Rainald Grebe 2023
: Konzert und Party, Trauer und Glück – der Abend in der Waldbühne Berlin

Von Geburt bis an die Bahre – Rainald Grebe zelebriert in der Waldbühne Berlin den Lebensrückblick als melancholisches Großspektakel – mit jeder Menge Unterstützung von Freunden.
Von
Christina Tilmann
Berlin
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Nicht mehr Indianerkrone, sondern Waldblätter: Rainald Grebe beim Konzert ·Halleluja Berlin · Das Konzertspektakel· in der Waldbühne.

Annette Riedl/dpa

Die erste Schrecksekunde gibt es nach gut einer halben Stunde. Bis dahin war Vorprogramm, mit Videogrüßen von Bodo Wartke oder Olaf Schubert und der Turnerriege der Berliner Turnerschaft 1863, und eben intonieren die Köllnitzer Jagdbläser ihr Lied, da tritt Tontechniker Franz Schumann ans Mikro, unterbricht die Musik und erklärt: Man habe ja gestern und heute geprobt, es sei alles gut gewesen, jetzt sei er eben noch mal in der Künstlergarderobe bei Rainald gewesen und müsse sagen: Es geht nicht. Er wolle ja unbedingt, aber ... Und schon wird der Kabarettist und Liedermacher im Bett auf die Bühne befahren, sichtlich geschwächt, und startet mit einem eher wilden Medley aus „Volkslieder singen“.

Zum Glück nur Show. Noch mehrfach im Verlauf des gut vierstündigen Abends wird Grebe, der 2014 an der Autoimmunerkrankung Vaskulitis erkrankte und schon mehrere Schlaganfälle erlitt, seinen Gesundheitszustand thematisieren, bereitgehaltene Krücken wütend beseiteschleudern, aus dem Rollstuhl kippen und bei einem vermeintlichen Schwächeanfall von Ärzten versorgt werden.

Und, nein, inszeniert und Show ist das alles nicht, die Krankheit ist real, die Schwäche auch, die den Liedermacher immer mal wieder zum Pausieren treibt und ihm, wenn später am Abend unzählige Handyleuchten und Feuerzeuge zu „Knocking on Heavens Door“ im weiten Rund erstrahlen, Tränen in die Augen treibt.

Schrecksekunde: Rainald Grebe spielt einen kranken Mann bei seinem Konzert ·Halleluja Berlin · Das Konzertspektakel· in der Waldbühne.

Annette Riedl/dpa

Es ist ein melancholisches Fest, das Grebe in Wiederholung eines Auftritts von 2011 sich und seinen rund 10.000 versammelten Fans noch einmal schenkt. Nicht mehr Hüpfburg und Kindergeburtstag, auch wenn zu Beginn Kinder Luftballons in den Himmel steigen lassen, eher Lebensrückblick mit vielen Freunden. Da kommt sein Lehrer Hans Krüger ebenso zu Wort wie der Köllnitzer Forstoberinspektor Peter Schwarz, für dessen wiederaufzuforstenden Wald Grebe einen Euro pro Konzertkarte als Spende aufruft.

Trailer zum Konzert „Halleluja Berlin“:

Ein Waldkonzert in der Waldbühne

Überhaupt: Wald ist in der vom Liedermacher so geliebten Waldbühne, in der er sich noch an das letzte Leonard Cohen-Konzert erinnert– „ich saß ganz weit weg, da oben“ – so etwas wie das Generalthema. Die Musiker der Anarchistischen Musikwirtschaft tragen Zweige auf dem Kopf, auch Grebe tauscht seinen Indianerkopfschmuck gegen eine Laubkrone ein, und die Singing Shrinks, der Chor der singenden Psychiater, Neurologen und sonstigen Ärzte aus der Charité, die als Backgroundsänger fungieren, treten ebenfalls belaubt auf.

Es ist, wie angekündigt, ein großes Spektakel, durchaus auch mit verstolperten und verpatzten Einsätzen, aber mit unendlicher Hingabe vorgetragen. Über 20 Songs in knapp vier Stunden wird Rainald Grebe singen, die Klassiker von „Prenzlauer Berg“ über „Multitasker“ bis zu „Oben“, zu dem er sich eine Krone als „kulturelle Aneignung“ aufsetzt. Dazu gibt es Puppenspiel, Jagdbläsereinlagen das Gregor Schwellenbach Streichquartett aus Köln als Begleitung zur „Flugbegleiterin“.

Kulturelle Aneignung: Rainald Grebe gibt den King bei seinem Lied „Oben“ beim Konzert ·Halleluja Berlin · Das Konzertspektakel· in der Waldbühne.

Annette Riedl/dpa

Unterstützung kommt von Kollegen wie der witz- und stimmgewaltigen Anna Mateur, die ebenso mit einer bösen Sachsen-Parodie brilliert wie dem triumphalen Überlebenssong von Gloria Gaynor, „I will survive“. Bodo Wartke kokettiert damit, dass er immer für Grebe gehalten werden, und bietet ein virtuos-mehrsprachiges „Liebeslied“ (einschließlich Finnnisch und Latein). Und Stargast Alligatoah bietet im Zugabenteil das ultimative „Trauerfeier Lied“ - weil Rainald sich von ihm doch ein lustiges Lied gewünscht habe.

Auch Alligatoah gibt sich die Ehre

So zieht sich durchaus ein schwarzer Faden durch den Abend, von den mexikanischen Totenkulten zu Beginn bis zu dem schönen, herzzerreißenden, von Grebe und Alligatoah als Duo dargebotenen Lied „Der Rabe“. Die Party, daran ist kein Zweifel in diesem melancholischen Rückblick, ist fast vorbei – ein Grund mehr, sie noch einmal richtig ausgelassen zu feiern, als richtig „geile Fete“.

Am Ende, als aus Waldschutzgründen ein Feuerwerk untersagt wird, gibt Hans Krüger, den Grebe als seinen Lehrer bezeichnet, daher ein dadaistisches Holzfeuerwerk unter Beteiligung des Publikums zum Besten – und der Abend endet stilgerecht mit „Brandenburg“, diesmal allerdings in der sorbischen Variante. Und dann ist es „Zeit zu gehen“.