Elen, am 17. April sollte Ihr Album "Blind über Rot" erscheinen. Wegen der Coronakrise gerät vieles durcheinander. Was bedeutet das für Sie?
Das bedeutet erst einmal eine Verschiebung auf den 22. Mai. Was mit meiner Tour wird, steht noch in den Sternen.
Nutzen Sie die Zeit, um Songs zu schreiben?
Neue Musik steht jetzt erst einmal nicht an. Im Moment versuche ich, mit meinen Musiker-Kollegen ein bisschen was auf die Beine zu stellen. Ansonsten versuche ich, die Leute über Social Media mit rauszunehmen auf mein Gehöft.
Ihr erstes Album haben Sie über Crowdfunding finanziert, nun haben Sie einen Plattenvertrag abgeschlossen. Warum?
Die Unterstützung über Crowdfunding war großartig. Aber es war auch echt viel Arbeit. Ich habe damals weiter Straßenmusik gemacht, um über die Runden zu kommen. Aber ich wollte das Ganze noch mal auf eine andere, professionellere Ebene heben. Ich dachte: Bei einem Label sind viele Leute, die wissen, was sie tun. Straßenmusik zu machen ist schön, wenn man jung ist.
Wenn man Ihre Geschichte hört, klingt es, als hätten Sie im richtigen Moment Glück gehabt. Marius Müller-Westernhagen hat Sie auf der Straße gehört und zu einer Tour eingeladen…
Ja, Marius rief bei mir an und sagte: "Ey, hast du nicht Lust, mit mir in der Mercedes-Benz Arena zu spielen und bei MTV Unplugged mitzumachen?" Ein bisschen Glück spielt immer eine Rolle, aber es war natürlich auf dem Weg dorthin auch viel Arbeit.
Sie haben auf der Straße gesungen, in riesigen Hallen, bei der Casting-Show "The Voice of Germany". Was haben Sie auf den unterschiedlichen Bühnen gelernt?
Straßenmusik ist für mich persönlich der Boden, auf dem ich stehe. Du kriegst sofort gespiegelt, was die Musik mit den Menschen macht. Das ist im Fernsehen etwas total anderes. Und in der Mercedes-Benz Arena war ich ja "nur die Vorband".
Als Sie in Berlin auf der Straße sangen, bekamen Sie irgendwann Probleme mit dem Ordnungsamt. War das der Grund, aufzuhören?
Das war ein Auslöser, aber es war nicht der Grund. Es lag vielmehr daran, dass ich in der Straßenmusik kein Ziel fürs spätere Leben gesehen habe.
Sie leben seit 2017 auf einem Hof in der Nähe von Bad Freienwalde. Wieso haben Sie der Stadt den Rücken gekehrt?
Eigentlich wollten mein Mann und ich schon immer raus aus der Stadt. Wir waren nie die Typen, die das städtische Angebot richtig genutzt hätten. Viele Jahre haben wir nach einer Gelegenheit gesucht, aber was kann man sich als Straßenmusikerin schon leisten? Irgendwann kam ein Angebot. In diesem kleinen Tal hier waren wir von der Natur derart erschlagen, dass wir dachten: Wir wären dumm, wenn wir das nicht machen.
Sie sind 1989 kurz vor dem Mauerfall in Ost-Berlin geboren – und gehören damit zur ersten Generation, die die deutsche Teilung nicht mehr erlebt hat.
Für mich ist es wichtig zu sagen, dass ich kein Ossi und auch kein Wessi bin. Ich möchte diesen Unterschied nicht mehr machen. Ost und West – das war einmal. Es gibt sicherlich einige Punkte, bei denen Ossis und Wessis Probleme miteinander haben. Aber das ist nicht mein Thema.
Was sind Ihre Themen?
Das sind eher so zwischenmenschliche Sachen: Wie ich Leute erlebe und wie sie miteinander umgehen. Es geht auch um Fragen, die man sich im Leben stellt und die die Zukunftsperspektive betreffen.
Wie entstehen Ihre Songs?
Das ist unterschiedlich. Meistens treffe ich mich mit Musikern. Wir machen erst mal einen Kaffee, setzen uns hin und quatschen darüber, was uns beschäftigt. Ich versuche zu erklären, was ich mir vorstelle. Dann schnappt sich jemand eine Gitarre oder ich fange an zu singen.
Also passiert das immer gemeinsam?
Ja. Ich kann das besser, als immer nur in meinem eigenen Brei herumzurühren.
Elen, "Blind über Rot", Universal, erscheint voraussichtlich am 22. Mai

Gestatten: Elen de Jong. Neu-Brandenburgerin.


Nach der Schule sollte sie eine Hutmacherlehre absolvieren. Doch die im Oktober 1989 geborene Ostberlinerin befolgte den Rat ihrer Freunde und widmete sich hauptberuflich der Musik. Mit 6 hatte sie begonnen, Gitarre zu spielen, später kam Keyboard hinzu, mit 14 spielte sie Schlagzeug in einer Coverband. Als Straßenmusikerin wurde sie 2011 von einem Ta-lentscout der Casting-show "Voice of Germany" entdeckt, schied dort aber beim ersten "Battle" aus. Ihre erste Platte, "Elen", nahm sie selbst auf und finanzierte sie mittels Crowdfunding. 2017 unterschrieb sie einen Vertrag bei Universal. 2018 zog sie mit ihrem Mann von Berlin auf einen Bauernhof in Hohensaaten. mh