Podcast „Wissen mit Johnny“: Bildung und Medien – was läuft an Schulen schief?

Der Wissenspodcast „Wissen mit Johnny“ feiert einjährigen Geburtstag – Zeit, um mit dem Gesicht hinter den Kulissen über Fake News und veraltete Bildungskonzepte zu sprechen.
Claus LiesegangDas neue Schuljahr startet in Kürze und es herrscht weiter Lehrermangel. Auch gelten Lehrmethoden als veraltet, zudem fehlt Medien- und Informationsbildung immer noch weitestgehend in den 16 Lehrplänen unseres förderalen Bildungssystems. Der Podcast des Content Creator Johnny zeigt indes, dass es einen riesigen Durst nach Bildung gibt. „Wissen mit Johnny“ wird jede Woche über 400.000 Mal gehört und heruntergeladen. Seinem Host Johnny, der seinen richtigen Namen gerne aus der Öffentlichkeit heraushalten möchte, folgen auf Instagram, TikTok, Snapchat, YouTube und Whatsapp fast drei Millionen Menschen. Macht die Schule schlicht etwas falsch?
Johnny, Dein Podcast feiert Ende August ersten Geburtstag. 50 Folgen sind erschienen. Aber angefangen hast Du nicht mit Wissensvermittlung, sondern mit Comedy. Woher kam der Sinneswandel?
Angefangen hat alles, als ich vor 13 Jahren Animateur auf Fuerteventura war und viel Spaß am Quatschmachen hatte. Trotzdem wollte ich schon immer mal ein Quiz moderieren, das einen Mehrwert bietet. Da ist dann die Idee entstanden, das auf Social Media zu machen. Der Einstieg mit Späßen ist in den sozialen Medien allerdings wesentlich einfacher.
„Wissen mit Johnny“ gibt es jetzt ein Jahr. Wie hast Du den Geburtstag gefeiert?
Mit Arbeit. Exakt am ersten Geburtstag kam unsere 50. Folge raus. Da haben wir gesagt, die Community kann 50 Fragen stellen, die wir zusätzlich beantworten. Und wir hatten erstmals eine Live-Show – und damit genug zu tun.
Du sprichst von „wir“. Wie groß ist das Team, das hinter Dir steht?
Mittlerweile sind wir neun Personen. Für die Recherche sind dreieinhalb Stellen entstanden; zwei Kollegen, ein Minijobber und ich.
Recherchiert Ihr ausschließlich im Internet oder nutzt Ihr auch noch Bücher?
Nur im Internet. Bücher haben ein Problem. Die Autoren und Autorinnen müssen für die Verlage meistens eine Mindestseitenzahl erfüllen. Das führt dazu, dass die Abbruchimpulse für die Leser hoch sind. Man muss sich zum Beispiel erstmal durch eine zwölfseitige Einleitung kämpfen, in der neun Leute gegrüßt werden und erklärt wird, warum dieses Buch gerade entsteht. Ich übertreibe bewusst. Aber damit ist das Buch für mich ein Medium, das mir seinen Inhalt nicht mehr so vermittelt, wie ich das im Wettbewerb mit anderen Medien zeitgemäß finde.
Die zeitgemäße Vermittlung von Bildung ist genau das richtige Stichwort. Wie blickst Du als 32-jähriger Content Creator auf Schule und unsere 16 Bildungssysteme?
Da meine eigene Schulzeit schon etwas zurückliegt, bin ich nicht so ganz tief drin, was aktuell in den Schulen passiert. Aber viele meiner Podcast-Hörerinnen und -hörer schreiben mir über ihre Schulzeit und beklagen, dass es dort absolut Defizite gibt. Unterrichtsinhalte werden nicht mehr zeitgemäß gelehrt, Frontalunterricht dominiert immer noch. Da braucht es einen neuen Trend. Ich finde, man sollte sowohl die Unterrichtsinhalte anpassen, wie auch die Art und Weise, wie diese vermittelt werden. Dabei muss die Schule berücksichtigen, wie die Schülerinnen und Schüler die Inhalte heute konsumieren.
Hältst Du das aktuelle Schulsystem für veraltet?
Die Frage bekomme ich auch von Eltern unter meinem Podcast häufig gestellt. Die Antwort ist ja. Die Challenge für die Schule ist, junge Menschen so zu animieren, dass sie Bock auf Bildung haben.
Geben Lehrer Feedback?
Ja, deren Feedback ist uns besonders wichtig. Manche Lehrer sagen uns: „Wir geben Deine Podcast-Folge als Hausaufgaben auf.“ Weil sie dann davon ausgehen können, dass zumindest die Hälfte der Klasse diese Hausaufgabe auch erledigt, entsteht für den folgenden Austausch über das Thema eine ganz andere Diskussionsgrundlage, als ohne den Podcast. Ich glaube, das ist für die Schule entscheidend. Ich persönlich habe zu meiner Schulzeit viel weniger diskutiert, als ich es mir gewünscht hätte. Vieles wurde einfach angesagt: Das ist so und mach jetzt. Ich hätte aber gerne mal debattiert, ob ich lieber im Mittelalter gelebt hätte oder im Römischen Reich. Das sind doch spannende Gedanken.
Ihr bindet Euer Publikum bei der Themenfindung für den Podcast ein. Wäre das auch ein Modell für die Schule?
Bei uns können die Hörerinnen und Hörer jede Woche aus sechs Themen wählen, die wir zur Auswahl für die nächste Folge anbieten. Diese Abstimmung ist für uns sehr nützlich, um herauszufinden, für welches Thema es Bedarf gibt. Außerdem kann man uns Ideen in die Kommentare schreiben. Eins zu eins auf die Schule übertragbar ist das natürlich nicht. Aber die Beteiligung erhöht natürlich die Aufmerksamkeit. Und letztendlich geht es ja auch in der Schule darum, dass etwas hängen bleibt, und nicht nur darum, dass der Lehrplan abgearbeitet wird.
Handys, also die Hauptkommunikationsmittel, sind im Unterricht in der Regel verboten. Andererseits besitzen viele Kinder schon im Grundschulalter eines. Ist es ein Fehler, dass die Schule sie nicht viel stärker als Bildungswerkzeug interaktiv nutzt und den Umgang damit vorher ausbildet?
Das ist definitiv ein Fehler. Dazu kommt ja, dass alles, was verboten ist, nur neugieriger macht. Der intelligente und bewusste Einsatz des Geräts ist entscheidend. Statt Verboten braucht es Aufklärung – gerne mit Unterstützung von Psychologinnen und Psychologen, die erklären, was eine hohe Bildschirmzeit mit unseren Gehirnen macht. Medienkompetenz ist da der Schlüssel. Das Smartphone ist einer der größten Game Changer der letzten Jahrzehnte, aber wir nutzen es oft destruktiv.
Wie meinst Du das? Plädierst Du für eine Medien-Ausbildung? Schon ab der Grundschule?
Eine Ausbildung wäre unfassbar wichtig, auch wenn es aktuell wohl viel zu wenige Ausbilder gibt, oder bei den Lehrenden zu wenig Medienkompetenz. Aber Eltern, Lehrkräfte, Menschen mit einer psychologischen Ausbildung oder Medienexpertinnen und -experten müssen wenigstens Gespräche mit den Kindern führen, in denen sie auf die Gefahren, aber auch auf die Chancen des Internets und der Sozialen Medien hinweisen. Es gibt ja für viele Apps spezielle Kindermodi. Aber aktuell werden die Kinder sowohl mit der Technik der Smartphones und Tablets, wie auch mit dem Content alleingelassen. Wenn sich ein Zwölfjähriger schlimme Kriegsbilder aus der Ukraine anguckt, dann haben wir echt ein Problem.
Haben also Bayerns CSU-Ministerpräsident Markus Söder und Cem Özdemir von den Grünen, der in Baden-Württemberg Ministerpräsident werden will, recht, die Social Media für unter 16-Jährige verbieten wollen? Oder muss Medienbildung einfach in allen 16 Bundesländern in die Lehrpläne?
Verbote sind Quatsch, wie gesagt. Wir wissen seit der Prohibition, dass sie nicht funktionieren. Vielmehr brauchen wir unbedingt Medienbildung. Wir bauen uns ja mit der Schulbildung ein System auf, deren Menschen irgendwann auf ihren Rücken unsere Gesellschaft tragen. Wenn wir hier Fehler machen oder es unterlassen, Medienkompetenz korrekt zu vermitteln, bekommen wir ein soziales Problem.
Heißt das, wir brauchen quasi einen Social Media-Führerschein?
Im Prinzip ja. Viele kommen auf mich zu, weil sie mit TikTok überfordert sind. Ich hätte mir schon als Schüler gewünscht, dass wir uns auch mal einige Zeit lang mit Medien beschäftigen, statt nur Monate lang zum Beispiel über das Römische Reich zu reden.
Ohne Medienbildung sind Jugendliche im Internet auch Fake News und Verschwörungstheorien ausgesetzt. Hältst Du das für gefährlich?
Das ist eine Riesengefahr. Es gab meines Wissens kürzlich eine neue Pisa-Studie, die besagt, dass die aktuelle Generation, die viel Social Media benutzt, auch die Generation ist, für die es am schwierigsten ist, Falsches und Wahres zu unterscheiden. Deswegen ist es umso wichtiger, dass es immer mehr Formate gibt, die Wissen mit seriösen Quellenangaben vermitteln.
Wie arbeitet Dein Team, damit alle Informationen stimmen und korrekt sind?
Es ist unglaublich wichtig, dass man den Leuten die Recherche offenlegt und erklärt, auf welchen Quellen der Inhalt basiert. Wir setzen auf ein Mehrquellenprinzip und nutzen pro Information, die wir verwerten, in der Regel drei bis vier verschiedene Quellen. Hinzu kommt, dass der Podcast in Zusammenarbeit mit Radio Fritz vom rbb, also mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, produziert wird. Da gibt es ein eigenes Ressort, das unsere Inhalte, die wir schon überprüft haben, noch mal checkt.
Nutzt Ihr auch Künstliche Intelligenz?
Da sind wir sehr vorsichtig. Wir wissen, wie sehr KI halluziniert, also Falsches entstehen lässt. Dadurch wurde schon mal erzählt, dass Angela Merkel mit 18 Jahren Judo-Weltmeisterin in Kasachstan war. Und sofort gibt es Kanäle und Webseiten, die das in die Welt posten.
Weißt Du, ob Menschen Deinen Podcast meiden, weil Ihr mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk zusammenarbeitet, der ja wie viele andere etablierte Medien – wir auch – oft als Mainstream-Medien oder Lügenpresse kritisiert und tituliert wird?
Das hält sich Gott sei Dank in Grenzen. Ich kann mich an vielleicht fünf Kommentare erinnern, die in diese Richtung gingen, und wir kriegen aktuell 4000 Kommentare pro Folge. Die Öffis verändern sich eben auch, und das merken wir schnell im Umgang mit uns.
Lasst Ihr besonders kritische oder problematische Themen bewusst aus? Ich denke zum Beispiel an die Corona-Pandemie.
Nein, Themen, an die wir uns aktuell noch nicht herangewagt haben, sind eher die aktuellen großen Kriege in der Ukraine und in Gaza. Diese Konflikte in eine komprimierte halbstündige Folge zu packen, in der alles beleuchtet wird, was relevant ist, das ist in meinen Augen nicht möglich, ohne Menschen unnötig zu emotionalisieren. Dafür sind wir noch nicht kompetent genug.
Kompetent seid Ihr aber offenbar, ein Kunststück hinzukriegen: Die Aufmerksamkeitsspanne der Gen Z liegt laut Studien bei rund 20 Sekunden, bevor auf dem Smartphone weitergescrollt oder -gewischt wird. Warum hört Dir dieselbe Altersgruppe 30 Minuten lang zu und lechzt danach schon nach der nächsten Folge?
Ich glaube, Podcasts sind meistens Nebenbei-Medien. Man nimmt mich also wahr, während viele nebenher noch etwas Anderes machen. Manche Leute schreiben mir, „ich höre Deinen Podcast immer, wenn ich gerade einen Film gucke und Hausaufgaben mache“. Das ist Multitasking.
Andererseits versuchen wir in dem Podcast natürlich auch, dass keine Langeweile aufkommt. Wir machen es also auch im Mittelalter so spannend, dass du dabeibleibst. Auch aus diesem Grund haben wir eine niedrige Absprungrate.
Ist es nicht trotzdem so, dass, wie in vielen anderen Medien, Crime, Katastrophen und Promis besonders gut laufen?
Absolut. Die klassischen Klatschthemen, würde ich mal behaupten, funktionieren sehr gut. Aber die Folge mit den mit Abstand meisten Hörenden ging über den Zweiten Weltkrieg. Das ist sehr auffällig, weil es ein sehr großes Schulthema ist, auf das wir viel Feedback bekommen haben. Viele schrieben sinngemäß: Ich habe keinen Bock, mich durch 15 bis 25 Seiten Geschichtsbuch zu quälen. Aber nachdem ich Deinen Podcast gehört hatte, konnte ich im Unterricht mitreden.
Du bist jetzt 32 Jahre alt. Wie lange kannst Du den Podcast noch machen?
Die Frage kam witziger Weise auch von meinen Eltern. Als ich in die Social-Media-Welt gegangen bin, hieß es, Content Creator und Influencer sind Mitte 20. Was willst du also mit 40 machen? Ich glaube, das ist ein Wahrnehmungsfehler, weil die Konsumenten und Konsumentinnen mit den Produkten mitwachsen. Wenn ich also irgendwann Mitte 40 bin, dann, so ist unsere Hoffnung, konsumieren die Menschen, die uns mit 20 gehört haben und nun 30 sind, unsere Inhalte immer noch gerne.
Aber es muss dennoch jemand nachrücken, der dann in einem möglicherweise neuen Format die 15 bis 25-Jährigen erreicht.
Korrekt. Deswegen sehen wir uns auch perspektivisch in einer Inkubatorenrolle. Wir sind quasi der Brutkasten für den nächsten jungen Menschen, der vielleicht in zehn Jahren dann das neue Glock Glock, oder wie das Format sonst heißen mag, erklärt, also das, was heute TikTok ist.
Wie wäre es mal mit einer Folge zum Thema: Wie werde ich Influencer? Gibt es da eine Nachfrage?
Gott sei Dank ist die geringer, als ich dachte. Ich war vor zwei Jahren mal an einer Schule und habe versucht, mit den jungen Leuten in den Austausch zu gehen. Da wollten die wenigsten TikToker werden. Ich glaube, der Alltag als Content Creator wird heute deutlich weniger romantisiert als noch vor über zehn Jahren, als alles angefangen hat und „Fack ju Göhte“ mit diesem Thema in die Kinos kam. Trotzdem möchte ich irgendwann eine Spezial-Folge herausbringen, in der ich erkläre, wie ich da hingekommen bin und wo ich jetzt bin. Denn daraus kann man eine ganze Menge lernen.
Jetzt machst Du uns aber neugierig. Verrätst Du schon etwas mehr?
Als ich meinen Bachelor in BWL in der Hand hatte, stand ich vor einer riesigen Klippe und habe auf einmal gemerkt: Krass, du hast dir eigentlich die letzten sieben Jahre gar keine Gedanken darüber gemacht, was und wohin du willst. Da befand ich mich auf einmal in der Betriebswirtschaftswelt, war für unterschiedliche Unternehmen im Marketing und im Vertrieb tätig und wollte das gar nicht. Das hat mich in eine unfassbar tiefe Depression geworfen, und ich musste in Therapie. Das alles hat mir aber extrem geholfen, an den Punkt zu kommen, an dem ich jetzt bin. Mentale Gesundheit ist ein so wichtiges Thema. Das Wissen würde ich sehr gerne jetzt schon an die 12- bis 14-Jährigen weitergeben.
Würdest Du sagen, dass das Bild der Top-Influencer und Promis verklärt ist?
Das größte Problem ist der Star-Status und die damit verbundene Wahrnehmung. Wenn irgendeiner der Riesen-Influencer auftritt und die Leute schreien, denkt sich vielleicht eine kleine, zarte 13-jährige Seele: „Boah, es wäre schon cool, berühmt zu werden.“ Die Schattenseiten werden aber wenig beleuchtet, und du kannst auch ganz schnell wieder weg von der großen Bühne sein. Ich bin sehr dankbar dafür, dass mir das alles erst nach dem Bachelor passiert ist, als ich das Tief überwunden und eine persönliche Reife entwickeln konnte. So war ich mit mir selbst im Reinen und kann Erfolg genießen, ohne dass ich komisch werde. Die eigene Charakterentwicklung ist extrem wichtig. Damit das so bleibt, trete ich auch nur unter meinem Spitznamen Johnny auf, halte meinen richtigen Namen aber vertraulich, auch wenn man ihn wegen der Indiskretion eines anderen Mediums googeln kann.
Du sagst am Ende des Podcasts immer: Für weniger Wissen entfolgt uns. Warum?
Ich glaube, ich hatte schon immer den Drang, alles anders zu tun, als gewöhnlich. Jeder andere Podcast endet mit den Worten: „Für mehr Videos abonniert uns, oder für mehr Wissen folgt uns.“ Wir haben es einfach mal umgedreht. Man braucht heutzutage Catchphrases. Es muss also irgendein Spruch nur mit dir verbunden sein, um für immer im Gehirn zu bleiben.



