Nick Cave in Berlin 2024: „The Wild God“ in der Uber Arena

Nick Cave, hier bei einer Lesung im Jahr 2023 auf dem Festival Lit.Cologne in Köln. Der gebürtige Australier stellte damals sein Buch „Glaube, Hoffnung und Gemetzel“ vor.
picture alliance/dpa- Nick Cave & The Bad Seeds 2024 in Berlin mit neuem Album „The Wild God“.
- Themen: Tod, Trauer; inspiriert durch den Verlust seiner Söhne.
- Musikstil: Rückkehr zu Songstrukturen, mit Einflüssen aus Gospel und Blues.
- Konzerte am 29. und 30.09. in der Uber Arena, Restkarten ab 23,40 Euro.
- Fans und Kritiker loben das Album; Beteiligung von Warren Ellis und Gastmusikern.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Wenige Künstler haben sich in ihrem Werk so intensiv mit den Themen Tod und Trauer auseinandergesetzt wie Nick Cave. Das gilt schon für sein Frühwerk, für Songs wie den „Weeping Song“ und Alben wie die „Murder Ballads“ (1996), in denen Cave Lieder über überlieferte Mordfälle aufgenommen hat. Das gilt aber ganz besonders für die letzten Jahre, als Cave den Tod zweier Söhne verkraften musste. 2015 starb Arthur Cave an einem Unfall, ihm folgte Caves älterer Sohn Jethro Lazenby im Jahr 2022.
Es ist keine Frage, dass sich diese Schicksalsschläge in der Musik niederschlagen mussten. Cave begann seine kompositorische Trauma-Aufarbeitung mit fragilen, skizzenhaften Songs im Stream-of-Consciousness-Stil wie auf „Skeleton Tree“ (2016), er experimentierte mit Ambient-Strukturen, Analog-Synthesizern und ätherischen Balladen wie auf „Ghosteen“ (2019). Er wurde stärker noch als je zuvor zum schwermütigen Dichter, der seinen Gesangsstil Richtung Spoken-Word-Poetry und Rezitation weiterentwickelte. Seine Einflüsse aus dem Gospel und dem Blues blieben dabei dennoch präsent.
Auf „The Wild God“ ist der Australier mit dem markanten Bariton nun zu zupackenden Songstrukturen zurückgekehrt, bei denen die Bad Seeds ihr Pfund als vertraut zusammenspielende Band ausspielen können. Es gibt opulente, filmmusikartige Arrangements mit schwelgerischen Streichern, aber auch energiegeladene Passagen, mit denen Nick Cave erstmals nach längerer Zeit fast schon wieder der Rockmusik zuzurechnen ist. Ein ausgewogenes und zugängliches Werk, mit gut 44 Minuten Länge nach dem Doppelalbum „Ghosteen“ eher kompakt, für das Cave von Kritikern gute Noten erhielt.
Die Fans als Kraftquell - Red Hand Files
67 Jahre ist Nick Cave am 22. September geworden, und er denkt derzeit überhaupt nicht ans Aufhören oder Leisertreten. Erst kürzlich gab er bei einer Fragerunde vor Fans zu Protokoll, dass das Komponieren neuer Alben ihm zwar unendlich viel Mühe mache und ihn leiden ließe, dass er damit aber trotzdem unvermindert weitermachen wolle.

Früher war weniger Haar: Nick Cave liest im Jahr 2009 während eines Konzertes in Barcelona Passagen aus seinem Buch "Bunny Munro's Death" vor.
Albert Olive/picture-alliance/dpaÜberhaupt scheint Nick Cave aus seinem seit einigen Jahren intensivierten Dialog mit den Fans neue Energie zu schöpfen. Im Jahr 2018 startete er das Online-Portal Red Hand Files, in Anlehnung an seinen Song „Red Right Hand“, in dem er einen direkten Austausch mit den Fans pflegt. In Interviews erzählte Cave, dass sich in Folge des Todes seines Sohnes Arthur die Prioritäten komplett verschoben hätten: Die Idee eines genialischen Künstlers, der in der abgeschotteten Einsamkeit seines Schreibtisches große Werke vollbringt, habe sich für ihn erledigt. Er begreife sich jetzt mehr als verantwortungsbewussten Menschen, der in Beziehung zu seiner Umwelt und seinen Mitmenschen steht. Nur vor diesem Hintergrund sind seine neueren Songs zu verstehen. Musik, so sagte er einmal, sei vermutlich der letzte Bereich des Lebens, in dem heute noch ein wenig transzendentes Erleben möglich sei. Der Albumtitel „The Wild God“ kommt also nicht von ungefähr; Nick Cave verhandelt in jüngster Zeit vermehrt spirituelle Fragen.
The Bad Seeds – die Musiker an Caves Seite
Caves Fans verehren ihren Star kultisch, und sie werden immer mehr. Gleich zweimal macht der Wahl-Brite die riesenhafte Uber Arena voll. In seiner Begleitband, den Bad Seeds, hat es über die Jahre einige personelle Wechsel gegeben – Abgänge, Neuzugänge, Rückkehrer und Gastmusiker. Wollte man Nick Caves Karriere in Kapitel einteilen, so wäre ein gewichtiger Einschnitt sicher der Abgang des Berliner Avantgarde-Musikers Blixa Bargeld, der nebenbei auch noch mit seinen Einstürzenden Neubauten beschäftigt war, im Jahr 2003.

Blixa Bargeld, Sänger der 1980 in Berlin gegründeten Band Einstürzende Neubauten, bei einem Konzert in Prag. Aufgenommen wurde dieser Schnappschuss 2005, zwei Jahre nach seinem Ausstieg bei den Bad Seeds.
picture-alliance/ dpaIn den folgenden Jahren wurde der US-amerikanische Multiinstrumentalist Warren Ellis innerhalb der Bad Seeds immer wichtiger für Caves kreativen Prozess – ein kongenialer Partner im Arrangieren der Songs. Die harsche Post-Punk-Atmosphäre, die Nick Caves Musik seit seinen Anfangstagen hatte, verschob sich hin zu wärmeren, amerikanisch inspirierten Einflüssen. Roots-Rock, Gospel, Blues, Folk und Country schimmerten zunehmend durch. Nick Cave hat mehrfach betont, dass Johnny Cash eines seiner Jugendidole war. Der Abgang von Gitarrist Mick Harvey im Jahr 2009 war ein weiterer Einschnitt.

Klangtüftler: Nick Cave (r.) und und sein langjähriger Bandmusiker Warren Ellis.
picture alliance/dpa/Beats InternationalDie Bad Seeds, die Nick Cave mit Unterbrechungen seit 1983 begleiten, präsentieren sich auf den laufenden Konzerten in Hochform. Schlagzeuger Thomas Wydler ist auf der laufenden Tour aus gesundheitlichen Gründen allerdings nicht dabei, ebenso wenig der langjährige Bassist Martyn Casey. Für ihn wird Radiohead-Bassist Colin Greenwood, der auch schon auf dem Album als Gast mitgewirkt hat, in die tiefen Saiten greifen.
Für das Vorprogramm in Berlin wurde die englische Band Dry Cleaning verpflichtet.
Welche Songs werden in Berlin gespielt?
Die „Wild God Tour“ hat gerade erst begonnen; aus den wenigen zurückliegenden Konzerten lässt sich noch kaum verlässlich ableiten, auf welches Repertoire Nick Cave sich einschießt. Erste Tendenzen sind erkennbar: Sehr wahrscheinlich ist, dass gleich zu Beginn mehrere neue Songs zu Gehör kommen, zum Beispiel „Joy“, „Frogs“ und der Titelsong des neuen Albums, „Wild God“. In einem Q & A zu dem Album hat Cave gesagt, dass die neuen Songs ziemlich einfach auf der Bühne umzusetzen sind, leichter jedenfalls als Alben der jüngeren Vergangenheit wie „Skeleton Tree“.

Charismatischer Performer: Der australische Singer-Songwriter Nick Cave mit seiner Band The Bad Seeds im Jahr 2022 auf der Bühne des Auditorium Stravinski während des 56. Montreux Jazz Festivals (MJF). Manche Fans vergleichen Caves Auftritte mit schamanistischen Ritualen.
picture alliance/dpa/KEYSTONEAngesichts des sehr opulenten Gesamtwerkes müssen auch Lieblingstitel ungespielt bleiben. Der von Fans verehrte „Weeping Song“ etwa fällt in den aktuellen Konzerten auch schon einmal weg. Sehr wahrscheinlich werden jedoch „Jubilee Street“, „The Mercy Seat“ und – meist im Zugabenblock – die Klavierballade „Into My Arms“ vertreten sein.
Nick Cave & The Bad Seeds – The Wild God Tour am Sonntag (29.09.) und Montag (30.09.) in der Uber Arena, Beginn jeweils 19.15 Uhr, Restkarten erhältlich ab 23,40 Euro
