Santiano in Berlin 2026: Sehnsucht und Statements, so war das Konzert in der Uber Arena

Besingt mit seinen Bandkollegen von Santiano Wellen, Schiffe, Häfen und auch sonst alles rund um Seemannstum: Björn Both (hier bei einem Auftritt in Hannover). Nun spielten die Shanty Rocker in der Uber Arena Berlin ein Konzert.
Michael Matthey/dpa- Santiano spielte ein Konzert in der Berliner Uber Arena – ohne nautische Kulissen, mit Fokus auf Musik.
- Die Band setzte auf eingängige Shanty-Rock-Songs über Meer, Freiheit und Fernweh.
- Publikum und Band wirkten eng verbunden, es wurde viel mitgesungen und geschunkelt.
- Politische Akzente gab es mit „Nie wieder Krieg“ und Kritik an „kriegtreibenden Despoten“.
- Höhepunkte waren traditionelle Medleys wie „Johnny Boy“ und „Joho und ne Buddel voll Rum“.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Es wäre ein Leichtes, gleich zu Beginn maritime Metaphern zu verwenden. Von Songs so mitreißend wie Sturmwellen zu schreiben. Von alle Mann und Frau an Deck statt ausverkaufter Arena. Oder von einer Band, die spielt, als hätte sie die Segel voll mit Wind und einen gut geeichten Kompass für Stimmungen. Nichts davon wäre gelogen an diesem Samstagabend bei Santiano.
Trotzdem überlässt man besser den Shanty Rockern aus dem hohen Norden die seemännischen Sprachbilder. Die „Herren der Winde“ haben schließlich genug davon. „Gott muss ein Seemann sein“, „Nichts als Horizonte“, „Der Alte und das Meer“, „Zack Ahoi“ – kaum ein Lied in der Berliner Uber Arena, das nicht Schifffahrts-Romantik beschwört. Mit ihnen feiert die Gruppe seit Jahren große Erfolge.
Nun wäre es auch ein Leichtes, diese musikalisch-nautische Mischung nicht ganz ernst zu nehmen. Doch nicht umsonst halfen Seemannslieder einst Matrosen dabei, an Bord den Takt bei der Arbeit zu halten und fernab der Heimat nicht die Moral zu verlieren. Und so verfängt auch die moderne Variante noch wie ein ausgeworfenes Netz auf hoher See.
Wie auf einer Galeere rudern Santiano und Publikum im Takt
Das beweist die Truppe um Frontmann Björn Both auch in Berlin. Einmal hören reicht, um ihre eingängigen Refrains mitsingen zu können. Und da die wenigsten Fans hier die Songs zum ersten Mal hören, klappt es mit dem Mitgrölen nach anfänglicher Schüchternheit denkbar gut. Band und Publikum, sie sind eine Einheit. Bereits die wuchtigen Trommelschläge, mit denen Santiano das Konzert einleiten, muten wie Rhythmusgeber einer römischen Galeere an – und das Berliner Publikum rudert über zwei Stunden willig im Takt.
Zwar rauschen vor Konzertbeginn Nebelschwaden über die Bühne, Licht und Sound imitieren Blitz und Donner und sollen an einen Sturm auf See erinnern, doch Santiano macht nicht den Fehler, die Störtebeker Festspiele mit elektrischen Gitarren zu inszenieren. Keine Bootskulisse, keine Netze, keine Piratenkostüme. Einzig der spitz zusammenlaufende Videoscreen erinnert an einen Schiffsbug.
Ansonsten steht die Musik im Vordergrund. Und die sorgt für Schunkel-Stimmung wie in einer trinkseligen Hafenkneipe. Besonders das Geigenspiel von Peter David Sage lässt die Berlinerinnen und Berliner bei Stücken wie „Land of Green“ in den Armen liegen. Je nachdem ob die keltische Fiddle, Folk, Rock oder Schlager stärker nach vorne drängt, machen die freiheitsliebenden Songs von Santiano schlicht Spaß oder lassen die Brust vor Sehnsucht anschwellen. Und gelegentlich wiegt selbst das salzigste Seemannsherz schwer. Zum davonlaufen, findet Björn Both, der auch mit norddeutschen Charme sein Publikum zu unterhalten weiß, den gesamtpolitischen Zustand der Welt und läutet das trotzige Shanty „Dann bin ich weg“ ein.
Santiano bezieht in Berlin politisch Stellung
Sicher, Santiano ist auf dem Reißbrett entstanden. Die Idee zur Band hatte einst der Produzent Hartmut Krech, der bis heute in Sachen Songs die Hand am Ruder hält. Dennoch stehen in Berlin Vollblut-Musiker auf der Bühne, denen man ihre Leidenschaft anmerkt. Das Image, die Inhalte mögen konstruiert sein, doch die Stimmung, die Santiano transportiert, sie ist echt. Und sie ist ansteckend.
Auch sonst erweisen sich Santiano nicht als beliebiges Unterhaltungsprodukt. Nicht nur durch Kooperationen mit Meeresschutzorganisationen wie Sea Shepherd bezieht die Band Stellung. Mit Songs wie „Nie wieder Krieg“ transportieren sie politische Botschaften. Er richte sich gegen alle kriegstreibenden Despoten, wie Frontmann Both erklärt. Und damit sei auch der gegen Iran Krieg treibende Donald Trump gemeint, oder wie der Bassist ihn nennt: „der orangefarbene Pavian“.
Lauter Applaus für traditionelle Seemannslieder
Doch selbst Trump kann die Stimmung an diesem Abend nicht trüben. Es mag dem vergleichsweise hohen Altersdurchschnitt der Santiano-Fans geschuldet sein, dass die Uber Arena diesmal vollständig bestuhlt ist; auf den Sitzen hält es spätestens ab dem punkig-folkigem „Doggerland“ trotzdem kaum jemanden. „Berlin, wir lieben euch dafür“, bedankt sich Björn Both.
Für besonders lauten Applaus sorgen jene Stücke, die traditionellen Seemannsliedern am nächsten kommen. Besonders das Medley aus „Johnny Boy“, „Joho und ne Buddel voll Rum“ und „Hooray for Whiskey“ wecken freibeuterische Sehnsüchte und lassen die Fans jubeln.
Insgesamt 30 Songs spielen Santiano an diesem Abend. Reichlich Meer, Freiheit, Sturm und Fernweh also. Der Schock dürfte vielen Konzertbesuchern beim Verlassen der Arena entsprechend tief gehen. Schließlich ist der Uber Platz in seiner gnadenlosen Hässlichkeit rauer als der raueste Sturm und erstickt selbst die wirkmächtigsten Träume vom Leben auf hoher See. Dass sich trotzdem für über zwei Stunden im Herzen der asphaltierten Hauptstadt so wunderbar davon träumen ließ, ist das Verdienst von Santiano – und das ist nun wirklich kein Leichtes!


