Es ist auch nach mehr als einem halben Jahrhundert noch einer der großen denkwürdigen Momente der Pop-Geschichte. Am 15. September 1965 traten die Rolling Stones in der Berliner Waldbühne auf. Und von diesem idyllischen Spielort blieb nach einem kurzen Konzert – nicht mehr viel übrig.
Die Jugendzeitschrift „Bravo“ hatte die britische Band nach Deutschland geholt, die damals als die wildeste, lauteste, gefährlichste Gruppe des Pop-Geschäfts galt. Fünf Konzerte waren angesetzt. Die Stones waren gerade auf einem Höhenflug: Im Mai desselben Jahres war ihre Single „(I Can’t Get No) Satisfaction“ mit dem simplen, übersteuerten Kult-Gitarrenriff erschienen; die Stones waren in allen Mündern. 20.000 Fans konnten Karten für das Freiluftkonzert im Berliner Westend ergattern. Es war das erste Berlin-Konzert der Briten überhaupt.

Start mit „Everybody Needs Somebody To Love“

Die Erwartungen waren also hoch, als das Quintett mit Solomon Burkes Soul-Nummer „Everybody Needs Somebody To Love“ auf Waldbühne stieg. Fremdkompositionen spielten damals noch eine wichtige Rolle im Repertoire der Rolling Stones, die einst als Bluescover-Band in Londoner Clubs begonnen hatten.
Mick Jagger singt auf einem der Fotos des Rolling Stones Konzertes in Münster im Jahr 1965 des Pressefotografen Willi Hänscheid. Aus Sicht der meisten damals Erwachsenen war das, was heute Musikgeschichte ist, eine Bedrohung: Als ungewaschene «Höhlenmenschen» angekündigt gaben die Rolling Stones am 11. September 1965 ihr allererstes Konzert in Deutschland - ausgerechnet in Münster, weder damals noch heute als Nabel des Rock'n'Roll bekannt.
Mick Jagger singt auf einem der Fotos des Rolling Stones Konzertes in Münster im Jahr 1965 des Pressefotografen Willi Hänscheid. Aus Sicht der meisten damals Erwachsenen war das, was heute Musikgeschichte ist, eine Bedrohung: Als ungewaschene «Höhlenmenschen» angekündigt gaben die Rolling Stones am 11. September 1965 ihr allererstes Konzert in Deutschland - ausgerechnet in Münster, weder damals noch heute als Nabel des Rock'n'Roll bekannt.
© Foto: Willi Hänscheid/Stadtmuseum Münster/dpa
Große Teile des Publikums waren zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich aufgeheizt und ungeduldig. Denn im Vorprogramm mussten sie gleich mehrere mittelklassige Blues-Coverbands über sich ergehen lassen. Als die Stones endlich loslegten, stürmten mehrere von ihnen die Bühne. Und sie machten keine Anstalten, wieder von dort zu verschwinden. Die Sicherheitskräfte waren machtlos.

Die Atmosphäre kocht über

Die Band versuchte zunächst, die Stimmung in den Griff zu bekomme.n Mit Cover-Songs ging es in ihrem Programm weiter: „Pain In My Heart“ von Otis Redding und „Around And Around“ von Chuck Berry waren die nächsten Titel. Diese Stücke leiteten über in einen kurzen Mittelteil mit den Songs „Time Is On My Side“ – ein früher Hit im Repertoire der Stones – und „I’m Movin’ On“.
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Mit „The Last Time“ und „Satisfaction“ kamen dann schließlich zwei Eigenkompositionen aus der Feder von Mick Jagger und Keith Richards. Dann kam mit Bo Diddley`s „I’m All Right“ wieder ein gecovertes Stück – und das war es dann auch schon. Auch wenn die Zuschauer lautstark nach einer Zugabe verlangten, kam die Band nicht mehr zurück auf die Bühne. Wohl auch, um sich selbst in Sicherheit zu bringen.
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Da hatten sich die 20.000 angereisten Fans mehr erhofft. Und auch erwartet. „(I Can’t Get No) Satisfaction“, zu deutsch „Ich kann keine Befriedigung finden“ – diesen Titel haben die Fans an jenem Spätsommertag offenkundig allzu wörtlich und als Ansporn zum Aufbegehren interpretiert. Aus der brodelnden Menge heraus entstand ein Tumult. Und es blieb nicht bei Verbalattacken. Feuerwerkskörper flogen. Die Menge begann, das Interieur der trichterförmigen Amphitheaterbühne aus den 1930er-Jahren zu demolieren.

Medial angeheizter Generationenkonflikt

Worum es dabei wirklich ging und warum dieser Konflikt zwischen aufbegehrenden Jugendlichen und der bürgerlichen Welt früher oder später eskalieren musste, wird schon an einem steif formulierten Satz deutlich, der dem damaligen Polizeibericht entstammt. Darin heißt es über die britische Band: „Jene langmähnigen Schlakse lassen sofort erkennen, dass es für sie bei ,ihrer Show‘ keine Ordnungsnormen gibt.“ Eine Einschätzung, die nur so vor Vorurteilen strotzt. Schon Tage vorher hatte die „Bild“-Zeitung die Band als unangepasste, gefährliche Chaoten-Truppe gebrandmarkt. Ganz klar, hier prallten die Wertevorstellungen des Establishments und der Nachkriegsgeneration aufeinander. Die Waldbühne wurde für einen Abend zum Kulminationspunkt eines Generationenkonflikts, wie ein Hexenkessel, in dem nichts und niemand mehr die Stimmung herunterkühlen konnte.
Die Sitzbänke wurden fast komplett zerstört, einige S-Bahn-Waggons auf der nahe gelegenen Strecke wurden ebenfalls demoliert. Die Polizei setzte Wasserwerfer ein und brauchte etwa vier Stunden, um die Lage unter Kontrolle zu bekommen. Fast 100 Verletzte gab es am Ende. Die Waldbühne war danach so sehr verwüstet, dass keine Veranstaltungen mehr stattfinden konnten. Die Sanierungsarbeiten zogen sich über Jahre hin. Erst sieben Jahre später konnte sie nach umfangreichen Baumaßnahmen wiedereröffnet werden. Sie spielte aber für viele Jahre keine große Rolle mehr im Tournee-Zirkus.

Die Berliner Konzerte danach

Viele Berlin-Auftritte der Stones sollten in späteren Jahrzehnten folgen, auch in der reparierten Waldbühne. Im August 1990 spielte die Gruppe erstmals im Berliner Osten, und zwar auf der Radrennbahn Weißensee.
Mick Jagger ließ bei den Auftritten in Berlin kaum eine Gelegenheit aus, um in seinen Ansagen augenzwinkernd auf den Vorfall von damals anzuspielen. So etwa beim Gastspiel 2018 im benachbarten Olympiastadion. Wie die Stimmung bei ihrem nächsten, voraussichtlich wirklich allerletzten Berlin-Konzert am Mittwoch wohl sein wird? Das Publikum jedenfalls, das Kartenpreise von mehreren Hunderten Euro berappen musste, dürfte sich deutlich von den jugendlichen Zuhörern unterscheiden, denen dort im September 1965 die Hutschnur gerissen war.
Konzert der Rolling Stones am Mittwoch (3.8.) in der Waldbühne, Einlass ab 16.30 Uhr, Beginn 18.30 Uhr