Neue Staffel: Die dunklen Stunden der Charité
Menschenversuche, Zwangssterilisationen, Operationen unter Bombenhagel: die zweite Staffel der TV Serie „Charité“ behandelt eines der dunkelsten Kapitel in der Geschichte des Berliner Universitätskrankenhauses. Neben der Serie gibt es vor Ort mehrere Ausstellungen, die die NS–Zeit beleuchten.
Die Pillen sehen im ersten Moment harmlos aus. Doch die alte Packung „Prontosenil“ in der Vitrine des Medizinhistorischen Museums in Mitte erzählt eine grausame Geschichte. NS-Ärzte testeten das Antibiotikum an Frauen im KZ–Ravenbrück. Unter der Überschrift „Menschenversuche“ hängen im Museum auch Fieberkurven, die den Tod ankündigen, und ein altes Foto mit einem durch Euthanasie-Ärzte getöteten Kind auf dem Seziertisch.
Um die Grausamkeiten der Medizin in der Nazizeit geht es auch in der zweiten TV–Staffel „Charité“, die am 19. Februar um 20.15 Uhr in der ARD startet. Im Mittelpunkt der sechs neuen Folgen steht der weltberühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch, gespielt von Ulrich Noethen. Ein Genie seines Faches, jedoch mit ambivalentem politischen Charakter. „Im Operationssaal behandelte er alle ohne Unterschied. Er schützte jüdische Kollegen. Doch als Forschungsgutachter wusste er auch von Menschenversuchen im KZ“, sagt Thomas Schnalke.
Der Leiter des Medizinhistorischen Museums stand den beiden Drehbuchautorinnen der historisch angehauchten Eventserie beratend zur Seite. Dorothee Schön und Sabine Thor–Wiedemann hätten eine ausgezeichnete Recherchearbeit geleistet und hätten auch Quellen ausgegraben, die die medizinhistorische Forschung noch nicht ausgewertet habe, berichtet der 60–Jährige.
Zum Beispiel die Tagebücher des elsässischen Arztes Adolphe Jung. Nach der deutschen Besetzung hatte sich der Franzose geweigert, mit den Nazis zu kollaborieren und wurde an die Charité zwangsrekrutiert.Jung, gespielt von Hans Löw, erwirbt sich aufgrund seines Könnens schnell Sauerbruchs Anerkennung. Er ist der einzige, der es wagt, dem cholerischen Chef zu widersprechen. Offen spricht er auch die Krankentötungen an.
200 000 Behinderte wurden im Dritten Reich ermordet. In der Städtischen Nervenklinik Wiesengrund in Reinickendorf wurden an Kindern schmerzhafte und oft tödliche Tuberkulose–Versuche durchgeführt. Einer der Planer der „Aktion Gnadentod“ war Max de Crinis (Lukas Miko). Der Psychiatrische Leiter der Charité trieb das Euthanasieprogramm voran, gegen das Sauerbruch 1937 noch gemeinsam mit Karl Bonhoeffer (Thomas Neumann) protestierte.
Frei erfunden ist dagegen die Figur von Anni (Mala Emde). Die Medizinstudentin ist überzeugt von der Rassen–Ideologie der Nazis und erwartet ein Kind des angesehenen Kinderarztes Dr. Artur Waldhausen (Artjom Gilz). Als sich jedoch ausgerechnet das Baby des „arischen Vorzeigepaares“ nach der Geburt nicht normal entwickelt, müssen die Eltern schwere Entscheidungen treffen. „Diese Figuren sind zwar fiktiv, aber sehr gelungen, stehen sie doch exemplarisch für die Konflikte, in die Mediziner damals kamen“, findet Schnalke.
Schon seit 2007 beschäftigt sich der Medizinhistoriker mit der Aufarbeitung der NS–Zeit. Das schon lange vergriffene Buch „Die Charité im Dritten Reich. Zur Dienstbarkeit medizinischer Wissenschaft im Nationalsozialismus“ des Medizinhistorikers Udo Schagen aus dem Oderbruch wurde erst vor kurzem für das Internet überarbeitet und unter https://charite.zeit–archiv.de veröffentlicht. Es gibt eine Dauerausstellung auf dem Charité-Campus sowie einen künstlerischen Geschichtsrundgang. An Skulpturen können Interessierte per Handy–APP Informationen abrufen.
Auch die Regisseure und eine Maskenbildnerin der Serie haben die alten Backsteinbauten besucht. Anhand von Fotos im Medizinhistorischen Museum recherchierten sie unter anderem, welche Trachten die Schwestern damals trugen. In einer der Vitrinen liegt auch Sauerbruchs originale Knochenschere. „Er hat als erster Arzt überhaupt Brustoperationen durchgeführt und für Kriegsversehrte einzigartige bewegliche Prothesen entwickelt“, erzählt Schnalke.
Ihm war vor allem wichtig, dass die Serien–Macher auch die Schattenseiten des erzkonservativen deutschnationalen Ausnahme–Arztes zeigen. Weil aber zwei Endkriegsjahre, in denen die neue Staffel spielt, den Charakter in seiner Breite nicht abbilden könnten, wollen Schnalke und sein Team ab 21. März in der Ausstellung „Auf Messers Schneide“ den „ganzen Sauerbruch“ beleuchten.


