Wer hat an der Uhr gedreht? Auch der zweite Jahreswechsel im Zeichen der Pandemie sieht Diskussionen um Wellen, Impfangebote, Zugangsbeschränkungen und Lockdowns – und trifft erneut die Kultur hart, geradezu existenziell hart. Zwar dürfen Museen, Theater, Kinos und Konzerthäuser diesmal offenbleiben und weiter Programm bieten, sofern sie sich an die geltenden 2G+-Regeln halten. Doch Krankheitsfälle und Quarantäneregeln machen oft einen geregelten Spielbetrieb unmöglich – fast täglich müssen Häuser Veranstaltungen absagen, umbesetzen oder neu ansetzen. Was das an Kraft und organisatorischem Aufwand bedeutet, und das alles bei angespannten Finanzen, mag man kaum überblicken – und dann noch die Sorge, ob die Zuschauer jemals so zahlreich wiederkommen werden wie vor der Pandemie. Nicht nur Martin Woelffer, der Chef der Kudammbühnen, spricht von einem „Identitätsknacks“ angesichts des Gefühls, nicht mehr gebraucht zu werden.

Diskussionen im Theater am Rand

Der Riss, der die Gesellschaft allerorts spaltet, macht auch vor den Ensembles nicht halt. Schauspielerinnen und Schauspieler sorgen mit der Internet-Aktion #allesdichtmachen Ende April für eine erregte Debatte, Ensembles wie die Dresdener Staatskapelle müssen zwischen geimpften und ungeimpften Mitgliedern vermitteln. Exemplarisch hierfür sei auch das kleine Theater am Rand in Zollbrücke genannt, welches das Aushandeln unterschiedlicher Auffassungen im Ensemble mit großem Ernst betrieben hat – und vollends gespalten wurde, als einer der beiden Theatergründer, Tobias Morgenstern, kurzfristig von der Verleihung des Bundesverdienstkreuzes ausgeladen wurde – wegen kritischer Äußerungen zu Corona-Maßnahmen. Für ein tolerantes Miteinander garantiert die falsche Botschaft.

Ärger rund ums Humboldt Forum

Streit und Ärger erlebt auch das ab Frühsommer endlich in ersten Teilen eröffnete Humboldt Forum im wiederaufgebauten Berliner Stadtschloss. Diskussionen um die kreuzbekrönte Kuppel mit dem frömmelnd-missionarischen Spruchband von Friedrich Wilhelm IV., Kritik an der Präsentation des Luf-Bootes und anderer kolonialer Stücke und zuletzt noch eine heftige Debatte um Stifter der Schlossfassade, deren neorechte Gesinnung erst nach Vollendung bekannt wurde … Im kommenden Jahr wird mit dem Ost-Flügel der noch fehlende letzte Teil des Kulturhauses eröffnet – man darf gespannt sein, wie die neue Kulturstaatsministerin Claudia Roth von den Grünen sich hier positionieren wird.

Die Hohenzollern-Debatte

Eng mit dem Stadtschloss verknüpft war auch die 2021 besonders aggressiv geführte Hohenzollern-Debatte. Entzündet durch Unterlassungsklagen, mit denen das Haus Hohenzollern in Gestalt von Georg Friedrich Prinz von Preußen Historiker, Journalisten und Politiker überzogen hat, stritt eine ganze Zunft über die „erhebliche Vorschubleistung“ der Hohenzollen beim Aufstieg des Nationalsozialismus. Georg Friedrich Prinz von Preußen äußerte sich im Interview mit der „Märkischen Oderzeitung“ und dann noch einmal beim MOZ-Talk erstmals gegenüber einem deutschen Medium konziliant und gesprächsbereit, Brandenburgs Kulturministerin Manja Schüle (SPD) zeigte sich ebenfalls offen – ob die verfahrene Situation sich 2022 wird auflösen lassen?
Nachgeholt: Die Sommer-Berlinale in den Freiluftkinos (hier vor dem Schloss Charlottenburg)
Nachgeholt: Die Sommer-Berlinale in den Freiluftkinos (hier vor dem Schloss Charlottenburg)
© Foto: Michael Sohn/dpa

Open Air: Die Sommer-Berlinale

Ein Sommermärchen war hingegen die auf den Juni verschobene Berlinale, die pandemiebedingt (nach einer Online-Fachvariante im März) als Publikumsfest vor allem in Berliner Freiluftkinos stattfand. Die Museumsinsel mit Bick auf Berliner Dom und Humboldt Forum, das Schloss Charlottenburg, das Haus der Kulturen der Welt, die Freiluftkinos in der Hasenheide, in Friedrichshagen oder Weißensee – großartigere Kulissen und ein schöneres Film-Gemeinschaftsgefühl gab es nie. Mal sehen, wann und wie das Festival 2022 stattfinden wird.

Frankfurt (Oder)

Benefiz- und Spendenaktion für die Flutopfer

Meinen persönlichen Höhepunkt des Jahres haben die Leserinnen und Leser der Märkischen Oderzeitung gestiftet – mit ihrer großherzigen Spendenbereitschaft zugunsten der durch die Hochwasserkatastrophe an Ahr und Sieg Betroffenen im Juli. Beim Benefizkonzert des Brandenburgischen Staatsorchesters in Frankfurt (Oder) fast eine Millionen Euro an Spenden überreichen zu können, war ein Zeichen der Solidarität, wie es in dieser von gesellschaftlicher Spaltung geprägten Zeit unendlich wohltut. Das macht Mut für 2022.

Film, Album, Hit und Hörbuch des Jahres

Kinofilm des Jahres: Der James-Bond-Actionthriller „Keine Zeit zu sterben“ mit Daniel Craig war der erfolgreichste Kinofilm 2021.
Album des Jahres: Nach 44 Jahren haben Abba wieder das erfolgreichste Album des Jahres gelandet. Ihr Comeback-Werk „Voyage“ stand drei Wochen an der Spitze. 
Hit des Jahres: Bei den Singles setzte sich der schottische Internet-Star Nathan Evans (26) durch. Sein Lied „Wellerman“ ist ein Shanty, also ein Seemannslied.
Hörbuch des Jahres: Entertainer Hape Kerkeling kam mit „Pfoten vom Tisch! Meine Katzen, andere Katzen und ich“ ganz nach vorne. Neben Abba, „Wetten, dass …?“ und Helene Fischer war es das auffälligste Comeback des Jahres.   dpa