Serie
: Babylon Berlin geht weiter

Nach mehr als einem Jahr ermitteln Gereon Rath und Charlotte Ritter wieder im Berlin der 20er-Jahre - allerdings erst mal nur auf Sky.
Von
Antje Scherer
Frankfurt (Oder)
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Da läuft was: Gereon Rath (Volker Bruch) und Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries) sind mindestens Kollegen.

Frederic Batier/ARD/SKY/dpa

So ähnlich fühlt es sich an, wieder ins „Babylon Berlin“-Universum einzutauchen: Nach mehr als einem Jahr Sendepause schickt Bezahlsender Sky ab heute Staffel drei ins Rennen – und es ist wirklich eine Freude, sie wiederzusehen: die entzückende Charlotte Ritter (Liv Lisa Fries), den melancholisch-kaputten Ermittler Gereon Rath (Volker Bruch) und all die anderen. Und doch, irgendwie funkt es nicht mehr wie am Anfang …

Wir schreiben das Jahr 1929 – kurz vor der Weltwirtschaftskrise. Noch will es keiner so recht wahrhaben – die fiebrigen Partys im „Moka Efti“ sind zwar vorbei, die Stimmung ist gedämpfter, aber Deutschland ist im Börsenfieber. Und ansonsten arrangiert man sich irgendwie, so wie die frischgebackene Kriminalassistentin Charlotte Ritter und deren kleine Schwester, die die Wohnung mit einem „Tagschläfer“ teilen, um Geld zu sparen.

Im Mittelpunkt der Staffel  nach dem  zweiten Gereon-Rath-Roman von Volker Kutscher „Der stumme Tod“ steht eine Mordserie in den Filmstudios in Babelsberg, wo mit großem Aufwand (und Ton!) „Dämonen der Leidenschaft“ gedreht wird. Gleich in der ersten Folge fällt dem aufstrebenden Star Betty Winter ein schwerer Scheinwerfer auf den Kopf – Unfall oder mehr? Später trifft es auch noch die Zweitbesetzung. An den Ermittlungen von Rath und Ritter vor Ort zeigt nicht nur der Produzent lebhaftes Interesse, sondern auch das Organisierte Verbrechen – in dem Film steckt bereits jede Menge Geld. Parallel gewinnen die Rechtsnationalen an Einfluss und sowohl auf der Straße wie bei Zeitungsredaktionen und im Gerichtssaal wird um Präsenz und Deutungshoheit gekämpft. Die Nazis sind noch nicht an der Macht, aber im Kommen: „Lassen wir die braunen Horden den Laden doch mal richtig aufmischen!“, schlägt Regierungsrat Gottfried Wendt (Benno Fürmann) vor.

Wie gewohnt haben alle Figuren zudem persönliche Probleme en masse: Charlotte Ritter rasselt durch die Prüfung zur Kommissarin; Rath läuft die Frau (Hannah Herzsprung) davon und sein nerviger Kollege Böhm (Godehard Giese) hat zu viel Geld in Aktien gesteckt. Neu an Bord sind unter anderem Roland Zehrfeld, die bezaubernde Meret Becker sowie Martin Wuttke.

Erzählt wird dieses Mal auf ganz andere Art – psychologischer und kleinteiliger, leider auch weniger spannend. Klar, die Goldenen Zwanziger sind vorbei, der erregte Glanz ist Klein-Klein gewichen, jeder kämpft (weitgehend) für sich alleine. Das soll auf dem Bildschirm auch zu sehen sein. Und vielleicht muss dieses Luft holen auch sein, um den Figuren Spielräume zu schaffen; die hochtourige Fiebrigkeit war wahrscheinlich nicht auf Dauer durchzuhalten.

Als Ersatz wird noch stärker horizontal erzählt, und es geht nach Innen. Los geht es gleich mit einer Albtraum-Sequenz; bei den Analysesitzungen Raths bleibt lange offen, was real ist und was (unter Drogen?) in seinem Kopf passiert; viele amouröse Verstrickungen gibt’s auch. Und trotz all dieser Mühe – Hilfe! – zumindest in den ersten Folgen wird einem ab und an richtig langweilig.

Noch immer machen die Macher (Buch und Regie: Tom Tykwer, Achim von Borries und Henk Handloegten) vieles richtig: Die Ausstattung setzt Maßstäbe, die Schauspieler sind durch die Bank Klasse. Waren aber Staffel eins und zwei überwältigend, nimmt die neue als Ganzes irgendwie lange nicht richtig Fahrt auf. Erst die sechste Folge (mehr stellt der Sender vorab nicht zur Verfügung, insgesamt sind es zwölf) bringt Tempo.

Immer noch beeindruckend ist, wie es gelingt, anhand eines überschaubaren Ensembles historische Umbrüche zu erzählen, aber dieses Mal wirkt das konstruierter. Öfter hat man das Gefühl, im Geschichtsunterricht zu sitzen – so bemüht wird etwa die Einführung neuer Methoden in der polizeilichen Ermittlungsarbeit vermittelt.

Was allerdings mit klarem Kopf noch deutlicher hervortritt und umtreibt, ist das Ambivalente dieser Zeit, die uns oft vertraut und heutig erscheint – bis der Henker ins Gefängnis marschiert und einer Gefangenen – zack, zack – den Kopf abschlägt. Wir erleben eine Gesellschaft am Scheideweg. Gerade wegen dieses latenten Gefühls des Hin-und-her-Kippelns zwischen Barbarei und Fortschritt fühlt sich vieles extrem aktuell an: Es ist trotz allem DIE Fernsehserie für dieses neue Jahrzehnt.

„Babylon Berlin“, ab heute 20 Uhr auf Sky, im Herbst in der ARD

Teuer und erfolgreich

Die Krimi-Serie "Babylon Berlin" ist eine Koproduktion von ARD und Sky. Die Serie war zunächst auf 16 Folgen in zwei Staffeln angelegt und ist mit einem Budget von knapp 40 Millionen Euro die bislang teuerste deutsche Fernsehproduktion. Nach der Erstausstrahlung bei Sky  im Herbst 2017 lief sie ab September 2018 im Ersten. Die Serie war seitdem in mehr als 100 Ländern zu sehen und holte mehrere Preise. Staffel drei (12 Folgen) soll rund 30 Millionen Euro gekostet haben.⇥red