Politrock: Der Sound zur Revolte - Ton Steine Scherben
„Das war fulminant“, erinnert sich R.P.S. Lanrue. Der heute 70-Jährige hat Ton Steine Scherben zusammen mit dem 1996 gestorbenen Reiser gegründet. Ralph Peter Steitz (Lanrue) und Ralph Christian Möbius (Reiser) verbindet eine Menge, nicht nur Zufälle wie der identisch geschriebene bürgerliche Vorname und die im selben Jahr nur fünf Tage auseinander liegenden Geburtstage.
Im hessischen Nieder-Roden laufen sie sich 1966 über den Weg. Lanrue braucht einen Gitarristen und lässt Reiser einen Stones-Song vorspielen. Den singt er auch gleich noch. Passt! Als Beat Kings und De Galaxis spielen sie Coversongs und erste eigene Lieder. 1967 ziehen sie nach West-Berlin und schreiben 1969 „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ für das Theaterstück „Rita und Paul“. Der Song hat direkten Bezug zum Stück. „Da wurde jeden Abend ein Fernseher mit einem Rechtsextremen zertrümmert“, erinnert sich Lanrue.
Zwischen Raunen und Schreien
Kurz darauf gründen Reiser und Lanrue mit dem Bassisten Kai Sichtermann und dem Schlagzeuger Wolfgang Seidel Ton Steine Scherben. Im Lauf der Jahre wird es zahlreiche Wechsel in der Besetzung geben. Für „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ und „Wir streiken!“ geht es in ein kleines Studio, mit den Songs ist die erste Single fertig.
Im Original hat „Macht kaputt“ fast zwei Minuten Vorspiel, nach leicht sphärischen ersten Klängen folgt ein zunehmend aggressives Crescendo mit einem unverwechselbaren Gitarrenriff von Lanrue. Dazu die Stimme von Reiser, irgendwas zwischen Raunen und Schreien: „Radios laufen, Platten laufen, Filme laufen, TVs laufen, Autos kaufen, Häuser kaufen, Möbel kaufen, Reisen kaufen – Wofür? Macht kaputt, was euch kaputt macht.“
Die Scherben liefern auf drei Alben den Sound der Revolte: „Ich will nicht werden, was mein Alter ist“ steht für den Generationenkonflikt, der „Rauch-Haus-Song“ ist Begleitung für Hausbesetzungen, „Keine Macht für Niemand“ steht für den Drang zu Freiheit und Anarchie.
Vieles von der Playlist zum Kampf gegen das Establishment spielt sich in Kreuzberg ab. Im geteilten Berlin ist der Bezirk wie getrennt vom Leben des restlichen Westteils der Stadt. Die Scherben sollen bei vielen Events spielen. Die Gagen sind bescheiden. Reiser, Lanrue und andere Musiker leben am „T-Ufer“, eine Kommune am Tempelhofer Ufer. Offenes Haus. Viel Besuch, unangemeldete Eindringlinge, Polizeirazzien. All das wird Reiser und Lanrue Mitte der 70er zu viel. Die Scherben ziehen nach Fresenhagen in Nordfriesland, wo das vierte Album, "IV“, entsteht. Darauf: wenig Paroliges, dafür musikalische Experimente zwischen sphärischen Klängen und Punk. „Mein Lieblingsalbum“, sagt Lanrue.
Im Gründerjahr der Politband formiert sich auch die Rote Armee Fraktion. Besuch von RAF-Leuten in der Berliner Scherben-Kommune ist keine Seltenheit, erinnert sich Lanrue. Trotzdem steckt aus Sicht des Musikers „nicht viel“ RAF in Ton Steine Scherben. „Wir haben immer unser eigenes Programm gemacht“, sagt Lanrue. Bewaffneter Kampf und blanker Terror gehören nicht dazu.
Infos:www.scherben.net

