Vorweg: Es war wieder ein langer und harter Corona-Winter, dazu kommen täglich Schreckensmeldungen. Darauf mit Eskapismus zu reagieren ist menschlich. Und keine andere Serie scheint diese Sehnsucht gerade mehr zu bedienen als „Bridgerton“. Kürzlich ist die zweite Staffel auf Netflix gestartet und entführt die Zuschauer in die Welt der High Society im London des frühen 19. Jahrhunderts – oder zumindest in eine Regency-Ära, wie sie sich die Macher der Produktionsfirma Shondaland vorstellen.
Im Mittelpunkt steht die fiktive, kinderreiche Adelsfamilie Bridgerton, deren Sprösslinge nach und nach unter die Haube gebracht werden. Nachdem in der ersten Staffel Tochter Daphne ihr Glück mit einem Duke fand, soll nun der älteste Sohn und notorische Frauenheld Anthony aus dem Haifischbecken des Londoner Heiratsmarktes eine passende Braut angeln. Doch weil sein Vater jung starb und seine Mutter an dem Verlust fast zerbrach, lehnt der junge Lord eine Liebesheirat ab und will eine Vernunftehe mit Edwina Sharma, einer Schönheit aus Indien und Favoritin der Ballsaison, eingehen. Doch da ist auch noch ihre kratzbürstige Schwester Kate …

Bunt, divers und feministisch um 1810 – ergibt das Sinn?

So weit in bester Jane-Austen-Manier. „Bridgerton“ will aber, unterlegt von den Streicherversionen moderner Popsongs, mehr sein: bunt, divers und feministisch. Gar nicht so leicht, wenn die Handlung in einer Gesellschaft spielt, die in der Realität zutiefst patriarchalisch, klassenbewusst und rassistisch war. Dass zahlreiche Rollen mit Schauspielern indischer, afroamerikanischer und afrobritischer Herkunft besetzt werden, ist freilich positiv zu bewerten, da diese sonst in Historienserien wenig Chancen auf eine Rolle hätten. Und es spricht grundsätzlich nichts dagegen, der kolonialen Vergangenheit eine Fiktion entgegenzusetzen, in der Menschen um das Jahr 1810 ungeachtet ihrer Hautfarbe Machtpositionen besetzen. Doch: Nun, da die Aufarbeitung der Kolonialzeit gerade erst beginnt, ist es für eine so ungehemmt romantisch geglättete, pastellzarte Version der Geschichte noch etwas zu früh. So dringend wir derzeit etwas Realitätsflucht auch nötig haben.