Nachruf
: Wolfgang Kohlhaase über den „Solo Sunny“-Dreh

Wolfgang Kohlhaase schrieb das Drehbuch für „Solo Sunny“ – im Gespräch erinnert er sich an die Begegnung mit Renate Krößner.
Von
Christina Tilmann
Reichenwalde
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Immer noch aktiv: Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase stellt bei der Berlinale 2017 "In Zeiten des abnehmenden Lichts" vor.

Jörg Carstensen

Herr Kohlhaase, wenn Sie vierzig Jahre zurückdenken zu den Dreharbeiten von „Solo Sunny“ und dem Moment, als Renate Krößner das erste Mal vor Ihnen stand – was kommt Ihnen in den Sinn?

Als Erstes fliegt mir die Verwunderung in mein Gefühl, dass es vierzig Jahre her ist, dass wir uns getroffen haben, um die Rolle zu besetzen. Wir kannten uns, wie man sich im Beruf kennt, letzten Endes mehr flüchtig als gründlich, und Renate kam und „ließ sich besichtigen“. Dieser Moment ist für alle Beteiligten immer aufregend, denn jetzt bekommt der Film, oder die Rolle, um die es geht, ein Gesicht. In diesem Fall steht die Rolle tatsächlich für den Film. Als Renate dann nach einem Stündchen wieder ging, waren Konrad Wolf und ich der Meinung: Wir suchen nicht weiter.

Was ist das Besondere an dieser Sunny, dass sie bis heute so stark wirkt, auch vierzig Jahre später?

Sie ist eine prototypische Figur, die zugleich vom Alltag handelt und von den Träumen. Und sie ergänzt eine Stadt wie Berlin um ihre Art zu reden, zu laufen, zu spielen. Das alles hatte sich in dem Moment entschieden, in dem wir Renate trafen.

Wie war die Zusammenarbeit beim Dreh? Waren Sie sich immer einig?

Renate war eine eigensinnige Person. Sie hatte ihre eigenen Vorstellungen, wie sie mit dem Stoff umgehen wollte. Ich habe ihr keine schlechten Texte geschrieben, aber sie fügte der Sache immer auch ihre eigene Stimmung und ihre eigene Farbe hinzu. Auf diese Weise ist sie unverwechselbar gemeinsam mit diesem Film um die halbe Welt gereist. Dieser Film fand immer leicht ein Publikum.

Warum war das so? Was hat alle Welt mit diesem Film und dieser Figur verbunden?

Es war eine Geschichte, die im Prenzlauer Berg spielte und die Farben der DDR hatte, enge Höfe, graue Wände, aber auch viel Himmel darüber. Aber es war zugleich eine universelle Geschichte, auch eine Kinogeschichte, diese Geschichte von dem Mädchen, das auf seinem Traum besteht und das es besser verdient hätte. Dies alles bot die Geschichte an, aber dass es so funktioniert hat, hat mit Renate zu tun. Insofern denke ich mit Rührung daran, dass es vierzig Jahre her ist. Der Film scheint mir immer noch haltbar zu sein, und das ist auch ihr Verdienst.

In der Figur der Sunny verbindet sich eine besondere Zeit und ein besonderer Ort, die Künstlerszene am damaligen Prenzlauer Berg. Was hat sie so besonders gemacht?

Der Prenzlauer Berg war ein heruntergewohntes Viertel, aber ein Ort, an dem kräftig gelebt wurde. Nicht unbedingt leicht und nicht komfortabel. Aber es war ein unzerstörtes Stück Berlin. Vergleichbar auf der anderen Seite der Grenze vielleicht mit Kreuzberg. Diese alltägliche Lakonie, diese Tonlage, die vielleicht überhaupt in den großen Städten zum Leben gehört, eine intellektmäßige Geschwindigkeit, eine Unsentimentalität, Gesichter, in denen viele Gesichter sind: Das alles ist aufs Glücklichste bei Renate zu finden. Ich glaube, sie gehörte wirklich in diese Ecke, sie konnte die Tonlage, sie berlinerte nicht auf kunstvolle oder bemühte Weise, sondern es ging leicht mit ihr, in einem Text einen doppelten Boden zu finden. Der Film ist reicher geworden durch sie.

Haben Sie nach dem Dreh Kontakt mit ihr gehalten?

Diese Arbeit hat uns verbunden, auf eine Art, wie man mit Kollegen verbunden bleibt. Alle, die damals dabei waren, haben sich gern erinnert an das, was da versucht wurde und vielleicht auch geglückt ist. Wir hatten alle miteinander mehr als einen guten Tag.  Aber ich habe Renate nicht öfter gesehen als vielleicht ein oder zweimal im Jahr. Und eine Rolle wie diese gab es kein zweites Mal für sie. Es gibt Dinge, die sich nicht wiederholen lassen.