Otello klettert mühsam aus dem Orchestergaben – die wenigen Schritte auf die Bühne scheinen ein Berg zu sein. In glanzloser grauer Uniform wirkt er schon angeschlagen, bevor seine Liebe zu Desdemona in der Tragödie endet. Am Sonnabend feierte Giuseppe Verdis Oper Premiere am Staatstheater Cottbus und Jens Klaus Wilde sein Rollendebüt als Otello in einer bewegenden Inszenierung von Jasmina Hadžiahmetović.

Flimmernde Traumbilder und Meereswogen

Ein dürrer, blätterloser Baum, wie er für ein Stück von Samuel Beckett nicht trauriger sein könnte. Dahinter aber flimmern Traumbilder und Meereswogen, die auch mal das Orchester „überschwemmen“. Denn den Musikerinnen und Musikern unter der Leitung von Generalmusikdirektor Alexander Merzyn gehört die Hinterbühne, dem Chor der Rang. Das sieht gar nicht nach Corona-Lösung aus, umhüllt Zuschauer und Handlung aber mit Klängen. Die Bühne von Christian Robert Müller bietet für diese Verdi-Oper weder Exotik noch Prunk, sondern eine Stiege zu einem Balkon, der Julias sein könnte, links eine Art Schafott.

Das Orchester entzündet den Furor

Unter dem wandelt Desdemona (Tanja Christine Kuhn) herein, schon im Brautkleid, den Schleier aber noch im Arm. An ihrer Fast-Berührung mit Otello entzündet das Orchester einen Furor, der die kommenden Stunden tragen wird.
Aber in ihrer Inszenierung geht es der Regisseurin nicht um Ethnien, um Hautfarben, sondern um Männermacht und -kriege, um nutzlose Siege und die Kraft der Frauen. Und für Otello immer auch um den Wechsel zwischen privat und öffentlich. Jens Klaus Wilde macht das mit kleiner Geste deutlich: Mit offener Uniformjacke ist Otello er selbst, geschlossen zeigt sie den „Löwen von Venedig“.
Verliebt-verletzlich zu Desdemona: Jens Klaus Wilde (Otello) und Tanja Christine Kuhn (Desdemona)
Verliebt-verletzlich zu Desdemona: Jens Klaus Wilde (Otello) und Tanja Christine Kuhn (Desdemona)
© Foto: Marlies Kross

Jens Klaus Wilde gibt den Otello für den erkrankten Xavier Moreno

Der aber zweifelt zunehmend, an Rolle, Ruhm, vor allem an Desdemona. Jago (Andreas Jäpel, mit großer Stimme, im Spiel zu selbstgefällig) braucht nur, auch im Wortsinn, kurz zu zündeln und schon wankt für Otello der Boden, nein, die Welt. Jens Klaus Wilde, der in der Hauptprobe, die die Rezensentin sah, und bei der Premiere den Otello anstelle des erkrankten Xavier Moreno gab, zeigt das so eindringlich singend wie spielend überzeugend.
Gerade noch der Herrscher unter Männern, ist er verliebt-verletzlich zu Desdemona, die seine Schlachterinnerungen zart und kraftvoll verdichtet. Doch die Angst, die Wilde hier schon anklingen lässt, wird Otello bald bestimmen, Wut kommt dazu, nach Männerart: Er schlägt die Luft und meint Desdemona. Die aber hält ihm stand, mit großer Stimme und schmalem Körper.

Kein Mann-gegen-Frau-Szenario

Doch Hadžiahmetović baut hier kein Mann-gegen-Frau-Szenario auf, sondern ein feines Gespinst von Beziehungen und Widrigkeiten. Es ist nicht der als Fremder und Herrscher Beäugte und Beneidete, der zu Fall kommt, sondern der seiner selbst Unsichere. Und so kann Jago seine Intrige fröhlich vom Balkon aus schmieden, höhnt aber auch mit dunkel-stählerner Stimme den Tod. Jagos Werkzeug Cassio ist nett, aber ahnungslos; doch wenn Desdemona bei Otello für ihn bittet, weiß das starke Orchester schon mehr. Wenn sie schließlich, in den Dreck gestoßen, Qual und Wunden im Gesicht, aufrecht um Leben und Liebe klagt, trauert der Chor mit.
Dieser fulminante Beginn von Jasmina Hadžiahmetović als stellvertretender Operndirektorin ist so dicht und genau inszeniert, von Wilde und Kuhn so bewegend gesungen, dass man dem Paar ein Happy End wünscht. Doch das gibt es weder bei Shakespeare noch bei Verdi.

Alternierende Besetzung

Für die künftigen Aufführungen soll Xavier Moreno mit Jens Klaus Wilde in der Rolle des Otello alternieren. Ab Juli 2022 ist der spanische Tenor zudem als Don José in Märkis „Carmen“-Inszenierung zu sehen.

Spieltermine und Tickets

Die nächsten Vorstellungstermine sind am Sonnabend, 23. Oktober 2021, und Freitag, 12. November 2021, jeweils um 19.30 Uhr, sowie Sonntag, 28. November 2021, um 16 Uhr
Karten sind erhältlich im Besucherservice (im Großen Haus, Schillerplatz 1, 03046 Cottbus, Telefon: 0355 824 242) sowie online über staatstheater-cottbus.de.