Schauspielerin: Helga Piur feiert 80. Geburtstag
Wie man Unsinn mit Sinn serviert, auch das hat Helga Piur von ihrem Mann, dem Regisseur Günter Stahnke, gelernt. Heute wird sie 80 — und feiert nach langer Zeit erstmals ohne ihn.
Auch heute noch hat sie das blonde Haar locker zum Dutt gesteckt. Doch sie, die immer schon Zierliche, ist schmal geworden. Und sie trägt schwarz. Ein halbes Jahr nach dem Tod ihres Mannes, des Regisseurs Günter Stahnke (1928—2018), ist Helga Piur gefangen in der Trauer. 44 Jahre sind sie verheiratet gewesen — die letzten zehn, sagt die Schauspielerin, waren die schönsten. „Da war er, der bei der Arbeit so eine harte Nuss sein konnte, ganz weich, ganz tolerant. So kannte ich ihn vorher gar nicht“, erinnert sie sich — und fügt fast trotzig hinzu: „Abzuhauen, wenn es so schön ist: Das ist gemein!“
Für Helga Piur, die heute ihren 80. Geburtstag feiert, ist Stahnke der zweite Mann, den sie an den Krebs verloren hat. Wie zuvor Schauspieler Gert Andreae (1927—1972), den Vater ihrer Tochter Beatrice, hat sie ihn bis zuletzt gepflegt. „Ich brauchte keine Hilfe, ich habe alles selbst gemacht, auch das Spritzen“, sagt sie. „Und ich habe es gern gemacht. Weil er auch so viel für mich getan hat. Ich habe so viel von ihm gelernt.“
Ein Paar mit Herz und Hirn
Stahnke und Piur, die sich auch privat stets nur beim Nachnamen nannten: Sie waren wie die berühmten, sich anziehenden Gegensätze. „Er war das Hirn“, bringt es die Schauspielerin auf den Punkt, „und ich das Herz.“ Ein „Seelchen“, das immer alles viel zu nah an sich heranlasse. Vielleicht, mutmaßt Helga Piur, hänge das mit ihrer Kindheit zusammen: Fünf Jahre alt war sie, der Nachkömmling der Familie, als die Mutter starb. Statt beim Vater und den fünf älteren Brüdern wuchs die gebürtige Berlinerin bei Onkel und Tante auf. Das „Himmelreich“ sei das gewesen: „Besser“, glaubt sie, „hätte ich es nicht treffen können“.
Den Eltern zuliebe, wie sie sie bis heute nennt, machte Helga Piur darum auch nach der Schule erst einmal eine Ausbildung zur Sekretärin und trat eine Stelle im Dietz–Verlag an. Dabei zog es sie eigentlich zur Bühne. Seit sie zwölf war, sang sie im Rundfunk–Kinderchor, lernte Noten. Später spielte sie mit künftigen Kollegen wie Angelica Domröse im dramatischen Zirkel.
An der Schauspielschule aber fiel die Blondine durch. Kurzentschlossen stellte sich Helga Piur daraufhin Schauspieler Eduard von Winterstein vor, den sie zuvor als „Nathan“ im Deutschen Theater bewundert hatte – und fand mit ihm ihren Lehrer. „Mir haben immer tolle Leute geholfen“, sagt sie, „auch im Verlag. Ich war ja ein ganz einfaches Mädchen aus Berlin, und sie haben mich erhoben. Von ihnen habe ich viel gelernt, auch bescheiden zu sein und dankbar.“
Winterstein war es auch, durch dessen Fürsprache Helga Piur ihren ersten Job beim Fernsehen bekam — als Bastelinchen in der Kindersendung „Bahnhof Puppenstadt“. Nicht gerade das, was die damals 20–Jährige sich erträumt hatte, aber: „Ich habe dann gedacht: Ich mache das Bastelinchen jetzt einfach zu einer berühmten Person!“
Und so geschah es. Helga Piur fiel auf — und war „drin“. Nachmittags machte sie Unterhaltung, abends Drama. Nicht immer vom Feinsten. „Es gab auch Reinfälle“, gibt sie ehrlich zu, „bei denen ich dachte: Ich hätte das Drehbuch mal besser lesen sollen!“ Am Ende aber hätten sie auch die Tiefschläge weitergebracht. Heute sagt die 80–Jährige, sie bereue keine Minute. Und: „Ich habe eigentlich immer gearbeitet.“ Auch für Hörfunkproduktionen ("Neumann, zweimal klingeln") und als Synchronsprecherin. „Da konnte ich viel machen, was als Schauspielerin nicht ging.“
Ihre berühmteste Rolle, die Sprechstundenhilfe „Häppchen“ in der Fernsehserie „Zahn um Zahn“, musste Helga Piur sich dennoch erkämpfen. Eigentlich nämlich wollte man Walfriede Schmitt an Alfred Struwes Seite sehen. Der Rest ist DDR–Fernsehgeschichte. Als aber der westdeutsche Privatsender RTLplus die Serie Ende der 80er–Jahre nicht nur ausstrahlte, sondern auch fortsetzen wollte, blieb Helga Piur, die als „Häppchen“ vom Publikum zweimal zum DDR–Fernsehliebling gewählt worden war, konsequent. Nicht zuletzt auf ihr Drängen hin waren Zahnarzt Wittkugel und seine rechte Hand schließlich vorm Traualtar gelandet. „Die Geschichte war auserzählt“, sagt sie. Was hätte da noch kommen sollen?
Für Helga Piur selbst kam auch nach der politischen Wende noch so einiges. Heiner Carow ("Die Legende von Paul und Paula") zum Beispiel holte sie für die ARD–Anwaltsserie „Kanzlei Bürger“ vor die Kamera. Und sie spielte Theater. Günter Stahnke schrieb für sie und ihre ehemaligen Kollegen wie Renate Blume Komödien wie „Balduin der Geisterseher“ und „Freundin meiner Frau“, mit denen sie auf Tournee durch die Republik gingen.
„Unsinn mit Sinn“ — das, sagt seine Frau, sei Stahnkes Anspruch ans Heitere gewesen. Und den hat auch Helga Piur sich zu eigen gemacht. Privates und Berufliches wurde bei den beiden dennoch strikt getrennt. Als sie daheim einmal von ihm habe wissen wollen, wie sie eine Szene spielen solle, habe er unwirsch reagiert: „Andere können den Regisseur auch nicht mit nach Hause nehmen und fragen!“
Der Austausch mit ihm, das Diskutieren über Gott und die Welt fehlt Helga Piur. „Wo ich klein und spießig war, war er groß und tolerant“, sagt sie. Gern will sie über ihn schreiben, auf ihre Art — mit Herz — zum Beispiel davon erzählen, wie es für den Regisseur gewesen ist, als seine Filme in der DDR verboten wurden, man ihn abschob in die leichte Fernsehunterhaltung. „Harter Toback“, findet die Schauspielerin, den sie jetzt im gemeinsamen Haus in Fredersdorf (Märkisch–Oderland) nach und nach zu Papier bringt.
Ein Haus, in dem sie selbst sich noch immer nicht zu Hause fühlt: „Eigentlich“, sagt sie, „gehöre ich nach Falkenberg.“ Mitte der 70er–Jahre hatten sie und ihr Mann sich in dem Dorf bei Beeskow (Oder–Spree) einen Sommersitz ausgebaut; er ist noch immer Helga Piurs „große Liebe“. „Da sause ich mit meinem Traktor über den Rasen und grabe in der Erde“, schwärmt sie. Aber allein? Helga Piur weiß, dass sie das irgendwann nicht mehr schaffen wird — und dann die vielen Erinnerungen …
Einige davon hat sie 2009 schon einmal in Buchform gebracht. Mit „Ein Häppchen von mir“ ist sie seitdem immer wieder auf Lesereise gewesen. „Das hat sich rumgesprochen, die Angebote kommen von ganz allein“, freut sie sich. Läuft der Abend gut, fahre sie anschließend immer „wie besoffen“ vor Glück nach Hause.
Im Oktober will Helga Piur wieder mit ihren Lesungen beginnen, in Eisenhüttenstadt. Der Termin steht. Wie immer soll das Publikum dann von ihr „die Unterhaltung auf goldenen Tellern serviert“ bekommen. Dafür, sagt sie, will sie sich zusammenreißen, wieder zurückfinden ins Leben — ein Leben ohne Stahnke. „Ich hoffe, dass ich das kräftemäßig noch lange machen kann.“ Das Alter selbst hat für Helga Piur ohnehin noch nie eine Rolle gespielt. „Nur das Befinden.“

