Roman: Mit uns zieht die neue Zeit

Irina Liebmann erinnert sich literarisch an die historischen Verwandlungen und die Bewohner einer schmalen Straße in Berlin-Mitte.
Arno Burgi/dpaIrina Liebmann hat ihr neues Buch "Roman“ genannt. Dabei ist „Die Große Hamburger Strasse“ nicht fiktional, und liest sich zunächst wie eine (literarische) Reportage. Dann wie ein Langgedicht. Aber nach ein paar Seiten wird klar: Dieser Text ist weder das eine noch das andere. Er ist etwas ganz Eigenes: eine literarische Selbstvergewisserung in Form eines rhythmischen Monologs. Das Hybride ist bei Liebmann keine literarische Mode. Sie hat nie anders geschrieben. Ihre Bücher – rund 20 sind es, wenn man die Theatertexte mitzählt – mäandrieren stets zwischen Beschreibung und Vorstellung, zwischen einer poetisch überformten und einer wie gesprochen klingenden Sprache. Es ist, als würde man mit der Autorin am Küchentisch sitzen und zuhören. Eine poetische Prosa mit der Empfindungstiefe von Lyrik. Nach zwei, drei Absätzen weiß man: Das ist ein Liebmann-Buch. Und: Das ist Literatur.
Im Mittelpunkt dieses „Romans“ steht nicht, wie der Titel nahe legt, eine Straße, sondern Erinnerungen von Liebmann an die Nachkriegszeit, die DDR und die Nachwendezeit. Erinnerungen, die sie immer wieder in kleinen Szenen aufgezeichnet hat und als Buch nun vor dem Vergessen bewahren will. Ein Wunsch, der nicht der Angst vor dem Vergessenwerden einer älteren Künstlerin entspringt, sondern der Befürchtung, dass der Stadt ihre Geschichte abhanden kommt. „Berlin wird zunehmend gesichts- und geschichtslos,“ erzählt sie in ihrer Küche: "Energetisch saniert und luxusrenoviert, das Unfertige und Unperfekte verdrängt, die historische Mitte den Konsumbedürfnissen von Touristen geopfert.“ Was dabei vor allem verloren ginge, sei die Bindung; an einen Ort, an Menschen. „Das Zuhause eben. Wo man bleiben kann. Wo man erwartet wird. Wo man helfen soll.“
Diesen Geschichtsverlust erzählt sie anhand von kleinen, hörspielartig verdichteten Szenen in der Großen Hamburger Straße im historischen Zentrum der Stadt. Das Besondere an dieser Straße: Das Straßenbild blieb über die Jahrhunderte weitgehend erhalten, die beschädigten Häuser wurden nach dem Krieg nicht durch Neubauten ersetzt. Im Hinterhof haben Handwerker ihre Werkstätten. Es gibt ein katholisches Spital, einen evangelischen Kirchhof, einen Jüdischen Friedhof – und ein Café, in dem sich Liebmann, die nie in dieser Straße gewohnt hat, immer wieder mit Freunden trifft. Als Mädchen war die 1943 in Moskau geborene Autorin von dem Gemisch aus Juden und Kommunisten, Kirchenleuten und Kriegerwitwen begeistert, eine Oase der Lebendigkeit in einer kriegszerstörten Stadt.
Im Café lernt sie ihre Freundin Eva kennen, die in dieser Straße aufgewachsen ist; hier reden sie über die politischen und sozialen Veränderungen, über Schönheit und darüber, wie sie als Kinder im Osten singen mussten: "Mit uns zieht die neue Zeit!“. Diese Zeit, von der sie später feststellen, „dass sie uns verlassen kann“.
Die Große Hamburger Straße, im Buchtitel mit Doppel-S wie in der alten Schreibweise, wird zu einem Modellort für ihre literarischen Reflexionen über die Zeitläufte. Freilich sind das keine abstrakten Gesellschaftsanalysen, sondern Beobachtungen einer sich verdüsternden Atmosphäre. Liebmann ist eine Meisterin des Widerspiegelns von Gefühlen in der Sprache, die sie nicht schildert, sondern in Klang und Rhythmus aufleben lässt.
Nein, sie will nicht darüber diskutieren, ob sie diese Fähigkeit ihrer zweiten Sprache zu verdanken hat, dem Russischen, das oft feiner ist im Gefühlsausdruck. Sie will überhaupt nicht über Biographisches, über sich reden – und schreibt doch in der „Großen Hamburger Strasse“ beständig „ich“. Aber dieses „ich“ stellt sich nicht selbstverliebt in den Vordergrund. Es ist die Kamera, die das Geschehen aufnimmt – mit einem Makro-Objektiv. Die Geschichten der kleinen und großen Leute, die nur noch in den Erinnerungen der 77-jährigen existieren. „Vergessen ist auch ein Verrat“ schreibt sie am Ende. "Und Verrat, das ist einfach die Undankbarkeit. Die heiße Wurzel von allem, was schieflief.“
Irina Liebmann: „Die Große Hamburger Strasse“, Schöffling Verlag, 240 Seiten, 22 Euro; Lesung heute, 19.30 Uhr im Literaturhaus, Fasanenstraße 23, 10719 Berlin, Karten: 030 8872860
Poetische Beobachterin der Zeitläufte
Irina Liebmann wurde 1943 in Moskau als Tochter des Journalisten Rudolf Herrnstadt und der sibirischen Germanistin Valentina geboren. Ihr Vater war ab 1945 am Aufbau der Ostzone beteiligt und Chefredakteur des Neuen Deutschland. Unter anderem wegen seiner Berichterstattung über den Arbeiteraufstand wurde er aus der Partei ausgeschlossen – worüber Liebmann 2008 ihr wohl bekanntestes Buch schrieb: "Wäre es schön? Es wäre schön!". 2013 begab sie sich in "Drei Schritte nach Russland" auf die Spuren ihrer Mutter. Liebmann studierte bis 1966 Sinologie in Leipzig, siedelte 1988 mit ihrer Familie nach West-Berlin über und kehrte nach der Wende zurück. ⇥mh