Ostrock in Neuruppin: „Klassentreffen“ mit 15 Bands – wie der Start vom Festival war

Großer Andrang beim Klassentreffen der Ostmusik in Neuruppin - die Band Perl spielte im Hangar 312 auf
Eckhard HandkeDie Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Einen Hauch Woodstock-Feeling, hieß es im Vorfeld, solle das erste große Festivals unter dem Motto „Klassentreffen der Ostmusik“ verbreiten. Friedvoll, familiär, sozusagen „Love & Peace“ unter dem Zeichen eines alten, rosafarben und mit Friedenstauben bemalten MIG-Jagdflugzeugs auf dem Hangar 312 in Neuruppin.
Nun, klassisch woodstockmäßig wurde es nicht. Es regnete am Freitagabend nicht (mehr) und es gab keine Schlammrutschpartien von nackten Menschen. Auch die Verpflegungssituation war bestens. Es waren aber auch keine 500.000 Festivalbesucher da. Und unter den Anwesenden keine Amerikaner, sondern Deutsche, überwiegend Ostdeutsche. Klar, bei den Bands und bei der Ankündigung eines Ostmusik-Klassentreffens. Da kommen natürlich eher nur die, die früher in einer Klasse waren.
Über 15 Bands mit ostdeutschen Wurzeln
Anhang war in Neuruppin erlaubt, aber der blieb wohl eher fern. Die Festivalbesucher kamen hörbar und im Ergebnis einer nicht repräsentativen Befragung häufig aus dem gesamten ostdeutschen Raum. Was irgendwo logisch ist, wenn meist Bands auftreten, die sich vor über 40 Jahren gründeten. Sie ziehen halt ein Publikum an, dass mit ihnen zusammen groß geworden ist.
Über 15 Bands mit ostdeutschen Wurzeln gehören zum Line up des zweitägigen Open Air-Festivals in der Fontane-Stadt Neuruppin. Bands unterschiedlichster Stilrichtungen, von Power Rock und Blues über Jazz und Soul bis hin zu Punk. So einen Mix gibt es in der bundesdeutschen Festivallandschaft praktisch nirgendwo. Allein das macht das Festival sehr besonders. Wer so ein Experiment wagt, muss eigentlich darauf setzen, dass die Klammer „Ostmusik“ die bunte Truppe und das Publikum zusammenhält.
Am ersten Tag spielten unter anderem Rockhaus, Perl, Angelika Weiz, Zerfall sowie Pascal von Wroblewsky. Schnell zeigte sich, die Mixtur scheint zu funktionieren. Das Publikum wechselte zwischen den Bands hin und her, ohne einen Sympathieabfall erkennen zu lassen. Im Gegenteil, man staunte, dass dieselben Leute, die eben noch die jazzigen Songs von Pascal von Wroblewsky auf der einen Bühne gehört hatte, ein paar Minuten später den Punkrock von Zerfall feierrten – einer Band, die in der DDR verboten und deren Sänger Dirk „Kalle“ Kalinowski von der Stasi bespitzelt worden war.
Nicht das letzte Festival dieser Art, verspricht Christian Juhre
Dass die rund 1000 Besucher das Gelände zwar gut füllten, aber natürlich keinen Zuschauerrekord aufstellten, kann nur jene überraschen, die noch nie ein neues Festival auf die Beine gestellt haben. So etwas ist ein mühsames Unterfangen, Neuland zu betreten – auch wenn es um ältere Bands geht. Die Freude, die über dem Publikum vor den zwei Bühnen und auch über dem Backstagebereich lag, lässt jedoch vermuten, dass es von Erfolg gekrönt war.
Hangar 312-Besitzer Christian Juhre ließ durchblicken, dass 2025 nicht das letzte Festival dieser Art stattfinden würde. Die Atmosphäre, die er sich erhoffte, war entstanden. Auch sein Co-Veranstalter Mario Geyermann, ein Musikmanager aus Schöneiche, zeigte sich sehr erfreut über den positiven Zuspruch. An dem hatte er allerdings auch nicht ernsthaft gezweifelt. „Hier läuft nun mal die Musik, die die Jugendzeit vieler Ostdeutscher geprägt hat, und diese Zeit vergisst man in der Regel nicht. Egal, wo man lebt.“
Regelrecht ins Schwärmen über die Resonanz des Publikums kam Patrick Löser, der Vorsitzende des Vereins PopKulturOst e.V., der als Partner des Festivals auftritt. Er sah seine Vision, den Ostrock als eine Art winziges Weltkulturerbe zu erhalten, ein Stück weit der Realisierung nahe.
Von Rockhaus bis Stern-Combo Meissen war alles dabei
So weit dachten die auftretenden Musiker sicher nicht, aber die Genugtuung über den übergreifenden Zuspruch des Publikums war ihnen sehr anzumerken. Zerfall-Sänger Dirk Kalinowski freute sich, dass er mit seiner Band obwohl als einzige ohne in der DDR übliche „Einstufung“ so begeistert aufgenommen wurde. Angelika Weiz schien ebenso glücklich, dass ihre englischen Beatles-Adaptionen so toll ankamen und ihr Song „Come together“ geradezu symbolisch dafür stand. Die Stern-Combo Meissen ließ Progrockfans in Erinnerung schwelgen und Rockhaus versetzten die Fans in die mittleren 1980er. Ohne „Bonbons und Schokolade“, sondern mit seriösem Junge-Leute-Rock („Ich lieb dich“), der auch heute nicht peinlich ist.
Das „Klassentreffen der Ostmusik“ findet noch heute, am 28. Juni in Neuruppin, im Hangar 312 auf dem ehemaligen Militärfluggelände statt (12 bis 22 Uhr). Es stehen Silly, Karrussel, Chicorée, Modern Soul Band, Jonathan Blues Band, Klosterbrüder, Berluc und MTS auf dem Programm. Tickets (55 Euro) gibt es direkt am Hangar 312, Hugo-Eckener-Ring 40, 16816 Neuruppin, oder online unter www.hangar-312.de









