Olympische Spiele: Kati Witt und Rainer Oleak – ein Notfalleinsatz von zwei Tagen

23.02.1994, Norwegen, Hamar: Doppel-Olympiasiegerin Katarina Witt bei den XVII. Olympischen Winterspielen von Lillehammer.
Matthias Hiekel/dpaVor 30 Jahren beherrschte Kati Witt die Schlagzeilen nicht nur in Deutschland, weil sie – die bekannteste Eiskunstläuferin der Welt – bei den Olympischen Spielen in Lillehammer 1994 antrat. Eigentlich hatte sie ihre Laufbahn längst beendet, aber ihr Comeback hing mit den Umständen der Winterspiele 1994 zusammen.
Erstmals trat eine gesamtdeutsche Mannschaft bei den Spielen an. Zudem wollte sie zehn Jahre nach ihrem ersten Olympiasieg 1984 in Sarajevo die Weltbühne des Großereignisses nutzen, um zu zeigen, dass die Menschen Sarajevo nicht vergessen sollten. Seit 1992 war die Stadt vom Krieg in Restjugoslawien schwer gezeichnet.
Für ihre „Mission“, wie sie selbst später sagte, hätte es keine passendere Kürmusik als Pete Seegers berühmtes Antikriegslied „Sag mir, wo die Blumen sind“ geben können. Das Okay habe sie sich gemeinsam mit Dieter Dehm, ihrem zeitweiligen Manager und Medienberater, persönlich telefonisch eingeholt.
Minimale Eingriffe von Kurt Masur
Für die Kürmusik, mit der die Sächsin letztlich den siebten Platz im Wettbewerb errang, so hieß es seinerzeit in vielen Zeitungen, habe der weltberühmte Orchesterleiter Kurt Masur gesorgt. Tatsächlich war jedoch Rainer Oleak, der heute in Hoppegarten sein Studio „Tonscheune“ betreibt, für die Musik verantwortlich. Eigentlich sei es aber nicht so geplant gewesen, erzählt er drei Jahrzehnte später. „Nicht ich, sondern jemand anderes sollte ursprünglich die Musik zur Choreografie schreiben. Und der berühmte Kurt Masur sollte sie mit seinen Leipziger Symphonikern einspielen. Ich sollte lediglich das akustische Demoband für den Choreografen machen.“

Eiskunstläuferin Katarina Witt aus Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) zeigt am 18.02.1984 bei den XIV. Olympischen Winterspielen von Sarajevo (Jugoslawien, heute Bosnien-Herzegowina) mit Erfolg ihren Kürvortrag.
Harry Melchert/dpaKati Witt, die Rainer Oleak schon aus DDR-Zeiten kannte, da der einst in der Band Datzu spielte, so wie ihr früherer Freund Ingo Politz, fand das gelieferte Arrangement der Pete Seeger-Melodie jedoch nicht gut. „Sie hat sich schweren Herzens entschieden, es nicht zu nehmen. Also habe ich mich an das Arrangement gemacht und in zwei Tagen hatte ich es fertig“, erinnert sich Oleak.
Emotional und technisch zugleich
Dass er mit Eislaufmusik bis dato keine Erfahrung hatte, habe sich nicht negativ ausgewirkt. „Die Struktur der Kürmusik hatte Kati ja vorgegeben. Es ging darum, dass sie gleichermaßen ihre emotionalen und technischen Fähigkeiten vorführen konnte. Ich wusste, nach 30 Sekunden kommt der erste Sprung, es muss einen Breakdown geben für den lyrischen Part und so weiter. Ich hatte also bis auf die Sekunde genau vorgegebene dramaturgische, dynamische Strukturen, die einzuhalten waren. Aber das kannte ich alles aus der Filmmusik schon ziemlich gut.“

Sein wichtigstes Arbeitsgerät: Rainer Oleak am Flügel. Der vielseitige Musiker arbeitet als Komponist, Produzent und Arrangeur.
Britta PedersenKati Witt sei jedenfalls begeistert gewesen und mit der Musik zum Choreografen nach Kanada geflogen. Anschließend seien sie zusammen mit Rainer Oleak nach Leipzig gefahren, wo sie Kurt Masur zu Hause empfangen habe. „Er hat sich das angehört, fand es wunderbar und sagte: Lasst es so, wir nehmen das nicht mit Orchester auf.“ Wie dieser Sinneswandel zustande kam? Nun, Masur habe gemeint, die Musik würde mit den Samples und Synthesizern besser wirken. Sie hätte etwas Artifizielles, so erzählt es Oleak. Er habe sich dann noch einen – heute sehr berühmten – Hornisten geholt, der damals noch Student war, um die Musik zu prägen.
Spitzenwerte in der B-Note
Der Auftritt von Katarina Witt im roten Kleid begeisterte das Publikum in der Halle und an den Bildschirmen weltweit. Zu ihnen gehörte auch Rainer Oleak, der ihr zu Hause die Daumen drückte. „Es war eine aufregende Angelegenheit.“ Die Kampfrichter werteten die Kür unterschiedlich. Die A-Note für die sportliche Leistung fiel eher mau aus, die B-Note für den künstlerischen Ausdruck hingegen sehr gut.

Äußerte sich anerkennend über Oleaks Bearbeitung seiner Melodie: Der US-amerikanische Folksänger und Friedensaktivist Pete Seeger (1919-2014), hier bei einem Auftritt im Jahr 2009 beim „New Orleans Jazz and Heritage Festival“
Skip BolenDie Musik hatte daran natürlich großen Anteil. In vielen Zeitungen stand, dass Kurt Masur die Musik gemacht habe. „Das klang natürlich besser als der Name Rainer Oleak, den wenige kannten. Kati hat das noch in einigen Talkshows geradegerückt, aber nun ja, was soll’s“, sagt Rainer Oleak. Immerhin bekam er von Pete Seeger die gebührende Anerkennung. „Ich habe heute noch zwei Postkarten von ihm aus Amerika, auf denen er die Idee und ihre Umsetzung lobte. Er wollte sogar die Rechte an der Musik mit mir teilen, aber sein Verlag sagte Nö.“
Legendäre Filmmusiken
Dass Rainer Oleak die Eislaufmusik zu einem der legendärsten sportlichen Auftritte von Kati Witt so gut hinbekam, hatte in der Tat viel mit seiner Erfahrung als Filmmusikkomponist zu tun. Die reicht lange zurück und trägt ihn bis heute. Oleak macht seit über 40 Jahren Filmmusik und hat in der Zeit an vielen interessanten Filmen mitgewirkt.
An historischen wie dem DDR-Fernsehfilm „Die Abenteuer eines Friedfertigen“, der während Zeit Französische Revolution spielt, bis zu „Frau Böhm sagt nein“ mit der großartigen Senta Berger sowie „Feuer und Flamme“, der im DDR-Punkmilieu spielt. Was ihm auch sehr gefiel, waren die ARD-Märchenfilme. „Das ist für Komponisten eine sehr dankbare Arbeit, weil man stilistisch total frei ist. Da kann man sich fast wie bei einer Oper oder Operette austoben. Bei Krimis ist das zum Beispiel anders. Da geht es heutzutage mehr um Sounddesign als Musik, die mit dem Film verschmilzt. Alles, was Musik ausmacht, Melodie, Harmonie, Dynamik, Modulation, kommt immer weniger vor.
Obwohl er an vielen „Tatort“- und „Polizeiruf“-Folgen mitgewirkt hat, guckt er selbst keine Krimis. „Ich gucke überhaupt kein Fernsehen und erst recht keine Krimifiction, weil die mir nichts gibt. Nur für den Thrill nehme ich mir keine Zeit. Ich will immer auch was lernen, meine Lebenserfahrungen erweitern. Viele Krimigeschichten sind ja sehr außerhalb des richtigen Lebens. Ich brauche das nicht, aber wenn andere Leute das mögen, ist das natürlich absolut okay.“
Von Puhdys bis Rockhaus – ein Spezialist für Ostrock
Insider kennen den 70-Jährigen zudem als Komponisten und Produzenten für Projekte wie „Ostrock in Klassik“ oder für Bands wie Rockhaus. Deshalb sei er jedoch kein nostalgischer Typ, betont er. Er gucke sehr nach vorn und wolle „immer wieder neue Knetkuchen backen“. Er arbeite auch gern mit jungen Leuten zusammen, hat viele junge Praktikanten in seiner Tonscheune. „Die kennen die Puhdys, mit denen ich auch viel zusammengearbeitet habe, gar nicht.“
In seiner Tonscheune arbeitete er seit dem Jahr 2000 auch an den Songs, die er als Musikverantwortlicher für die Störtebeker-Festspiele auf Rügen schrieb. Und hier hat er 2023 mit der Schauspielerin Katrin Sass auch das Album „Am Wasser“ eingespielt. Die auf ihrer Biografie beruhenden Liedtexte hat er nicht nur vertont, er begleitet die Sängerin auch live am Klavier. Wieder was ganz anderes.
