45 Minuten hatte der Wettergott seinen Auftritt, samt grandiosem Regenbogen über der barocken Stiftskirche in Neuzelle. Dann durfte die Kunst übernehmen, und was Organisator Tilman Schladebach versprochen hatte, bewahrheitete sich: Es blieb trocken, bis gegen halb zwölf das Ensemble vom Publikum mit nicht enden wollendem Jubel verabschiedet wurde.
Es war kein leichter Stoff, den sich das ins 21. Jahr gehende Musikfestival, das die Stiftung Stift Neuzelle gemeinsam mit der Burg Beeskow veranstaltet, in diesem Jahr ausgewählt hat: Georg Friedrich Händels Oratorium „Der Triumph von Zeit und Wahrheit“, früh begonnen, mehrfach überarbeitet, schließlich das letzte Werk, an dem er kurz vor seinem Tod 1757 noch gearbeitet hat. Halb Barock, halb schon Frühklassik, mit Chören, Rezitativen, Arien, Orchesterstücken, und vor allem: hoch allegorisch. Es treten auf: Zeit und Wahrheit, Schönheit, Vergnügen und Betrug, die sich in wechselnden Konstellationen zusammenfinden und wieder trennen.
Liebespaar: Schönheit (Marie-Audrey Schatz) und Zeit (Maksymillian Skiba) in Händels "Der Triumpf von Zeit und Wahrheit" in Neuzelle.
Liebespaar: Schönheit (Marie-Audrey Schatz) und Zeit (Maksymillian Skiba) in Händels „Der Triumpf von Zeit und Wahrheit“ in Neuzelle.
© Foto: Bernd Geller
Klingt abstrakt und hoch moralisch, und auch Schladebach kann nicht umhin, ein paar Gedanken zur Rolle von Wahrheit und Betrug in Zeiten von Krieg und Fake News anzuschließen. Doch in der spielfreudigen Darstellung der jungen Sängerinnen und Sänger aus Deutschland, Frankreich, Polen, Südkorea und der Ukraine wird aus Händels Vorlage ein lockeres Beziehungsdrama von heute.

Über allem schwebt die Wahrheit

Da sind Schönheit und Zeit ein Paar in der Krise, er, der Bariton Maksymillian Skiba, sieht voll Melancholie die Reize seiner Liebsten mit den Jahren schwinden, sie, die französische Sopranistin Marie-Audrey Schatz, sucht Zerstreuung in Affären, zu denen sie Vergnügen (der südkoreanische Tenor Kyoungloul Kim) und Betrug (Sopranistin Antonia Schuchardt) verlocken. Und über allem steht die Wahrheit, anrührend dargeboten von der hochgewachsenen, dunkel timbrierten Mezzosopranistin Julia Helena Bernhart.
Der Klosterhof in Neuzelle ist einmal mehr eine ideale Bühne, einschließlich Vogelgesang und Fledermäusen. Und Regisseur Lars Franke hat starke Bilder gefunden: Man paradiert in den aparten Kostümen von Frauke Bischinger, über einen Laufsteg, der sich im zweiten Teil zu einer langen Tafel für ein rauschendes Fest verwandelt. Am Ende ist die Bühne zum Friedhof geworden, die Kreuze zu Kleiderständern, wie sich Ästhetik überhaupt wechselt zwischen christlicher Symbolik und Fantasy. So trägt die Zeit zwei Totenköpfe auf der Schulter, und die Wahrheit schwarze Flügel. Am Ende, zum großen Finale, erscheinen dann alle in Weiß.

Musiker:innen und Sänger:innen im Dialog

Das Alte-Musik-Ensemble capella vitalis berlin unter Leitung von Bettina Rohrbeck ist ebenbürtiger Partner, wenn Violine oder Bläser solistische Gegenparts für die Sängerinnen und Sänger werden und in den musikalischen Dialog treten. Da ist viel Liebesleid im Spiel, wenn der höchst expressiv agierende Kyoungloul Kim der Schönheit hinterherschmachtet und von der durch die Konfrontation mit Zeit und Wahrheit gereiften Marie-Audrey Schatz am Ende verlassen wird. Auch Antonia Schuchardt ist keineswegs nur Verführerin, sondern Freundin und ebenbürtige Spielmacherin.
Für die berühmte Arie „Lass mich mit Tränen mein Los beklagen“ gibt Julia Helena Bernhart schließlich die Rolle und ihre schwarzen Flügel und die Dornenkrone der Wahrheit an die Hamburgerin Nora Kazemieh ab. Und am Ende, als Marie-Audrey Schatz tatsächlich den irdischen Vergnügungen entsagt und sich fast flüsternd, in zartesten Pianotönen, der Wahrheit und der Tugend verschreibt, ist es muchsmäuschenstill im Klosterhof. Am Ende siegt hier also doch nicht Zeit oder Wahrheit, sondern die Schönheit - vor allem die Schönheit der Stimmen.

Vorstellungen und Tickets

„Der Triumph von Zeit und Wahrheit“, Oper von Georg Friedrich Händel
Kreuzhof im Kloster Neuzelle: 22./23. Juli, 28./29./30. Juli, Beginn jeweils um 20 Uhr
Burghof Burg Beskow: 5. August und 6. August, Beginn jeweils um 20 Uhr
Karten: Die Eintrittskarten kosten an den Vorverkaufsstellen 27,50 Euro plus Gebühren, im Internet 31,25 Euro plus Gebühren.
Vorverkauf: Besucherinformation Neuzelle, Burg Beeskow, www.reservix.de, alle an Reservix angeschlossenen Vorverkaufsstellen