, dass ich nicht mehr dirigieren werde.“ Der Abschied schmerze, räumte er ein. Aber die Gefühle behielt er als nüchterner Amsterdamer für sich. „Wenn ich eine Träne vergieße, dann tue ich das privat.“

Mit 27 leitete er das erste Mal das Amsterdamer Star-Orchester

1956 hatte Haitink zum ersten Mal das Concertgebouw-Orchester geleitet. Da war er 27 Jahre alt und kurzfristig eingesprungen. Er war so jung, dass - so wird bis heute erzählt - eine Frau im Publikum gezischt habe: „Was für ein Baby“. Immerhin machte das „Baby“ einen solchen Eindruck, dass Haitink nur fünf Jahre später zum Chefdirigenten des Orchesters ernannt wurde.
„Es war die Hölle“, sollte er später sagen. Der junge Dirigent musste sich gegen eine verkrustete Struktur und nicht sehr flexible ältere Musiker durchsetzen. Schließlich sollte er aber fast drei Jahrzehnte lang Chef in Amsterdam sein. Am Ende wurde er zum Ehrendirigenten ernannt, auch wenn die Beziehung nicht ohne Spannungen war.
Haitink wollte nie ein Superstar am Pult sein. Ein Orchester müsse man motivieren und inspirieren. Er war kein Halbgott im Frack - eher das Gegenteil. „Ich bin ein bisschen schüchtern“, sagte er einmal. Er sei kein Machtmensch, sagt er in einem seiner letzten Interviews, das mache ihn eigentlich zu einem „Anti-Dirigenten“.
Haitink war bekannt für seine Zweifel, zeigte das aber nie auf dem Pult. Er ging nicht als Allwissender an ein Stück heran. „Dirigieren darf nicht zu einfach werden“, sagte er. Er erarbeitete sich Stücke immer wieder neu - auch wenn es um seine Lieblingskomponisten ging wie Bruckner, Mahler, Brahms oder Schostakowitsch. Intellekt und Gefühl verband er auf ganz eigene Weise. „Man muss denken mit dem Herzen und fühlen mit dem Kopf“, sagte er einmal dem „NRC Handelsblad“.

Bruckner war seine besondere Leidenschaft

Haitink wuchs in Amsterdam mit der Musik von Mahler und Bruckner auf. Bruckners siebte Symphonie etwa hörte er erstmals als Kind, erinnerte er sich. „Vielleicht ist es abnormal, dass ein achtjähriges Kind so sehr von einem langen Stück angezogen wird, aber so war es.“ Diese besondere Leidenschaft sollte ihn nicht verlassen, wunderte er sich noch im Juni 2019. „Ich bin absolut nicht religiös, dagegen ist das aber gerade Bruckners Musik. Es ist eines der Rätsel meines Lebens.“

Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker

Nachdem er Amsterdam 1988 verlassen hatte, leitete Haitink 14 Jahre lang die Royal Opera in London. Er war auch musikalischer Leiter des Opernfestivals in Glyndebourne, Chefdirigent des London Philharmonic Orchestra, der Staatskapelle Dresden und des Chicago Symphony Orchestra. Er war Ehrenmitglied der Berliner Philharmoniker und des Chamber Orchestra of Europe. Und seine Gastauftritte waren zahllos.
Youtube

Youtube

Ein Sturz auf dem Podium in Amsterdam 2018 leitete das Ende seiner Karriere ein. Das Dirigieren, so gab er zu, kostete immer mehr Kraft. Doch konnte er sich kaum etwas anderes vorstellen. „Ein Leben ohne Dirigieren wäre miserabel.“