Reiseführer: Aus Spaß am Verreisen - zwei Berliner gründen Buchverlag
Trotzdem haben sie im Herbst 2018 den in Berlin beheimateten Verlag Reisedepeschen gegründet. Er veröffentlicht ausschließlich zum Thema Reise und zwar in ausgesucht schöner Optik und Haptik – Feinkost für Buchliebhaber. Die Idee sei ihnen im Buchladen beim Blättern in Reiseführern gekommen, sagt Johannes Klaus; die Bilder seien oft nicht sehr einladend fotografiert, die Struktur zäh, das Papier billig – der Eindruck sei jedenfalls gewesen: „Da kann man mehr daraus machen“, wie es der gelernte Grafikdesigner diplomatisch ausdrückt. „Reisen ist etwas sehr Schönes – die Bücher, mit denen man sich darauf vorbereitet, sollten auch schön sein“, findet er.
Reisen als Leidenschaft
Das Reisen ist die große Leidenschaft von beiden – und hat sie zusammengeführt. Klaus kündigt 2010 seine Anstellung in einer Agentur, um monatelang auf Weltreise zu gehen; auf der Verlagshomepage heißt es selbstironisch „nach gängigen Klischees verändert so eine Reise das Leben (und das tat sie auch)“. Der Blog über seine Erlebnisse gewann den Grimme Online Award, er machte dann aus Reisedepesche.de eine Autorenplattform und gab mehrere Bücher heraus. Hillmer, die Literatur studiert hat, führte, natürlich, ebenfalls einen Reiseblog und veröffentlichte das Buch „111 Gründe, um die Welt zu reisen“. „Die Blog-Szene war damals noch unschuldiger, sehr überschaubar, man hat sich rasch auch persönlich kennengelernt“, erzählt Klaus. Mittlerweile leben die Hamburgerin mit griechischen Wurzeln und der Mannheimer gemeinsam in Berlin und haben zwei kleine Töchter.
Woher kommt ihr Mut, in einer Zeit des Verlagssterbens und viel Zukunftsangst in der Branche, einen eigenen Verlag zu gründen? „Wir hatten Lust auf was Neues“, sagt Hillmer. „Wir waren damals wirklich viel gereist und etwas gesättigt und auch online hatten wir uns ausgetobt.“ Auf ihrer Homepage heißt es, „auf einer tropischen Insel unter Palmen kam Langeweile auf, es war Februar 2017 und dann der ausgesprochene Gedanke: Ein eigener Verlag …“
Irgendwie scheinen die beiden mehr Energie zu haben als normale Menschen – mitten im Corona-Lockdown ist der Verlag in neue Räume gezogen, die sie selbst renoviert haben (bis dahin wohnte Reisedepeschen im Schlafzimmer) und da ihr Projekt noch keinen Gewinn einbringt, arbeiten die Verlagschefs weiter für andere Auftraggeber, kümmern sich nebenher gemeinsam um ihre Kinder – und reisen: Im Winter geht es sechs Wochen nach Thailand. Bei alldem wirken sie völlig entspannt, gut organisiert, und kein Stück, als bereite das Risiko ihnen schlaflose Nächte.
Sogar Spiegel Online berichtet
Das Verlagsbaby hat in der Szene schon viel Aufmerksamkeit erregt, Spiegel Online und weitere Medien berichten über den Start, und 2018 gewannen sie gleich die Wildcard für die Frankfurter Buchmesse. Einige Preise gab es auch schon, zuletzt wurde das Bilderbuch „Die wundersamen Zwölf“ von der Stiftung Buchkunst als eines der „Schönsten Deutschen Bücher 2020“ ausgezeichnet.
Dass sie noch keinen Gewinn machen, bereite ihnen keine Bauchschmerzen, das dauere eben seine Zeit, sagt Klaus. Die zehn Bücher, die sie bislang auf den Markt gebracht haben, laufen gut; die Auflagen liegen um die 2500 Stück; mehrere mussten bereits nachgedruckt werden.
Die Anfangsfinanzierung kam über Erspartes und einen Crowdfunding-Aufruf zusammen. „Wir wollten damit auch testen, ob unsere Idee überhaupt funktionieren kann“, sagt Hillmer. Offensichtlich ja: Nachdem sie die ersten drei Entwürfe ins Netz gestellt hatten, bestellten über 400 Interessenten die Bände vor. Ihre Bücher träfen als eine Art Bindeglied zwischen Lesern und virtuellen Kanälen einen Nerv, vermuten beide. Auch wenn sie selbst nach wie vor die Möglichkeiten von Blogs schätzen und natürlich im Netz unterwegs sind – „für Reise-Reportagen ist das Buch das ideale Medium“, so Klaus.
Alle Bücher werden von kritischen Testlesern geprüft: ihnen selbst. „Wir sind die Zielgruppe und machen Bücher, die wir selber gerne hätten und gerne lesen“, erzählt Hillmer. Geschrieben im Stil der Blogger geht der Zugang über den Autor und dessen Gefühle. Der Eindruck, man bekomme persönliche Tipps von einem Freund, ist gewollt.
Im Angebot sind mehr oder weniger klassische Reiseführer, etwa „Deutschland im Winter“ oder „Inselguide Thailand“, allerdings ohne die üblichen Zehn-Highlights-Listen und in schön, aber auch der sehr lohnende Essayband „Vom Glück zu reisen“ von Philipp Laage oder die Porträtsammlung „China, wer bist du?“. Sechs Bücher pro Jahr sei ihr Limit – „mehr schaffen wir nicht“.
Neben der Liebe zu Papier haben sie noch eine weitere Mission: Sie wollen zum bewussten und nachhaltigeren Reisen anregen. Alle Bücher ziert das vom Aussterben bedrohte Schuppentier, sie verzichten mittlerweile aufs Einschweißen und verwenden Papier aus nachhaltiger Waldwirtschaft. Vom Fliegen allerdings wollen sie nicht komplett abraten und auch selbst nicht darauf verzichten: „Austausch ist auch wichtig! Rauskommen, sich konfrontieren mit anderen Lebenswelten, neue Ideen bekommen“. Was sie nicht mehr machen wollten, sei mal kurz irgendwohin jetten, sondern lieber seltener reisen und dafür länger bleiben.
Ab welcher Entfernung beginnt eigentlich eine Reise? „Reisen ist eine Einstellung“, sagt Hillmer, „wenn ich offen bin, kann ich auch in Berlin reisen.“ Es gehe darum, kein fertiges Bild zu haben; sich auf Menschen, Dinge und Orte einzulassen. „Der Verlag ist auch eine Reise“, ergänzt ihr Partner, „puh, auch wenn das jetzt ziemlich kitschig klingt.“


